Christliche Themen für jede Altersgruppe

Das Leben umgekrempelt

HERRENBERG – Sie lassen sich von Jesus gerne umkrempeln und gehören zu den neupietistischen Gruppen des frühen 20. Jahrhunderts: Rund 200 Süddeutsche Gemeinschaften gibt es heute unter dem Dach der Landeskirche in Württemberg. Eine besonders aktive ist in Herrenberg, wo man mit Schülern und Armen speist und jeden Sonntagabend Gottesdienst feiert.  


Aus voller Kehle schmettern die Sängerinnen von „Tonart“ ihre Lobpreislieder.
(Foto: Gemeindeblatt)

Die Frau wirkt verzweifelt. Immer diese Gängelung! Immer diese Bevormundung durch den Vater! Irgendwann muss auch einmal Schluss ein. Jetzt ist da schon wieder ein Vater. Gott Vater. Was will der denn schon wieder? Vielleicht ja genau das, was ich auch schon lange will, was ich sehnlichst suche? Oh Gott, mein Leben ist wie umgekrempelt!

Gerdi Deuble spielt die Szene beim Gottesdienst so echt, dass man ihr am liebsten helfen möchte. Dass man sie fast erlösen will aus der Qual, in der sie steckt. Dabei hat sie gar nicht aus ihrem eigenen Leben erzählt, sondern ein Stück „Willow Creek“ dargeboten: Die Botschaft der Bibel als Inszenierung, als kleines Schauspiel mit viel Emotion.

Gefühle nehmen großen Raum ein, wenn die Süddeutsche Gemeinschaft in Herrenberg Gottesdienst feiert. Der Chor Tonart schmettert aus voller Kehle Lobpreislieder: „Lord you are my shelter“, „Herr unser Gott, unser Retter, Erlöser der Welt.“ Immer wieder gibt es Applaus, heben Einzelne die Hände, um sie hin- und her zu bewegen.

Es ist eine bunte Gemeinde, die sich im Gemeinschaftshaus in der Kalkofenstraße zusammengefunden hat. Ein gut zehn Jahre alter Neubau mitten im Gewerbegebiet, man sieht es der Gemeinde an, dass es ihr auch finanziell ganz gut geht.

Alte Menschen sitzen da, die es etwas zurückhaltender mögen. Jugendliche, die sich beschwingt im Takt bewegen, Kinder, die auf einer Bank in der ersten Reihe sitzen und dann nach dem ersten Lied auch gleich in die Kinderkirche im Untergeschoss verduften dürfen.

„Ich begrüße dich, wenn du zum ersten Mal da bist.“ Ulrike Wörn vom Leitungsteam ist ganz direkt, wenn sie die Gemeinde begrüßt. Du statt Sie oder Euch. Es geht um jeden Einzelnen und möglichst viel Nähe. „Wer zu uns kommt, sucht das, wir wollen keinen liturgisch neutralen Gottesdienst“, sagt Pastor Micha Evers (47).

Es dauert geschlagene 36 Minuten, bis der hauptamtliche Pastor beim Gottesdienst zum ersten Mal zum Einsatz kommt. Ulrike Wörn, Gerdi Deuble, der Chor mit der Solistin Mareike Prauß: Sie tragen eine Liturgie, bei der Micha Evers nur einer von vielen ist.

Sein Wort hat dennoch Gewicht. Gut 20 Minuten redet er, frei, mit kariertem blauen Hemd und kabellosem Mikrofon in der Hand. Er erzählt von Jack, der in der Bibel eigentlich Jakob heißt. Wieder geht es um Vaterliebe, um Freiheit, um Versöhnung. Irgendwann wird Evers pathetischer, appellierender: „Kämpfen lohnt sich, kämpfe diesen Kampf mit Gott, bis du weißt, dass er zu dir steht.“ Umgekrempelt von Jesus, herzlich zueinander, M´mutig zu den Menschen: So lautet das Motto der Süddeutschen Gemeinschaft in Herrenberg. Es geht um persönliche Evangelisation, um ein klares Bekenntnis zum christlichen Glauben, den man nicht für sich behält.

„Süddeutsche Vereinigung für Evangelisation und Gemeinschaftspflege“ hieß der Verband, als er 1910 in Calw gegründet wurde. Man steht der Liebenzeller Gemeinschaft nah, Pastor Micha Evers hat wie viele andere die Internationale Hochschule der Liebenzeller Mission besucht.

Die Gemeinschaft hat ihn ordiniert, er darf taufen, trauen und beerdigen. Nur die Konfirmation bleibt den Pfarrern der Landeskirche vorbehalten. Unter deren Dach bleibt man, auch wenn man de facto ein ziemlich eigenständiges Gottesdienst- und Gemeindeleben führt.

