Christliche Themen für jede Altersgruppe

Der Schöpfung auf der Spur

BAIERSBRONN (Dekanat Freudenstadt) – Den neuen Nationalpark im Nordschwarzwald kann man auf vielfältige Art erleben. Sehr stimmungsvoll ist ein geistlicher Waldspaziergang. Unterwegs am Tag der Schöpfung mit dem evangelisch-württembergischen Pfarrer Wolfgang Sönning und dem katholisch-badischen Nationalpark-Direktor Wolfgang Schlund.

Gottesdienst im Grünen auf dem Ruhestein. (Foto: Gemeindeblatt )


Ein herrlich sonniger Morgen an der Schwarzwaldhochstraße. In einem Rondell hinter dem Nationalparkzentrum am Ruhestein haben rund 100 Menschen Platz genommen. Ein Gottesdienst im Grünen zwischen dunklen Tannen und Fichten, lila Weideröschen und einem strahlend blauen Himmel auf fast 1000 Meter Höhe.

„Zurück zum Paradies?“ steht auf dem Gottesdienstfaltblatt. Es ist ein Satz mit einem Fragezeichen, eines der vielen Fragezeichen, die es auf dem Weg zum Nationalpark gegeben hat. Am 1. ?Januar 2014 wurde er offiziell eröffnet, der erste Nationalpark in Baden-Württemberg, ein Großschutzgebiet von 100 Quadratkilometern Fläche.

Pfarrer Wolfgang Sönning aus Baiersbronn-Mitteltal gehört zu denen, die diesen Nationalpark von Anfang an unterstützt haben. Das war nicht immer einfach, besonders auf württembergischer Seite waren die Widerstände groß.

„Zurück zum Paradies?“ „Ein Zurück gibt es nicht“, sagt Sönning zu Beginn des Gottesdienstes. Der Schwarzwald ist keine vom Menschen unberührte Wildnis, sondern in vielerlei Hinsicht sein Produkt. Zwischen den ausgedehnten Waldflächen leben seine Bewohner und auch an diesem Morgen ist das Brummen der Motorräder auf der Schwarzwaldhochstraße unüberhörbar. „Die Natur ist bedroht“, sagt Pfarrer Sönning, „und manchmal auch bedrohlich.“ Vor 16 Jahren hat ein Sturm namens Lothar viele Quadratkilometer Wald plattgemacht.

Die Schöpfung als Hausgemeinschaft, „und wir Menschen sind die Hausmeister“, das ist Sönnings Botschaft an die Gottesdienstbesucher, die auf den Ruhestein gekommen sind. Sie lauschen andächtig, singen „Eine Hand voll Erde“, sind katholisch, evangelisch, württembergisch und badisch. Sechs Dekanate, zwei Bistümer und zwei Landeskirchen umfasst das Einzugsgebiet, ein ökumenisches Netzwerk „Kirche im Nationalpark“ versucht seit einem Jahr das Projekt mit geistlichem Leben zu füllen.

Wolfgang Sönning und Wolfgang Schlund haben die Natur für sich schon lange vor dem Nationalpark entdeckt. Schlund, seit 1997 Leiter des Naturschutzzentrums auf dem Ruhestein, und Sönning, seit 2006 Pfarrer in Baiersbronn-Mitteltal, gehen schon seit Jahren im Schwarzwald miteinander geistlich spazieren. Überdies gibt es eine lange Tradition ökumenischer Gottesdienste am Schliffkopf.

„Wolfgang?“ „Wolfgang!“ Der gleiche Vorname scheint Programm, man kennt sich und man duzt sich und wandert auch an diesem sonnigen Sonntag nach dem Gottesdienst zusammen los. Wolfgang Sönning hat den Psalm 104 mitgebracht:„Herr, wie sind deine Werke so groß und viel! Du hast sie alle weise geordnet, und die Erde ist voll deiner Güter.“

Es geht immer wieder um die „richtige Ordnung“ an diesem Sonntagmorgen. „Auch die menschliche Ordnung ist wichtig“, sagt der Biologe Schlund und dass es nicht darum geht, sich als Mensch nun ganz rauszunehmen. Aber vielleicht an einigen ausgewählten Stellen ein bisschen: „Es ist sehr spannend, was passiert, wenn die Natur sich verändert.“ Schlund mag das Wort verändern, selbst wenn ein Orkan wütet, ist das für ihn Veränderung, „in der Natur gibt es keine Zerstörung“.

