Christliche Themen für jede Altersgruppe

Das Rätsel der Hostiendose

ENTRINGEN (Dekanat Herrenberg) – Wenn in der Michaelskirche das Heilige Abendmahl gefeiert wird, steht auf dem Altar eine von weitem unscheinbar wirkende silberne Hostiendose bereit. Bei näherer Betrachtung entpuppt sie sich als etwas Besonderes: Auf ihrem Deckel ist die Jahreszahl 1716 eingraviert. Gemeindemitglied Reinhold Bauer ist ihrem Geheimnis auf der Spur. 

Reinhold Bauer hat sich mit den Hintergründen des Kleinods genauer beschäftigt. (Foto: Jutta Krause)

Unzählige Male hat Reinhold Bauer in den vergangenen 30 Jahren die Hostien für das Abendmahl in die silberne, im Inneren vergoldete Hostiendose gefüllt und auf den Altar gestellt. Oft hat er sich gefragt, was es mit diesem Kleinod wohl auf sich haben mag, woher es stammt und wie es in den Besitz der evangelischen Kirche in Entringen gekommen ist.

In diesem Sommer hat er sich daran gemacht, die Geschichte der Hostiendose zu erkunden. Die erste Frage – woher die Dose stammt – war schnell beantwortet: „Anno 1722 haben Herr von Clauwiz, in Ober-Poltringen sesshaft, ein blau mit Fransen geziertes Kanzel,- Altar- und Taufsteintuch, und dero Frau Gemahlin, eine geborene von Pistorius, eine silberne, inwendig schön vergoldete Capsel zu den Hostien und deren Aufstellung auf dem Altar gestiftet.“ Dieser Satz ist im Stiftungen-Verzeichnisbuch nachzulesen. Auch das Zeichen neben dem Tremulierstich – eine feine Zickzacklinie, mit der die Echtheit des Silbers überprüft wurde – war schnell als das Beschauzeichen des Tübinger Goldschmieds David Bestecher identifiziert.

Schwieriger wurde es schon bei den Initialen und den beiden Wappen, die den Deckel der Dose zieren. „Ahnenforschung und Ortsgeschichte sind meine Steckenpferde. Aber ich bin kein Heraldiker“, erklärt Bauer bescheiden. Mit Hilfe eines Wappenkenners und eines Besuchs im Landeskirchlichen Archiv in Stuttgart-Möhringen gelang es, das linke Wappen und die dazugehörigen Initialen Johann Wilhelm von Glaubitz zuzuordnen (der im Stiftungenverzeichnis fälschlich als „Clauwiz“ geführt war).

Auch die Initialen seiner Gemahlin konnten ergründet werden: Sophia Wilhelmina Renata von Pistorius zu Reichenweier und Oberpoltringen war die Tochter des Phillip Christian Pistorius. Das bestätigt auch das zweite Wappen auf der Dose: Im Inneren des  Wappenschildes ist ein nackter Knabe zu sehen, der auf einem schwarzen Adler reitet. Dieses wurde anno 1599 dem Mediziner und Theologen Johannes Pistorius dem Jüngeren verliehen. Dessen Vater, Johannes Pistorius der Ältere, war Reformator in Hessen. Der Sohn hingegen konvertierte 1588 zum Katholizismus und verfasste zahlreiche Schriften gegen den Protestantismus, gegen Luther und andere zeitgenössische evangelische Theologen.
Welche Verbindung zwischen dem 1608 verstorbenen Gelehrten und dem kaiserlichen Hauptmann Philipp Christian Pistorius bestand, der ein knappes Jahrhundert später das von Heinrich Schickhard erbaute und 1790 abgerissene Schloss in Oberpoltringen erwarb, konnte Reinhold Bauer bislang nicht rekonstruieren. Einziges Bindeglied ist das Herzwappen auf der Dose. „Da fehlen zwei Generationen, über die ich noch nichts herausfinden konnte“, sagt er. Weder die Konsultation eines Fachmannes noch eine Reise nach Reichenweiher bei Colmar brachten Erkenntnisse.

Unklar ist auch, was 1716 den Anlass zur Anfertigung der Dose gab und wo sie bis zur Schenkung sechs Jahre später verwahrt oder benutzt wurde. Darüber gaben die Kirchenbücher keinen Aufschluss. Warum sie schließlich nach Entringen gelangte, dazu hat Reinhold Bauer jedoch eine Hypothese: „Um 1722 wurde die Michaelskirche renoviert. Ich kann mir vorstellen, dass die Dose nach der Fertigstellung das i-Tüpfelchen der neu gestalteten Kirche war. Wahrscheinlich würde sich die Stifterin darüber freuen, dass die „Hostiencapsel“ nach so langer Zeit noch gebraucht wird“, mutmaßt Bauer.

Seit 30 Jahren ist Reinhold Bauer Mesner der Entringener Michaelskirche. Er ist zugleich langjähriger Organist, Leiter des Kirchenchors und Dirigent des Ammerbucher Kammerorchesters sowie erster Vorsitzender des Württembergischen Mesnerbunds. Auch sein kommunales Engagement in und um Entringen ist groß. Für seinen vielseitigen Einsatz erhielt Bauer 2014 sogar das Bundesverdienstkreuz.
Eine Institution in Ammerbuch ist Reinhold Bauer aber vor allem aufgrund seines umfangreichen ortskundlichen Wissens. Er ist ein passionierter Lokalhistoriker, der sich intensiv mit seinem Heimatort Entringen und „seiner“ Kirche befasst und dazu als Co-Autor zwei Bücher verfasst hat, die sich mit der Historie Entringens und der Michaelskirche befassen. Ihn faszinieren Geschichte und Geschichten, er findet es spannend, alte Handschriften zu entziffern, in Archiven oder im Internet zu forschen und Verbindungen herzustellen.

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