Christliche Themen für jede Altersgruppe

Das Herz fürs Vaterland

HORB (Dekanat Sulz am Neckar) –  Sie glaubten, ihr Einsatz fürs Vaterland würde ihnen endlich die volle bürgerliche Gleichberechtigung bringen. Ein Trugschluss für tausende jüdische Soldaten, die teilweise mit Orden aus dem Ersten Weltkrieg kamen und dennoch im Zweiten Weltkrieg verfolgt oder umgebracht wurden. Eine Ausstellung in Horb am Neckar widmet sich diesem Thema.  


Die Ausstellung beschäftigt sich mit dem Schicksal jüdischer Soldaten. (Foto: Bärbel Altendorf-Jehle)

Er stützt sich auf seinen Stock, weißes Haar, wache interessierte Augen. Meinrad Tenné, ehemaliges Mitglied des Zentralrats der Juden, besucht die neuste Ausstellung im früheren jüdischen Betsaal in Horb. „Mein Herz gab ich dem Vaterland“ so heißt die Ausstellung des Vereins „Ehemalige Synagoge Rexingen“ in Anlehnung an die Grabsteinaufschrift von Rubin Zürndorfer auf dem jüdischen Friedhof in Rexingen, einem Ortsteil von Horb. Er starb 1917 im Garnisonslazarett in Tübingen mit 45 Jahren.

Zürndorfer war einer von 126 jüdischen Männern aus Horb und seinen Teilorten, die im Ersten Weltkrieg als Frontsoldaten, meist in Flandern und in Frankreich Seite an Seite mit ihren nichtjüdischen Kameraden für König und Vaterland Schreckliches erlebten, erlitten und selbst ausführten.

Auch Meinrad Tennés Vater, Heinrich Teschner, hat als deutscher Jude im Ersten Weltkrieg treu für das Kaiserreich gekämpft und nie gedacht, dass die Nazis ihm und seiner Familie dennoch großes Leid antun würden. Vater und Sohn konnten in die Schweiz fliehen, Mutter und Schwester wurde jedoch die Einreise verweigert. Sie  flohen nach Holland. Doch dort wurden sie von den vorrückenden NS Truppen aufgegriffen und im KZ Auschwitz ermordet. Meinrad, der seinen deutschen Namen Teschner ins Hebräische Tenné geändert hat, geht an den ähnlichen Schicksalen, die in der Horber Ausstellung aufgezeigt werden, vorbei, liest sie.

Wie das Schicksal von Otto Schwarz. Bei Kriegsbeginn war er 24 Jahre alt. Er wurde dreimal schwer verletzt. Er erhielt das Eiserne Kreuz, die Württembergische Silberne Militärverdienstmedaille und das Ritterkreuz des Württembergischen Friedrichs-Ordens. 1935 wurde er dann aus dem Reichsverband der Offiziere ausgeschlossen: „Juden können nicht Mitglieder sein“, hieß es.  Mit seiner Frau emigrierte er ins englische Mandatsgebiet Palästina. Seine drei Schwestern wurden deportiert und ermordet.

Mit Originaldokumenten jüdischer Frontsoldaten aus den jüdischen Gemeinden Horb, Rexingen, Nordstetten, Mühringen und Mühlen zeigt die Ausstellung, wie im Ersten Weltkrieg die Grundlagen für die Ausbreitung des Nationalsozialismus gelegt wurden. Sie zeigt Menschenschicksale. Männer, die für ihr Vaterland gekämpft haben und später von ihrem Vaterland fallen gelassen wurden oder aus ihm fliehen mussten.

„Es ist so wichtig, das jungen Menschen zu vermitteln“, sagt Meinrad Tenné. Er zeigt auf die Fahne mit der Judenzählung. „Es gibt nur wenige, die das noch wissen.“ Beim Ausbruch des Ersten Weltkriegs verkündete Kaiser Wilhelm II., „Ich kenne keine Parteien und keine Konfessionen mehr“. Dieser Burgfrieden ließ die jüdischen Bürger hoffen, endlich in allen Bereichen der Gesellschaft gleiche Rechte zu erhalten. Über 10.000 jüdische Männer meldeten sich freiwillig.

Doch die ständige Hetze der antisemitischen Organisationen wurde 1916 von der Heeresleitung aufgenommen. Sie beschloss, die so genannte Judenzählung im Heer durchzuführen. Offiziell wurde die Zählung damit begründet, den Vorwürfen der jüdischen Drückeberger entgegentreten zu können. Für jüdische Soldaten war die Judenzählung ein Schock. Sie mussten erkennen, dass ihre Hoffnung auf Gleichstellung Illusion war.

Die Zählung ergab jedoch, dass die Juden keine Drückeberger waren. Sie wurde nie veröffentlicht. In der NS-Zeit wurde die Judenzählung wieder hervorgeholt und war Nährboden für antisemitische Verleumdungen bis hin zur Dolchstoßlegende.

Die derzeitigen Demonstrationen gegen den Krieg zwischen Israel und der Hamas im Gazastreifen mit ihren antisemitischen Auswüchsen betrüben Meinhard Tenné zutiefst. Er hat nichts gegen den Protest, wenn er im Rahmen bleibt.  Tenné: „Es ist aber ein schmaler Grat, auf dem sich die Demonstranten bewegen.“ Niemand weiß, wie man den Konflikt lösen kann, weiß es Meinhard Tenné? „Ich gehöre zu den Niemanden“, sagt er, lächelt traurig und verabschiedet sich. Ein Mann, der in der Nazizeit als Niemand gegolten hat, aber heute höchstes Ansehen genießt, verlässt die Ausstellung, die auch einen Teil seiner Geschichte widerspiegelt.

Die Ausstellung „Mein Herz gab ich dem Vaterland“ im jüdischen Betsaal in Horb am Neckar ist bis zum 28. Dezember geöffnet: Jeden Samstag und Sonntag von 14 bis 18 Uhr. Der Eintritt ist frei. Museum Jüdischer Betsaal, 72160 Horb am Neckar, Fürstabt-Gebert-Straße 2.

Internet: www.ehemalige-synagoge-rexingen.de

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