Christliche Themen für jede Altersgruppe

Die namenlosen Helfer in der Not

HEILBRONN – 70 ehrenamtliche Mitarbeiter bilden das Rückgrat der Telefonseelsorge Heilbronn. Wer mitmachen will, muss eine einjährige Ausbildung absolvieren. Der Lohn ist das Gefühl, für andere Menschen da zu sein und sich selbst besser kennenzulernen.

Die Mitarbeiter der Telefonseelsorge sind Tag und Nacht für Hilfesuchende da. Dabei bleiben sie stets im
Hintergrund. (Foto: Frank Lutz)



Viele tragische Schicksale hat Marina Böhm (Name geändert) im Laufe der Zeit kennengelernt. Und doch gibt es manchmal Momente, die auch die langjährige ehrenamtliche Mitarbeiterin der Telefonseelsorge Heilbronn erschüttern. „Es gab zwei Anrufe, die mich sehr mitgenommen haben“, sagt die 62-Jährige. „Der eine kam von einem Mädchen, das im Freundeskreis sexuell missbraucht wurde. Das andere Mal hat ein Mann angerufen, der Frau und Kind auf einen Schlag verloren hatte und sich schuldig fühlte.“

Beide Anrufer hätten offen über ihre Situation und ihre Gefühle gesprochen und es habe sich ein fruchtbares Gespräch entwickelt. Trotzdem sagt Böhm: „Ob ich jemandem helfen konnte, kann ich nie mit Sicherheit sagen.“

Es ist nämlich selten, dass ein Telefonseelsorger ein zweites Mal mit dem gleichen Anrufer spricht. Schließlich gehören zur von evangelischer und katholischer Kirche getragenen Telefonseelsorge Heilbronn mehr als 70 ehrenamtliche Mitarbeiter. Sie wechseln sich untereinander ab und ermöglichen so, dass die Einrichtung jeden Tag rund um die Uhr erreichbar ist. Außerdem bleiben die Mitarbeiter stets im Hintergrund und geben ihre Identität nicht preis – zu ihrem eigenen Schutz und weil sich viele Anrufer in der Anonymität leichter öffnen können.

Gespräche mit psychisch schwer erkrankten, selbstmordgefährdeten oder sexuell missbrauchten Menschen sind sicher bewegende Erfahrungen. Doch die meisten der rund 20?000 Anrufer pro Jahr haben viel alltäglichere Sorgen: „Ganz viele rufen an wegen Problemen, die jeder und jede von uns kennt“, sagt Pfarrer Jürgen Weber, Leiter der Telefonseelsorge Heilbronn. „Da ist der 16-Jährige, der nicht weiß, wie er mit seiner Freundin Schluss machen soll. Oder der 15-Jährige, der entdeckt, dass er schwul ist.“ Immer wieder suchten auch Frauen und Männer Hilfe, die sich scheiden lassen wollten.

Wer Menschen in so verschiedenen Situationen helfen will, muss entsprechend geschult werden. Die Ausbildung zum Telefonseelsorger dauert rund ein Jahr. Dabei lernen die angehenden Mitarbeiter mit vielen praktischen Übungen, wie sie ein zielführendes Gespräch führen können. Schon vorher setzen sie sich intensiv mit ihrer eigenen Persönlichkeit auseinander: Sie beschäftigen sich mit Persönlichkeitspsychologie und analysieren die eigenen Beziehungen sowie die Familie, in der sie aufgewachsen sind. „Es ist nötig, sich selbst auf die Spur zu kommen, um das Eigene von dem des Anrufenden unterscheiden zu können“, erklärt Jürgen Weber. Besonders diesen Teil der Ausbildung findet Marina Böhm wertvoll: „Ich habe mich dadurch akzeptiert, wie ich bin.“

Ist die Ausbildung dann beendet und die Mitarbeiter nehmen ihre ersten Anrufe entgegen, sind sie weitgehend auf sich allein gestellt. Daher gelte es, einige Dinge zu beachten: „Wichtig ist, dass eine Begegnung stattfindet. Dazu muss man ganz beim Anderen sein und sich jedes Mal aufs Neue auf den Menschen einlassen, der gerade am Telefon ist“, sagt Marina Böhm.

Zu viele Tipps zu geben sei wenig zielführend. „Einer der ersten Sätze in der Ausbildung war: Auch Ratschläge können Schläge sein“, erinnert sich die 66-jährige Birgit Gebhard (Name geändert), die seit drei Jahren ehrenamtlich in der Telefonseelsorge mitarbeitet. „Stattdessen sollte man zunächst nur zuhören und den Anrufer reden lassen.“ Oft fühlten sich die Hilfesuchenden allein durch das Aussprechen ihrer Sorgen erleichtert oder fänden im Laufe des Gesprächs eine Lösung.

Doch es ist nicht nur wichtig, dass die Seelsorger gut zuhören und sich in ihr Gegenüber einfühlen. Sie sollten auch möglichst authentisch auftreten: „Ich versuche die Dinge, die die Leute gesagt haben, mit eigenen Worten wiederzugeben, Gefühle anzusprechen und ehrliche Antworten zu geben“, berichtet Böhm. Dabei müsse man sich nicht alles gefallen lassen: „Ich sage auch mal, wenn mich etwas zornig oder sprachlos macht“, fügt Gebhard hinzu.

Wichtig sei es, sich selbst nicht zu belasten: „Man kann sich das Leid anderer nicht zu eigen machen.“ Damit auch die Mitarbeiter ihre Sorgen loswerden können, nehmen sie jeden Monat an einer Supervision teil. Dabei sprechen sie die Telefonate an, die sie als besonders schwierig empfunden haben.

Auch wenn ihre Tätigkeit manchmal viel Kraft kostet, empfindet Gebhard sie als ungemein erfüllend: „Ich habe mich und manche meiner Handlungsweisen dadurch näher kennengelernt. Und wir haben eine tolle Gemeinschaft unter den Ehrenamtlichen.“

Auch Marina Böhm will die vielen wertvollen Gespräche, die sie im Laufe der Jahre geführt hat, nicht mehr missen: „Ich finde es bereichernd, einfach da zu sein für diesen Moment, wenn ich am Telefon bin. Und den Menschen, der bei uns anruft, ein bisschen zu entlasten.“

Information

Eine neue Ausbildung beginnt im September. Interessenten sollten lebenserfahren sein, eine seelische Stabilität mitbringen und bereit sein, sich auf erfahrungsbezogenes Lernen einlassen. Bewerbungsunterlagen können bis Ende August unter Telefon 07131-86566 oder per E-Mail bei ts.heilbronn@t-online.de angefordert werden. Die Teilnahme am Orientierungstag Mitte September ist verpflichtend. Wer die kostenlose Ausbildung absolviert hat, verpflichtet sich, drei Jahre lang mindestens 15 Stunden im Monat mitzuarbeiten.

Kontakt für Hilfesuchende: Die Telefonseelsorge ist rund um die Uhr unter Telefon 0800-1110111 oder 0800-1110222 erreichbar. Weitere Informationen gibt es im Internet unter www.telefonseelsorge.de


Evangelisches Gemeindeblatt

Aktuelle Ausgabe 49/2017

THEMA - Angst überwinden

Ausgabe 4/2017

Luthers-Familienzeit

Jetzt Online-Magazin testen.

Meinungsumfrage

Meinungsumfrage

Werden Sie im neuen Jahr einen guten Vorsatz umsetzen?
Ja.
Nein.
Ich bin unentschieden.