Christliche Themen für jede Altersgruppe

Abstauben in der Kirche

HAITERBACH (Dekanat Nagold) – Im Schwabenland hat Staub einen schlechten Ruf und kaum Über­lebenschancen. Kein Wunder, dass Hermann Künert ganz schön suchen musste, um in der Laurentius­kirche überhaupt welchen zu finden. Er hat es geschafft – und damit ist die kleine Gemeinde Haiterbach im Staubarchiv Köln vertreten. 



Der Staub aus dem Inneren der Haiterbacher Kirchenorgel liegt nun im Staubarchiv in Köln. (Foto: Bärbel
Altendorf-Jehle)


Es ist kein Scherz: In Köln gibt es tatsächlich ein Staubarchiv, und zwar schon seit 2004. Und es wird ernsthaft und mit wissenschaftlicher Akribie aufgebaut. Chef des Ganzen ist der Künstler und Kulturhistoriker Wolfgang Stöcker und der sagt: „Staub ist vielleicht das einzig wirkliche Kunstwerk, denn in der Natur kommt Staub gar nicht vor.“

Dennoch gibt es im deutschen Staubarchiv in Köln auch Naturraumstäube. Es werden aber auch in dieser Rubrik nur außergewöhnliche Stäube aus Wüsten, Nationalparks, Bergen und berühmten Stränden archiviert. Ansonsten kommen die Wollmäuse aus historisch wertvollen und bedeutenden Bauwerken.

Da gibt es sakrale Stäube aus dem Kölner, Würzburger oder Bamberger Dom. Kulturstäube, beispielsweise aus dem Opernhaus Sydney oder den Cheopspyramiden. Da gibt es Politikstaub aus dem Landtag Mecklenburg-Vorpommern und der verbotenen Stadt in Peking. Staub aus Weingütern findet man in der Rubrik kulinarische Stäube. Unter diesen Staubschätzen aus aller Welt sind nun auch die Staubtütchen von der Laurentiuskirche aus Haiterbach. Sie ist damit die erste ländliche Kirche, die mit ihrem Staub das Kölner Staubarchiv bereichert.

Der Grafiker Hermann Künert ist in Haiterbach kein Unbekannter. Wenn eine besondere Idee im Ort aufkommt, stammt sie bestimmt von ihm. Er hatte im Radio vom Staubarchiv gehört. Mein erster Gedanke: „Warum nur Staub aus großen bedeutenden Kirchen und nicht auch Staub aus einer kleinen Dorfkirche?“ Er nahm Kontakt mit Stöcker auf und rannte dort offenen Türen ein. Denn Ziel des Staubarchivs ist es, so viel Staub wie möglich zu bekommen.

Alle Kirchengemeinden haben die Möglichkeit, Staub aus ihrer Kirche an das Archiv nach Köln zu schicken. Auch Privatpersonen können, beispielsweise aus ihrem Urlaub, Staub mitbringen. Und zwar dann, wenn sie ihn an besonderen Orten oder in historischen Gebäuden gefunden haben. Denn Wolfgang Stöcker kann natürlich nicht überall den Staub selbst sammeln, sondern ist auf viele Mithelfer angewiesen.

Besen und Kutterschaufel müssen jedoch im Schrank bleiben. Was benötigt wird, ist ein sauberer Pinsel. Tütchen und Nummern schickt das Staub­archiv auf Anfrage zu. Ist der Staub gefunden, muss ein Nummernschild aufgestellt und fotografiert werden. Dann mit dem Pinsel den Staub in das Tütchen füllen, verschließen und beschriften. Im Falle von Hermann Künert kam auf das Dokumentationsblatt mit dem Bild der Text: „Laurentiuskirche Haiterbach, Orgelinneres. Staub entnommen durch Hermann Künert, Haiterbach.“ Bild und Text werden mit Datum versehen und wenn alles in Köln archiviert ist, auf die Internetseite www.deutsches-staubarchiv.de gestellt.

Ein Staubsammler muss aber zuerst Überzeugungsarbeit leisten, denn ungläubige Blicke sind vorprogrammiert. Auch Mesner Thomas Scheu schaute Hermann Künert etwas entgeistert an. Ist die Erklärung geschafft, kommt das zweite Problem, das vor allem für das Schwabenland gilt. Mesner Scheu brachte es gleich vor: „Sie werden keinen Staub in unserer Kirche finden“, erklärte er mit etwas vorwurfsvoller Stimme. Hermann Künert ist in der evangelischen Kirche engagiert, kennt das Gebäude in und auswendig und weiß, dass Thomas Scheu penibel auf Sauberkeit achtet. Doch an den Stellen, wo Künert den Staub sammeln wollte, da putzt auch die beste Reinigungskraft nicht.

Künert zwängte sich voller Hoffnung auf Berge von Staub in das Innere der alten Orgel. Doch – Künert konnte es nicht fassen – auch hier alles pikobello sauber. Warum? Mesner Scheu schmunzelte. Die Orgel war vor nicht gar zu langer Zeit gründlich gewartet und gereinigt worden. Aber einmal vom Staubfieber gepackt, arbeitete sich Künert weiter in das Innere und tatsächlich, er fand eine Stelle, die verdächtig alte Staubablagerungen aufwies.

Fündig wurde Künert auch auf den Turm der Laurentiuskirche und dem Dachboden. In dem Staub, den er dort eingesammelt hat, fand sich sogar uralter Spelz von Getreidekörnern, denn in längst vergangenen Zeiten wurde das Viehfutter auf dem Kirchenboden gelagert. Über diesen Fund freute sich Wolfgang Stöcker besonders. Er will nun versuchen, diese Frucht zum Keimen zu bringen, wenn ihm das gelingt, wollen Stöcker und Künert versuchen, auf einem Feld bei Haiterbach diese alte Getreidesorte anzubauen.

„Das wäre doch ein ganz besonders schönes Ergebnis dieser Staubsammlerei“, sagt Künert begeistert. Er freut sich auch auf das Angebot von Stöcker, möglicherweise mit einer Ausstellung nach Haiterbach oder Nagold zu kommen. Dann könnten die Haiterbacher ihren eingetüteten Kirchenstaub neben anderen Stäuben aus bedeutenden Gebäuden bewundern. Bei diesen Zukunftsaussichten nimmt es Hermann Künert auch ganz gelassen, wenn ihm seine Freunde schelmisch auf den Rücken klopfen und meinen: „Hast Du nicht Lust, bei uns daheim ein bisschen Staub zu wischen?“.


Information
Das Staubarchiv in Köln kann nur nach individueller Anfrage besichtigt werden. Es gibt derzeit 400 Proben, gelagert in drei Metern Aktenordnern. Zusätzlich gibt es allerhand Kisten, Kästen und Gläser.  Kontakt: Wolfgang Stöcker, Am Fliederbusch 21, 50827 Köln, Telefon: 0221-1793984, E-Mail: info@deutsches-staubarchiv.de. Weitere Informationen im Internet unter www.deutsches-staubarchiv.de


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