Christliche Themen für jede Altersgruppe

Den Zauber des Mostens erleben

PFALZGRAFENWEILER (Dekanat Freudenstadt) – Der Duft von Obst liegt in der Luft, Äpfel und Birnen werden säckeweise herangeschleppt, gewaschen, gepresst, zu Saft verarbeitet. Aber eine Mosterei bietet auch Gelegenheit zum Innehalten.  


Annette und Gerhard Landenberger (links) sowie Martin Hornberger betreiben in Pfalzgrafenweiler eine Mosterei.

Es ist sieben Uhr, kalt und ungemütlich. Ein Rattern dringt aus dem weitgeöffneten Scheunentor in der Langestraße in Pfalzgrafenweiler. Ein Mann hievt einen Sack hoch, schleppt ihn zum Tor, schüttet die Äpfel aus. Sie kullern das schräge Brett hinunter, werden im Wasserbecken des Elevators gewaschen und über ein Schneckengewinde hinauf zur Obstmühle transportiert.

Die Familien Landenberger und Hornberger sind schon seit sechs Uhr auf den Beinen. In der Haupterntezeit nehmen die Familienmitglieder Urlaub. Da wird die Mosterei zu ihrem Arbeitsplatz. Gerhard Landenberger ist Berufsschullehrer, seine Frau arbeitet im Büro. Vetter Martin Hornberger ist Bilanzbuchhalter, seine Frau Andrea Technische Zeichnerin.

Allesamt haben das Jahr über also recht wenig mit Äpfeln und ihrer Verarbeitung zu tun. Die Verbindung dazu schaffte die Obstpresse des Großvaters, die seit dessen Tod ein tristes und unnützes Dasein fristete. „Als wir vor 17 Jahren mit unserer Mosterei anfingen, haben wir wohl  den richtigen Zeitpunkt erwischt“, sagt Annette Landenberger. Der Trend hin zur Natur war da. Das Mosten wurde wieder entdeckt.

„Unser Ziel war und ist es auch heute noch, die Menschen davon zu überzeugen, dass es Sinn macht, das Obst im eigenen Garten zu verwerten und nicht an den Bäumen verfaulen zu lassen.“ Für ihren Beitrag zum Schutz der Umwelt gab es 1999  den Umweltpreis der Aktion Streuobst des Schwarzwaldvereins Pfalzgrafenweiler und des Nabu-Ortsvereins.

„Das Mosten ist zwar herb, doch auch eine sehr befriedigende Arbeit.“ Worin dieser Zauber liegt, kann Annette Landenberger sich selbst aber nur schwer erklären. „Obwohl wir in der Haupterntezeit von morgens bis abends auf den Beinen sind, macht uns das zufrieden und auch glücklich.“ Ähnlich geht es den Obstanliefern selbst. Sie reihen sich ohne Murren in die Schlange derer, die auch zum Mosten gekommen sind. Sie nehmen Wartezeiten in Kauf, denn nicht jeder kann bei der Anmeldung genau abschätzen, wieviel Obst er bringen wird, und davon hängt es ab, wie lange es dauert, bis der Saft abgefüllt ist. Da es im Kreis Freudenstadt nur noch wenige Mostereien gibt, sind die Menschen froh, überhaupt einen Termin in Pfalzgrafenweiler bekommen zu haben. So wird die Mosterei stets im Herbst zum Begegnungsort für Menschen aus Nah und Fern.

Die Stunden in der Mosterei machen Spaß. Dem Professor genauso wie dem Bauern, der schon immer kommt. Die Gründe sind vielschichtig: der unverwechselbare Geruch, des frisch gepressten Obstes. Der Spaß hier den Saft selbst heiß abfüllen zu können. Aber auch diese Diskrepanz zwischen der Kraft und Ausdauer, die während des Mostens gefordert ist, etwas was nicht unbedingt jeder mehr im Alltag erfährt, und dem Zwang auszuharren, warten zu müssen, bis die Reihe an einem selbst ist.

Die Langeweile bringt die Menschen ins Gespräch, beispielsweise über die eben geernteten Äpfel aus dem Garten. „Sie müssen ihrem Saft halt Sonne dazugeben“, erklärt der Erfahrene dem Unerfahrenen, der beklagt, dass seine Äpfel zu sauer sind. „Und wie soll ich das machen?“, fragt der Unbedarfte. „Länger hängen lassen“, sagt Annette Landenberger. „Mit roten Äpfeln mischen, die sind generell süßer“, sagt ein eben Dazugekommener. „Zucker hinzufügen“, lacht der Experte oder aber abwarten, nach dem zehnten Glas schmecke der Saft schon gar nicht mehr so sauer wie am Anfang. Es wird gelacht und gescherzt. Wartende packen mit an.

