Christliche Themen für jede Altersgruppe

Die Last von der Seele reden

SCHWÄBISCH HALL – Sie kümmern sich um Menschen, die von Not- und Unglücksfällen, von Gewalt oder Missbrauch betroffen sind: Die Mitarbeiter des Kriseninterventionsteams (KIT) des Landkreises Schwäbisch Hall stehen ihnen zur Seite und haben immer ein offenes Ohr – auch für Einsatzkräfte. 


Cordula Eymann, Volker Adler und Waltraud Altdörfer (von links): "Wir wissen nie, was auf uns zukommt, wenn wir eine Todesnachricht überbringen. (Foto: epd-bild)


Wer mitten in der Nacht aus dem Schlaf gerissen wird und die Nachricht vom Tod eines nahen Angehörigen erhält, wer als Verkehrsteilnehmer Zeuge eines tödlichen Autounfalls wurde, wer selber Opfer eines Überfalls oder einer Vergewaltigung wurde, braucht sofort Menschen, die ihn in dieser seelischen Ausnahmesituation auffangen. Zunächst übernahmen Pfarrer diese Aufgaben.

Pfarrer Volker Adler war schon im Main-Tauber-Kreis als Notfallseelsorger tätig, bevor er die Gemeinde Vellberg im Kirchenbezirk Schwäbisch Hall übernahm. Dabei hatte er die Erfahrung gemacht, dass es Menschen gibt, die in Krisensituationen nichts mit der Kirche zu tun haben wollen. Deshalb war er offen für den Anstoß des Landkreises, ein Kriseninterventionsteam (KIT) aus kirchlicher Notfallseelsorge und ehrenamtlichen Mitarbeitenden der Hilfsorganisationen aufzubauen.

Seine erste große Bewährungsprobe hat das KIT bei der Flutkatastrophe Ende Mai 2016 bestanden, als der Ort Braunsbach bei Schwäbisch Hall nach flutartigen Regenfällen von Wasser- und Geröllmassen überschwemmt wurde. „Ohne eine klare hierarchische Struktur mit einer Einsatzzentrale, die den Überblick hat und Führungskräften vor Ort hätte das nie funktioniert“, sagt Cordula Eymann aus dem KIT-Führungsteam.

Die 41-Jährige hat wie jedes ehrenamtliche KIT-Mitglied eine Ausbildung zur psychosozialen Notfallversorgung von Betroffenen durchlaufen. „Man sollte schon eine stabile Persönlichkeit haben und braucht Empathie und ein Herz für diesen Dienst“, sagt sie. 

„Gerade bei größeren Unfallereignissen ist es notwendig, dass sich jeder KIT-Helfer ins Team einfügt“, betont Waltraud Altdörfer, die sich wie ihre gesamte Familie seit Jahrzehnten ehrenamtlich im Arbeiter-Samariter-Bund engagiert. Sie teilt sich zur Zeit mit sechs Kollegen die Acht-Stunden-Schichten als so genannter „Kopf“, der die Einsätze koordiniert.

Die Polizei oder die Feuerwehr kann das KIT-Team über die Rettungsleitstelle anfordern. „Ich rufe dann bei den Mitarbeitern an, die in der Nähe sind, bei einem Notfallseelsorger und einem Ehrenamtlichen. Unsere Leute sollen möglichst zu zweit in den Einsatz gehen“, erklärt Altdörfer.