Mit jedem Meter wird der Verkehrslärm etwas weniger. Dichter Wald umgibt die Spaziergänger, auf dem Boden wachsen Heidelbeersträucher, ihre reifen blauen Früchte sind ein Leckerbissen für das Auerhuhn. Die weiten Landschaften des Nordschwarzwalds bilden eines seiner wichtigsten Verbreitungsgebiete. „Die Tiere sind da, auch wenn man sie nicht sieht“, sagt Wolfgang Schlund.

Schlund ist katholisch aufgewachsen und wohnt im badischen Seebach. „Dort unten ist mein Haus“, erklärt er den Wanderern. Von den Höhenzügen am Ruhestein sieht man auf der einen Seite den Rheingraben und auf der anderen die Silhouette der Schwäbischen Alb.

Dazwischen liegt Wald, Wald und immer nur Wald. Als vor einigen Jahren die Suche nach großen zusammenhängenden Naturflächen in Baden-Württemberg begann, wurden die Experten im Nordschwarzwald fündig. Nirgendwo gibt es so viel Natur am Stück wie dort. Rund 10?000 Hektar Staats- und Kommunalwald blieben schließlich übrig, verteilt auf zwei Gebiete am Ruhestein und am Hohen Ochsenkopf: Dort spielt nun nicht mehr die Forstwirtschaft, sondern der Naturschutz die Hauptrolle. Den Kern des Großschutzgebiets bilden zwei Bannwälder, die Jahrzehnte nicht mehr genutzt werden, doch auch der Rest soll peu a peu renaturiert werden.

„Eine Spur wilder“ lautet das Motto des Nationalparks. Manchen ist das ein wenig zu wild und zu chaotisch, sie wünschen sich die ordnende Hand des Menschen zurück. „Die Natur ist viel systematischer, als man denkt“, sagt Wolfgang Schlund, und eine Frau ergänzt, „dass die Schöpfung ja ihre ganz eigene Ordnung hat“.

Gehen und stehen. Immer wieder halten die Spaziergänger an und inne. Hören weitere Verse aus Psalm 104 und von den Kräften der Natur, die die Menschen schon in altorientalisch-frühbiblischer Zeit kannten.

Die Sonne, die Erde und das Wasser. Es regnet viel im Nordschwarzwald, mehr als in den meisten anderen Gegenden in Deutschland. Blitz und Donner gehören zum Alltag, tauchen die dunklen Wälder für einen Moment in grelles Licht. „Du feuchtest die Berge von oben her“, heißt es in Psalm 104. Es soll den Teilnehmern des geistlichen Spaziergangs erspart bleiben an diesem Tag. Der Himmel bleibt blau  und die Stimmung allerbestens. Auch Pfarrer Sönning ist zum Scherzen aufgelegt, sagt, „dass bei uns zu Hause die Tanne nur von Weihnachten bis Epiphanias hält, während sie hier draußen Jahrhunderte überdauert.“

Im Nationalpark darf sie sogar eines ganz natürlichen Todes sterben. Unweit am Wilden See, wo schon seit über 100 Jahren keine Forstwirtschaft mehr betrieben wird, kann man diesen Kreislauf der Natur schon heute beobachten: Knorrige alte Bäume werden morsch, zerfallen langsam zu Totholz und bieten Tausenden von Kleintieren und Pflanzen neuen Lebensraum, bis sie schließlich selbst zu Erde werden und aus ihnen ein neuer Baum, eine Schwarzwaldtanne sprießt.

„Eine kleine Oase in unserer technischen Welt“, nennt Wolfgang Sönning den Nationalpark, „ein Ort, der uns zur Zurückhaltung und Bescheidenheit mahnt“. Auf dem Rückweg zum Ruhestein ist das Brummen der Motorräder wieder lauter geworden. Es ist ein langer Weg von der Idee eines Nationalparks bis zur konsequenten Umsetzung des großflächigen Schutzgedankens.

Wolfgang Sönning und Wolfgang Schlund verabschieden derweil ihre Gäste. Es hat mal wieder Spaß gemacht. Kraft schöpfen am Tag der Schöpfung, das tut der Seele gut und dem versöhnlichen Miteinander im Nationalpark im Schwarzwald.   






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