Etwa Dreiviertel der Gottesdienstbesucher gehören der Landeskirche an. Es ist erstaunlich, was sie alles schultern, auch finanziell: Zur Kirchensteuer kommen die frewilligen Beiträge für die Gemeinschaft, die grundsätzlich ohne Steuerzuweisungen auskommt. „Der Zehnte ist der Gemeinde nicht fremd“, sagt Bezirksleiter Thomas Deines, der im Herrenberger Gemeinderat auch Fraktionsvorsitzender der Freien Wähler ist. Der Bezirk stellt die Hauptamtlichen an, zu denen neben Micha Evers noch eine Pastoraldiakonin und ein Jugendpastor gehören.

Jeden Sonntag ist um 17.30 Uhr Gottesdienst, zweimal im Monat auch zusätzlich um 11 Uhr. Es gibt EC-Jugendgruppen, Kinderkirche, Hauskreise, eine Frauenstunde und ein Brezelfrühstück für Männer. Jeden Sommer zeigt man im Rahmen der Evangelischen Allianz, dass man keine Berührungsängste hat mit anderen. In Herrenberg sind das die landeskirchliche Gemeinde und die freikirchliche Gemeinde Gottes. An letztere hat man vor gut zehn Jahren sogar das alte Gemeinschaftshaus in der Marienstraße verkauft.

Es ist interessant, wie sich das Leben in der Gemeinschaft auch mit einem neuen Standort ändert. In der Kalkofenstraße hat man nicht nur viel mehr Platz, sondern auch neue Nachbarn, die einen vor neue Herausforderungen stellen: Da sind einerseits die Schüler des Schulzentrums. Einmal in der Woche kommen sie zum Schüler-Mittagessen ins Gemeinschaftshaus. Ein riesiger Aufwand mit 8000 Essen pro Jahr und Dutzenden von Mitarbeitern, die kochen müssen.

Die anderen Nachbarsgruppe sind die „Freunde vom Bahnhof“. Das ist eine Umschreibung für die Obdachlosen und Menschen am Rande der Gesellschaft, die sich vorzugsweise in der Bahnhofsgegend aufhalten. Das riecht nicht immer gut und ist nicht immer einfach. Und es war auch nicht unumstritten, wie Pastor Micha Evers unumwunden zugibt. „Aber das sind unsere Nächsten“, weil der S-Bahnhof in Herrenberg nur ein paar hundert Meter vom Gemeinschaftshaus entfernt liegt. Also bekommen auch sie wie alle anderen zu essen. Punkt.

Es gibt eben viele Möglichkeiten, herzlich und mutig zu sein und seinen diakonischen Auftrag wahrzunehmen. Schließlich ist der Süddeutsche Gemeinschaftsverband auch Mitglied im Diakonischen Werk. Und immer wieder auch damit beschäftigt, sich neuen Aufgaben zu stellen.

Kämpfen statt weglaufen heißt die Devise, und ein neuer Kampf könnte um die beginnen, die selbst einmal von zu Hause weggegangen sind und in Deutschland eine neue Heimat gefunden haben: „Die Migranten, das ist eine ganz neue Herausforderung“, sagt Evers. Derzeit sind die Mitglieder der Süddeutschen Gemeinschaft in Herrenberg dabei zu überlegen, welche Angebote für sie die richtigen sein könnten.

Den Menschen zugewandt: Am Ende des Gottesdienstes geht es dabei auch um die Verstorbenen. Wieder wird Micha Evers sehr persönlich. Ruth hatte ein schweres Schicksal, sie ist an Krebs verstorben: „Jetzt durfte sie zu Jesus gehen. Danke für ihr Leben.“

Die meisten in der Gemeinschaft duzen sich, man ist eine große Familie, und die bleibt auch nach dem Gottesdienst noch eine ganze Weile zusammen. Hinten im Laden gibt es Bücher und CDs. Peter Hahne, Ulrich Parzany und der gläubige Fußballer Cacau sind darunter. Und dann sind auch die Kinder der Kinderkirche wieder da. Wenn sie lauthals lachen, klingt die Botschaft ganz besonders froh.

Information

Der Süddeutsche Gemeinschaftsverband zählt knapp 200 Gemeinden und etwa 350 Gruppen wie Haus- oder Teenkreise. Er wurde 1910 unter dem Namen Süddeutsche Vereinigung für Evangelisation und Gemeinschaftspflege in Calw gegründet und steht dem Liebenzeller Gemeinschaftsverband nahe.

Wie die Liebenzeller sind auch die Süddeutschen ein gemeinnütziges Werk innerhalb der evangelischen Landeskirche und gehören dem  Gnadauer Gemeinschaftsverband an. Zentrales Treffen des Süddeutschen Verbandes ist die Hauptkonferenz im Herbst.

Süddeutschen Gemeinschaftsverband

Telefon 0711-54998410

Internet: www.sv-web.de

Herrenberger Gemeinschaft

Telefon 07032-9109441

Internet: www.herrenberg.sv-web.de

Gottesdienst ist am Sonntag um 17.30 Uhr

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