Ganz wichtig ist den dreien der Hinweis, dass jedes KIT-Mitglied einen Einsatz ablehnen kann, wenn es sich nicht stabil genug fühlt. „Das ist eine meiner ersten Fragen, wenn ich anrufe: ‚Hast du Zeit? Hast du ein Auto? Fühlst du dich in der Lage, den Einsatz zu übernehmen?‘, sagt Altdörfer. Eine persönliche Beziehung zu der betroffenen Familie könne ein Grund sein, nein zu sagen, oder Ärger im Job, der einen beschäftigt. „Dann hat man den Kopf nicht frei.“

„Wir wissen nie, was auf uns zu kommt, wenn wir eine Todesnachricht überbringen. Da müssen wir mit allem rechnen“, sagt Eymann. „Meist sind die Einsatzkräfte von Polizei und Feuerwehr froh, wenn wir sie unterstützen. Sie haben gar nicht die Zeit, sich um die Gefühle der Menschen zu kümmern, weil sie andere Aufgaben haben.“

Nach besonders schlimmen Einsätzen wie einem Suizid auf Bahngleisen oder einem Massenunfall auf der Autobahn sind die KIT-Helfer auch bei den Einsatzkräften der Feuerwehr und des Rettungsdiensts gefragt. „Der frühere Feuerwehrkommandant Volker Damm hat uns mehrmals gebeten, nach solchen Einsätzen zu kommen, damit sich seine Leute die Last von der Seele reden können“, erinnert sich Waltraud Altdörfer. „Bei euch KIT-Leuten darf ich auch mal weich und Mensch sein.“ Über diese Aussage eines einsatzerfahrenen Feuerwehrmanns hat sich Cordula Eymann sehr gefreut.

Und wie erträgt die Seele der KIT-Helfer so viel Schmerz? „Wir sind nur in der Akutsituation für die Betroffenen da, um sie aufzufangen, um ihnen ein Netzwerk an Unterstützung aufzubauen, etwa aus Nachbarn und Freunden, die sich die nächsten Tage um sie kümmern und informieren die Leute, wo sie sich professionelle Hilfe holen können. Ein zweites Mal kommen wir nicht. Wir sind keine Therapeuten“, betont Eymann.

Bei aller Empathie sei es wichtig, Distanz zu halten, um sich selber zu schützen. Waltraud Altdörfer erinnert sich an einen schlimmen Einsatz, nach dem sie noch fast eine Stunde mit ihrem KIT-Partner zusammensaß. „Wir haben uns alles von der Seele geredet, das tat gut“, sagt sie. Adler sucht nach seinen Einsätzen die Kirche auf. Nach den intensiven Begegnungen mit den Menschen im Einsatz tut ihm die Stille gut, um runter zu kommen. „Im Gebet kann ich den zurückliegenden Einsatz und die davon betroffenen Menschen getrost loslassen“, sagt er.

Ein großer Fortschritt sei es gewesen, als der Landkreis ihnen uniforme Einsatzkleidung mit dem Landkreis-Logo gestellt hat. Einmal, um als KIT-Helfer vor Ort deutlich erkennbar zu sein. „Aber auch, weil es unglaublich entlastet, wenn man seine Dienstkleidung auszieht und an den Nagel hängt“, sagt Altdörfer. „Auch beim Protokollieren des Einsatzes reflektiert man sich und gewinnt Abstand“, ergänzt Cordula Eymann.

Wer nach einem Einsatz Gesprächsbedarf hat, kann das im Protokoll sogar vermerken. Außerdem gibt es Dienstabende, wo Fälle besprochen werden, und einmal im Jahr eine Supervision, um das Erlebte zu verarbeiten.


Information
Das Kriseninterventionsteam im Landkreis Schwäbisch Hall besteht aus Mitgliedern der evangelischen und katholischen Kirche, der Freiwilligen Feuerwehr (FFW), des Deutschen Roten Kreuzes (DRK), des Arbeiter-Samariter-Bunds (ASB), der Deutschen Lebensrettungsgesellschaft (DLRG) und des Technischen Hilfswerks (THW). Alle sind ehrenamtlich tätig. Das KIT ist ein kostenfreies Angebot im Landkreis Hall, das jeder über den Notruf 112 anfordern kann. 2016 wurde das KIT 68mal angefordert, mit steigender Tendenz. 2015 hat das KIT vom Bundesinnenminister den Förderpreis „Helfende Hand“ in der Kategorie „Innovative Konzepte“ verliehen bekommen.

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