Christliche Themen für jede Altersgruppe

Suche Arbeit – und ein Zuhause

BAD WIMPFEN (Dekanat Heilbronn) – In ihrer Heimat nahe Damaskus konnten sie nicht mehr zur Arbeit und nicht mehr in die Schule, weil sie sich kaum aus dem Haus wagen konnten. In Bad Wimpfen werden sie jetzt auf der Straße von fremden Leuten gegrüßt: weil sie für viele „unsere Syrer“ sind. Eine ermutigende Geschichte über Flucht und Hilfsbereitschaft.

Auf dem Wohnzimmersofa rücken alle zusammen. Im Vordergrund Maria (14), die Anfang Februar von der Hauptschule direkt aufs Gymnasium wechseln konnte.  (Foto: Franziska Feinäugle)

Es ist ein bisschen unübersichtlich in dem Haus am Rand der Altstadt: Männer, Frauen und Kinder wechseln zwischen Küche und Wohnzimmer hin und her, alle sind miteinander verwandt oder verschwägert, und man verliert leicht den Überblick, wer wer ist. „Das ist meine Tante“, erklärt die 14-jährige Maria, ein Mann stellt zwei andere als seine Schwester und seinen Neffen vor, und allen gemeinsam ist ein Anliegen. „Ich bin Milad“, sagt einer. „Ich bin Goldschmied und suche Arbeit.“ Und Maria sagt: „Alle in der Familie brauchen Arbeit.“

Arbeit – und eine neue Heimat. Alle 19 Personen, die jetzt in diesem Haus wohnen, sind aus ihrer alten Heimat geflohen. Vor dem Bürgerkrieg in Syrien. Ihr Glück war, dass es in Bad Wimpfen einen gab, der sich darum bemüht hat, sie in Sicherheit zu bringen: Bassam Al Khouri, ein Arzt, der seit Jahren in Bad Wimpfen zuhause ist und syrische Wurzeln hat. Er hat dieses Haus extra für seine Geschwister und ihre Familien gemietet, sitzt jetzt auf einem der Sessel im Wohnzimmer und schildert die Stimmung. „Keiner hat Privatsphäre, seit Monaten.“

Es sind einfach sehr viele Personen auf vergleichsweise engem Raum. Hier leben sie, hier lernen sie Deutsch, hier hoffen sie. „Klar: Sie sind vor dem Tod gerettet worden“, sagt der 36-Jährige. „Aber sie sind gestresst.“ Und sie sind gleichzeitig ein Beispiel dafür, wie Nächstenliebe und Hilfsbereitschaft eine ganze Kirchengemeinde, und Menschen miteinander verbinden können.

„Ich wollte sie da rausholen“, sagt Bassam Al Khouri. Sein Traum war, seine Geschwister vor dem Bürgerkrieg in Syrien zu retten und ihnen den Weg in eine neue Heimat zu bereiten, eine Heimat, in der sie in Sicherheit sind vor Angst und Tod und Grausamkeit. Also begann er sich vor zwei Jahren zu bemühen, setzte sich mit Ämtern und staatlichen Stellen in Verbindung, kämpfte um Einreisegenehmigungen und unterschrieb, für alle entstehenden Kosten der einreisenden Familien aufzukommen.

Und dann geschah plötzlich etwas, was er sich selbst bei größter Hoffnung nicht hätte träumen lassen: Alle seine Geschwister durften im Rahmen der Familienzusammenführung einreisen, mit ihren Ehepartnern und mit ihren minderjährigen Kindern. Im November kam die erste Familie an, im Februar die sechste. 26 Personen sind es mittlerweile. Mehr, als die Al Khouris bei sich zuhause aufnehmen können. Das wussten sie.

Deshalb war Bassam Al Khouri und seiner Frau Christiane Krestel-Al Khouri klar: Jetzt brauchen sie Hilfe. Und mit drei Zeilen in einer E-Mail nahm das Wunder von Bad Wimpfen seinen Lauf. Die E-Mail schrieb Christiane Krestel-Al Khouri an ihre Pfarrerin Heidi Buch. Eigentlich fragte sie nur, ob die Pfarrerin helfen könnte, Arbeit für die ankommenden Verwandten zu suchen. Aber die Pfarrerin hatte eine konkrete Idee: „Ich könnte mir so etwas vorstellen wie Paten für die Familien.“ Da ahnte Heidi Buch noch nicht, dass ihr freundliches helles Büro binnen kürzester Zeit die Koordinationszentrale einer Hilfsaktion werden würde: „Für mich war völlig überraschend, wie die ganze Gemeinde hilft“, erzählt die Pfarrerin. „Und ganz oft habe ich gehört: Wir helfen gern, wenn wir sehen, wo unsere Hilfe hingeht.“

