Christliche Themen für jede Altersgruppe

Training für die grauen Zellen

SCHWAIGERN (Dekanat Brackenheim) – Eine Demenz-Erkrankung belastet Betroffene und Angehörige. Das Gedächtnis weist immer öfter Lücken auf, die Kindheit ist dagegen plötzlich wieder präsent. Um die geistigen Fähigkeiten zu unterstützen und zu aktivieren, lassen sich die Veranstalter der Betreuungsgruppe für demenziell erkrankte Menschen in Schwaigern immer wieder etwas anderes einfallen. 


Bei einem Glas alkoholfreiem Sekt und in entspannter Atmosphäre werden mit Unterstützung von Susanne Schweikert (hinten links) Erinnerungen ausgetauscht  und wachgerufen. (Foto: Astrid Link)

„Wie war das früher am Wochenende? Gab es bestimmte Dinge, die erledigt werden mussten?“, fragt Susanne Schweikert. „Wurde das Haus geputzt?“, hakt die Betreuerin nach. „Ja, meine Mutter hat geputzt, die Straße gekehrt und wir Kinder mussten helfen“, erinnert sich Frau L. lächelnd. Samstag war  Familien-Badetag, in einer Zinkwanne mit heißem Wasser in der Waschküche. 

Nach und nach tragen die sieben Teilnehmerinnen beim Treffen der Betreuungsgruppe für demenziell erkrankte Menschen in der Schwaigerner Diakoniestation die Kindheits-Erinnerungen zusammen. Der Kirchgang in Sonntagskleidung, die gute Tischdecke beim Frühstück und der Bohnenkaffee, der plötzlich eine ganze Erinnerungswelle auslöst.

Frau R. erzählt vom „Muckefuck“, dem Kaffee-Ersatz aus Zichorien, der in der Kriegs- und Nachkriegszeit getrunken wurde. Mittags gab es Braten. Die Mittagsruhe danach wurde streng eingehalten. Nachmittags spielte die ganze Familie Quartett oder „Mensch ärgere dich nicht“.

Glänzende Augen bekommen die alten Damen, während sie erzählen. „Wir beginnen jedes Treffen mit einem bestimmten Thema, das ich mir überlege. Das können die Jahreszeiten sein, Pflanzen und Obstsorten oder alte Spiele. An früher können sich Demenzkranke sehr gut erinnern, da blühen sie regelrecht auf“, erklärt Susanne Schweikert. Sie begleitet das Treffen zweimal wöchentlich, zusammen mit ehrenamtlichen Helfern.

Für die ehemalige Arzthelferin ist ihre Tätigkeit als examinierte Betreuungsassistentin eine Berufung. Sie bringt unter anderem die Erfahrungen aus ihrer früheren Arbeit im Seniorenheim mit. „Man braucht Geduld und Fingerspitzengefühl“, berichtet die 59-Jährige. Der zweite Teil der nachmittäglichen Runde von drei Stunden wird an die Kaffeetafel verlagert. Volker Siedentopf, ehrenamtlicher Helfer und Chauffeur der Teilnehmer, die nicht von Angehörigen gebracht werden können, hat Kaffee gekocht und Kuchen gekauft. Charmant, immer mit einem witzigen Spruch auf den Lippen, kümmert sich der sportliche 74-jährige um „seine“ Damen.

Nach der Kaffeestunde singt er mit ihnen Lieder wie „Caprifischer“ oder „Hoch auf dem gelben Wagen“. „Die meisten können die Lieder auswendig, weil sie sie in frühester Jugend gelernt haben. Das bleibt im Gedächtnis haften“, berichtet der gebürtige Sachse, der auch für gymnastische Übungen zuständig ist. „Jetzt haben wir gut gegessen und schön gesungen, nun sind die alten Knochen dran“, meint er augenzwinkernd.

Die Finger werden gedehnt und gegeneinander gedrückt, die Arme gestreckt und mit den Füßen die Venenpumpe gemacht. „Gut auf und ab bewegen, dann fließt das Blut leichter. Das könnt ihr auch vor dem Fernseher machen, ohne Anstrengung“, sagt er und leitet die Frauen an, denen manche Bewegung sichtlich schwer fällt.

Nach der körperlichen ist die geistige Aktivität wieder gefragt. Susanne Schweikert fächert große, laminierte Buchstaben auf, von denen jeder einen ziehen darf. „Nennen Sie mir einen Frauennamen mit U“, fordert sie Frau K. auf, die den Buchstaben gezogen hat. „Ursula“, kommt prompt zurück. Bei „G“ muss ein Gemüse genannt werden, bei „K“ eine Stadt. Wird zu lange überlegt, hilft Susanne Schweikert mit Eselsbrücken.

Die Übung folgt dem Prinzip von „Stadt, Land, Fluss“ und soll das Gehirn aktivieren. Alles, was die grauen Zellen anregt, ist hilfreich. Deshalb ändern sich die Spiele immer wieder. „Auch der soziale Kontakt ist wichtig. Viele Frauen sind den ganzen Tag allein, weil der Mann gestorben und die Familie weit weg ist“, erzählt Volker Siedentopf, der einige Damen nach dem Abschlusslied wieder nach Hause fährt.

Information

Die Demenzgruppe wird jeden Dienstag und Donnerstag von 14 bis 17 Uhr angeboten. Die Kosten (23 Euro) können eventuell von der Pflegekasse übernommen werden. Auf Wunsch mit Fahrdienst:  Diakoniestation Schwaigern, Zeppelinstraße 33, Telefon 07138-97300, www.diakoniestation-leintal.de


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