Christliche Themen für jede Altersgruppe

Dem Tod ins Gesicht sehen

MÜHRINGEN (Dekanat Sulz am Neckar) – „In hora mortis“ lautet der Titel eines Gedichtes von Thomas Bernhard, was übersetzt „In der Todesstunde“ heißt. Die Schauspielerin Brigitte Walter aus Wachendorf führt diese Art von Lyrik in der Friedenskirche in Form eines Gebetes auf. 

Brigitte Walter: "Im Alter bekommt der Tod ein anderes Gesicht. Er ist nicht mehr so bedrohlich." (Foto: Bärbel Altendorf-Jehle)

„Wer soll zu der Veranstaltung in die Kirche kommen?“ Brigitte Walter blickt erstaunt hoch, als sie die direkte Frage gestellt bekommt. Dann lacht sie, wird wieder ernst. „Menschen, die vielleicht Angst vor dem Tod haben? Menschen, die einen Angehörigen verloren haben? Menschen, die alt sind und dem Tod näher kommen? Vielleicht aber auch junge Menschen, die Konfirmanden beispielsweise, die sich auch darüber Gedanken machen sollten. Oder aber Menschen, die die Kunst der Sprache und die Rezitation lieben.“

Es ist ein trauriges, ein aufrüttelndes Gedicht. Es handelt von Krankheit, Leid und Verzweiflung. Aber Bernhards 21 Strophen geben auch Hoffnung auf Erlösung, sie haben tröstliche Aspekte. „Ich glaube, sobald wir es aussprechen, verliert das Angstmachende, wie der Tod, an Schrecken. Sprache kann befreiend sein“, sagt Brigitte Walter. Und genau das hat sie an dem Abend auch vor.

Auch Thomas Bernhard wird für manch einen Grund zum Kommen sein, denn er zählt zu den bedeutendsten österreichischen und deutschsprachigen Autoren des 20. Jahrhunderts. Er starb 1989 im Alter von 61 Jahren. Das Gedicht schrieb der Autor unter dem Einfluss einer schweren, sein Leben bedrohenden Lungenkrankheit.Musikalisch begleitet wird die 76-jährige Schauspielerin von der jungen Cellisten Madita Nordt. Darin liegt ein besonderer Reiz der Veranstaltung, wenn sich Alt und Jung durch Sprache, Mimik und ausdrucksstarke Musik von beiden Seiten dem Thema Tod nähern.

Brigitte Walter bewohnt in Wachendorf ein altes, windschiefes Haus, in dem ein schräger Boden und niedrige Decken bei aller Renovierungslust so bleiben durften, wie die Zeit sie geformt hat. Umrahmt von vollgestopften Bücherregalen sitzt Brigitte Walter da und erzählt davon, dass sie die Schauspierlei vermisst, sich ungemein auf diesen Abend freut, sich seit Wochen gemeinsamen mit ihrem Sohn Jacob Jensen, Regisseur und Schauspieler in Zürich, darauf vorbereitet.

Sie war schon auf vielen Bühnen, hat Shakespeare, Brecht und vieles andere gespielt. Die Schauspielerei war ihr Leben, ihre Berufung. Aber da es ihr Beruf war, von dem sie auch tatsächlich leben konnte, zählt sie auch nüchtern die Nachteile dieses Berufes auf: Missgunst und Neid, Stress und Unterordnung. Auf die Seite geschoben werden, Ende und Neuanfang.

Brigitte Walter schenkt sich den dampfenden Tee in die Tasse und spricht über ihre Einstellung zur Kirche. Von der christlichen Erziehung des Elternhaus, vom Bruch und Austritt in jungen Jahren, vom Wiedereintritt. „Ich habe erst in späteren Jahren die Bedeutung der Kirche als Gotteshaus erkannt. Ich habe verstanden, dass Christen keine unfehlbaren Menschen sind und es auch nicht zu sein brauchen, und mit dieser Erkenntnis kam auch die Anerkennung der unermüdlichen Arbeit vieler Gemeindemitglieder, die durch ihre Tätigkeit das Wort Gottes tatsächlich leben“, sagt Brigitte Walter.

Sie selbst engagiert sich auch. Ist in der Flüchtlingshilfe vor Ort tätig. Sie, die Lebenserfahrene, hilft Menschen, die auf ihrer Flucht Erfahrungen machen mussten, von denen Brigitte Walter weit weg ist. Somit steht Brigitte Walter mitten im Leben, wird dringend gebraucht. Warum dann diese Hinwendung und Auseinandersetzung mit dem Tod? „Weil ich dem Tod immer näher komme“, sagt die Frau, der man ihr Alter nicht ansieht. Früher hatte sie Angst vor dem Tod. Heute kann Brigitte Walter dem Tod ins Gesicht sehen und dabei das Leben genießen. „Im Alter bekommt der Tod ein anderes Gesicht. Er ist nicht mehr so bedrohlich.“ Unvorstellbar und unbegreiflich bleibe er aber dennoch, meint die Schauspielerin und sagt: „Die Sehnsucht nach Leben ist bedingt durch die Tatsache, dass es den Tod gibt. Aber ohne Gott hätte ich nicht diese Gelassenheit gegenüber dem Tod.“

Wie der Schriftsteller Bernhard in seiner Verzweiflung und Klage selbstverständlich von einem Gegenüber ausgeht, der Gott heißt, sieht Brigitte Walter selbst auch dieses Gegenüber. Und so sind die Verse, die sie vortragen wird, an die Menschen und an Gott gerichtet.







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