Und das sieht man in Bad Wimpfen sehr genau. Die Geldspenden aus der 2800-köpfigen Gemeinde reichen, um ein ganzes Jahr lang die Miete für ein zweites Haus zu bezahlen, in dem mehrere der syrischen Familien nun wohnen. Und die Sachspenden waren so zahlreich und großzügig, dass Bassam Al Khouri nun in dem ersten angemieteten Haus auf seinem Sessel sitzt und sagen kann: „Ich musste nichts kaufen.“

Sechs Familien sind ausgestattet mit Bekleidung, Möbeln und allem anderen, was sie brauchen. Die Pfarrerin und Christiane Krestel-Al Khouri ermitteln jede Woche aufs Neue, was benötigt wird: „Weil so viele Leute hier anrufen, die Bettwäsche oder Töpfe zu verschenken haben oder wissen wollen, welche Kleidergröße gebraucht wird“, schildert Heidi Buch. „Und wir müssen uns absprechen: Was machen wir, wenn ein Schlafzimmer angeboten wird? Brauchen wir es?“

Den ganzen Winter über hat sich die Situation jede Woche verändert, weil immer neue Familienmitglieder dazukamen, dem Tod entronnen. Sie schlafen zu viert in einem Zimmer und rücken ihre Matratzen tags an die Wand, um daran vorbeigehen zu können. „Was uns hilft“, sagt Pfarrerin Heidi Buch, „ist, dass es sich um Christen handelt: Sie sind sichtbar in unserer Kirchengemeinde.“
Und sie machen sichtbar, was in der Kirchengemeinde alles für Fähigkeiten stecken: Da ist Gemeindemitglied Helmut Schmiedeknecht, der mit der 14-jährigen Maria lernt und Hausaufgaben macht und dazu beigetragen hat, dass das Mädchen im Februar direkt von der Hauptschule aufs Gymnasium wechseln konnte.

Da sind die Kirchengemeinderatsmitglieder, die unkompliziert ihr Gästezimmer samt Frühstück zur Verfügung stellen, damit eine weitere Schlüsselfigur dieser Geschichte ein Quartier hat: Heidi Antal, eine 75-jährige pensionierte Lehrerin aus Berlin, die im Fernsehen von den Wimpfener Syrern erfahren und sofort gedacht hat: Denen gebe ich Deutschunterricht.

Das tut sie nun im Sitzungssaal des evangelischen Gemeindehauses, eine Woche lang, von morgens neun bis abends 19 Uhr. „Wenn sie eine Sprache lernen, begreifen sie ja ein Stück Kultur“, sagt die 75-Jährige – und legt mit ihren Schülerinnen und Schülern die Hände in die Wangen, damit sich die Lippen spitzen, so dass „Syrien“ auch nach „Syrien“ klingt statt nach „Surien“.
Übung scheuen sie nicht, die Bad Wimpfener Syrer. Die 35-jährige Mayssoun (35) bringt ihr Heft mit ins Wohnzimmer und sagt in verblüffend geschliffenem Deutsch: „Ich möchte schnell Deutsch lernen, damit ich Arbeit finde. Ich bin Apothekerin, und ich möchte als Apothekerin arbeiten oder in der pharmazeutischen Industrie.“ Maria (14), die den Sprung aufs Gymnasium geschafft hat, ist glücklich, denn „in der Schule helfen mir viele: In jedem Fach helfen mir zwei Leute.“

Der zwölfjährige Josef ist in der Schule auch auffallend gut, aber er wirkt an diesem Abend sehr bedrückt. Seiner Mutter stehen Angst und Sorgen in den Augen: Sie wird wohl mit Mann und Sohn zurück nach Syrien gehen – trotz aller Gefahren. Denn ihre älteren Kinder, Sohn George (22) und Tochter Nour (20), sind noch allein in Damaskus; das deutsche Einreiseabkommen schließt nur minderjährige Kinder mit ein, nicht volljährige. „Wenn sie Pech haben, sterben sie“, sagt Bassam Al Khouri, der den Neffen und die Nichte auch nach Deutschland holen will. „Das Mädchen hat sogar eine Zulassung zur Uni Heidelberg zum Studium.“

Und während einzelne Schicksale noch ganz ungewiss sind, hat das Thema Migration in Bad Wimpfen einen neuen Stellenwert bekommen: Die Stadt und beide Kirchengemeinden haben einen Runden Tisch gegründet und loten aus, wie Integration gelingt. „Wir möchten nicht, dass gedacht wird, wir kümmern uns nur um eine syrische Familie“, sagt Pfarrerin Heidi Buch. „In den Kindergärten haben wir gesehen, dass viele Kinder kein Deutsch können.“ Auch ihnen könnte in Bad Wimpfen demnächst geholfen werden.

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