Es ist 14 Uhr, die Sonne strahlt. Nun kommen die Familien. Auch Joachim Burkhardt ist mit seinen Kindern wieder da. Er und seine Familie kommen schon seit Jahren. Es stehe schon in der Schöpfungsgeschichte, dass der Mensch die Erde bebauen und bewahren solle. Das Obst am Baum verkommen zu lassen ist für den Familienvater ein Unding.

 „Es freut mich immer wieder, wenn  ich sehe, dass hier die Gemeinschaft in der Familie gepflegt wird“, sagt Gerhard Landenberger.  „Wir sind zum Event geworden“, lacht Annette Landenberger und es zeige sich, dass es nicht  immer ein Freizeitpark sein muss, um Kinderaugen zum Leuchten zu bringen. „Wir haben keine Achterbahn, aber den Kindern macht es Spaß, mit anzupacken, das Mus zu probieren, den Finger in den frischen Saft zu tauchen und abzuschlecken, mitzuhelfen den heißen Saft in die Flaschen oder die Beutel mit Zapfhahn abzufüllen.“ Diese finden Halt in Kartons. Später zu Hause sind diese „Bag-In-Box-Beutel“ die Zapfstation für naturtrüben Apfelsaft. Wenn der warme Saft in den Flaschen oder Kartons dann noch im Anhänger oder Kofferraum mit Decken zugedeckt werden –  der Saft darf nicht so schnell auskühlen – wird den Kindern deutlich, wie wertvoll das eben von ihnen selbst Mitproduzierte ist.

 „Darauf kommt es uns an“, sagt Martin Hornberger. „Wir wollen diese Würdigung der Früchte fest in die Herzen verankern.“ Geldverdienen sei  das eine, doch da gäbe es für die ganze Familie einfachere Möglichkeiten. Nein, es ist diese tiefe Überzeugung, das Richtige zu tun. Nachhaltigkeit und Entschleunigung wird hier in der Mosterei gelebt. Das passt  zu den Familien, die eng mit der Kirche verbunden sind. Martin Hornberger ist im Kirchengemeinderat und leitet den Schalomchor, in dem auch die anderen Familienmitglieder mitsingen.

Es ist mittlerweile Abend geworden. Immer noch kommen Menschen, die ihr Obst verarbeiten wollen. Mit Theresa Landenberger und Philipp Hornberger steht nun schon die vierte Generation an der Obstmühle. Dort werden die Äpfel geraspelt und klatschen als Maische aus dem Trichter. Für die beiden jungen Leute heißt es, diese Maische auf den Presstüchern, die auf den Rosten liegen, zu verteilen.

Schicht um Schicht, bevor die Packpresse bei einem Druck von 250 bar den Saft herauspresst. Es herrscht immer noch geschäftiges Treiben in der Scheune. Sandra Hinker und ihre Familie aus Baiersbronn haben diesmal eine besonders reiche Ernte. „Da wir das gar nicht alles selbst verbrauchen können, spenden wir einen Teil davon nach Rumänien.“

„Das haben wir öfter“, sagt Annette Landenberger „zu uns kommen Schulklassen und christliche Gruppen, die Apfelsaft selbst herstellen und dann für einen guten Zweck verkaufen.“ Sie erinnert sich auch an eine Gruppe junger Burschen, die mit Massen von Äpfel angerückt waren und dann keine Ahnung hatten, was sie eigentlich mit  den 800 Litern Saft machen sollten. So beschlossen die jungen Männer, ihn kurzerhand  zu verschenken.

Es ist 21 Uhr, die Sterne glitzern am Himmel. Während ein Vater den Trester – das gepresste und trockene Fruchtfleisch, das als Viehfutter verwendet wird – auf den Schubkarren packt und nach draußen fährt, legt die Mutter den jüngsten Spross ins Auto. Er schläft auch sofort ein, während seine Geschwister den Anhänger mit den Kartons voller Apfelsaft beladen. Die Mutter deckt den Jüngsten liebevoll mit einer Decke zu, mit dem Apfelsaft macht sie das gleiche.

Es wird meist 24 Uhr, bis Landenbergers und Hornbergers ins Bett sinken. Denn wenn der letzte gegangen ist, heißt es die Mosterei noch gründlich zu putzen. Momente wie das schlafende Kind, die stolzen Gesichter, wenn die Flaschen und Fässer abgefüllt sind, das harmonische Miteinander, die gemeinsame Arbeit, sind es, die dann spät abends im Bett Revue passieren.

„Wahrscheinlich ist es all das zusammen, das uns in jedem Jahr im Herbst erneut dazu motiviert, unser Scheunentor wieder weit zu öffnen, damit die Menschen mit ihrem Obst  zu uns kommen können“, sagt Annette Landenberger.


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