Christliche Themen für jede Altersgruppe

Der Urne ein letzter Gruß

HORB-EUTINGEN (Dekanat Sulz) –  „Valedico“ kommt aus dem Italienischen und bedeutet Abschiednehmen, lebe wohl sagen. Und genau das ist es, was eine Gruppe evangelischer und katholischer Gemeinde­mitglieder in Eutingen und den umliegenden Gemeinden tun. Sie verabschieden die Toten und stehen den Angehörigen bei, wenn die Urne in die Erde versenkt wird. 


Die Urnen­begleiterinnen auf dem Eutinger Friedhof von links: Gertrud Wissner, Andrea Präg und Beatrix Oberle. (Foto: Bärbel Altendorf-Jehle)

Die wenigsten wissen es. Während bei der Trauerfeier am Sarg der Pfarrer die tröstenden Worte spricht, sind die Angehörigen später bei der Urnenbestattung auf dem Friedhof oder den Ruhewäldern in vielen Gemeinden auf sich allein gestellt. In der Trauer gefangen, erkennen sie oftmals erst beim Termin auf dem Friedhof, dass der Pfarrer, wie sie es als selbstverständlich vorausgesetzt haben, sie bei diesem Weg gar nicht mehr begleitet, lediglich der Bestatter ist dabei, sorgt dafür, dass die Asche ordnungsgemäß in den Boden versenkt wird.

In Eutingen und drumrum ist das nicht mehr der Fall. Hier gibt es Frauen und ein Mann, die den Angehörigen auf diesem Weg beistehen. Nachdem sich die Gruppe erst vor knapp drei Jahren gegründet hat, sieht es nun aber fast so aus, als würden die Ehrenamtlichen sich selbst durch ihre Aufklärungsarbeit überflüssig machen. Denn sie haben aufgerüttelt, auf einen Missstand, den es früher so nicht gab, aufmerksam gemacht und ein Zeichen gesetzt. So hat sich vieles in Eutingen verändert – zum Positiven hin.

Die Idee, Menschen bei der Urnenbestattung zu begleiten, kam der Katholikin Beatrix Oberle. Sie ist seit über 25 Jahren Landärztin in Eutingen und das mit Leib und Seele. Ihr Einsatz geht über das medizinisch Notwendige hinaus. Sie sieht den Menschen als Ganzes, kennt oft die gesamte Familie, deren Glück und Leid und ihre Patienten waren es auch, die ihr erzählten: von der Einsamkeit mit der Urne, vom Alleingelassenwerden und dem Gefühl, den geliebten Menschen nicht würdevoll in Gottes Erde zurückgegeben zu haben.

Nachdem fünf ähnliche gelagerte Fälle innerhalb eines Vierteljahres auftraten, war es für Beatrix Oberle klar: „Hier muss etwas geschehen. Das kann so nicht weitergehen. Wir hier auf dem Land kennen einander und sollten es nicht hinbekommen, uns gegenseitig zu unterstützen?“, fragte sie sich.

Wie war es früher? Da gab es noch den Gemeindepfarrer, der über die Jahre hinweg seine „Schäfchen“ in Glück und Leid begleitete. Er taufte, konfirmierte, trug die Eltern seiner Schützlinge zu Grabe. Damals gab es auf dem Land auch noch keine Urnenbestattungen, das war städtisch. Also gab es auch nicht das Problem, zweimal auf dem Friedhof stehen zu müssen.

Wie sieht es heute aus? Auch auf dem Land gibt es nunmehr Urnenbestattungen, Tendenz steigend. Viele entscheiden sich dafür, um ihren Angehörigen Arbeit zu sparen. Manchmal geschieht es auch aus Kostengründen. Der alte Gemeindepfarrer, der über Jahre im Ort bleibt, hat Seltenheitswert. Teilweise sind Pfarreien vakant, so dass ein Geistlicher für mehrere Gemeinden zuständig ist.

Das führt dazu, dass die Pfarrer zwar den Trauergottesdienst am Sarg übernehmen, aber nicht mehr zur Urnenbeisetzung kommen. Das war auch so in Eutingen und den evangelischen und katholischen Kirchengemeinden, die zu Eutingen gehören.

Für die Landärztin Beatrix Oberle war klar: „Hier besteht Handlungsbedarf“, und da ihre Patienten evangelisch, katholisch oder gar nicht gläubig sind, wusste sie, so etwas kann nur ökumenisch gelöst werden. Sie fand auch schnell Mitstreiterinnen, unter ihnen die Protestantinnen Andrea Präg und Gertrud Wissner. Die Frauen gingen auf die Pfarrer zu, machten sich und ihr Anliegen bekannt und überall fiel ihre Idee auf fruchtbaren Boden.

Ein Großteil der Gemeindemitglieder, ja sogar der Kirchengemeinderäte, wusste gar nicht, dass bei der Urnenbeisetzung kein Pfarrer dabei ist. Da sie meist im kleinen Familienkreis stattfindet, blieb die pfarrerlose Beisetzung oft unbemerkt. Gesprochen wird darüber im Schwabenland eher wenig.

„In Kursen haben wir uns auf die Aufgabe vorbereitet“, sagt Andrea Präg.  „Wir lernten die Trauerphasen kennen, übten im Rollenspiel, wie eine Urne würdig beigesetzt wird. Also sich zuerst der Urne zuwenden, um den Toten einen letzten Gruß zu entrichten, danach den Lebenden, um ihnen den Trost zu geben.“ Die Begleiterinnen selbst müssen Sicherheit und Ruhe ausstrahlen, lernten sie, denn durch ihre Trauer sind die Hinterbliebenen unsicher, suchen Halt. Zwischenzeitlich sind die Urnenbegleiterinnen aus Eutingen selbst als Ratgeberinnen gefragt. Sie helfen anderen Gruppen, die ähnliches planen.

Wie Gertrud Wissner erzählt, hat sich im Laufe der Vorbereitungszeit auf diesen ehrenamtlichen Dienst am Nächsten vieles zum Positiven gewandelt. Die vakanten Pfarreien wurden wieder besetzt. Mit dem Problem konfrontiert, erklärten sich die Pfarrer und Pfarrerinnen bereit, auch diesen Dienst zu übernehmen. Der Idealfall. Doch ab und an kommt es dennoch vor, dass der Pfarrer verhindert oder krank ist, dann springen die ehrenamtlichen Urnenbegleiterinnen (nur ein Mann ist mit dabei) ein.

Das geschieht natürlich nur auf Anfrage. „Wir wollen uns niemanden aufdrängen“, sagt Gertrud Wissner. Aber es ist dafür gesorgt, dass der Pfarrer beim Gespräch auf dieses Angebot aufmerksam macht und auch die Friedhofbestatter weisen darauf hin.

Und noch etwas hat sich verändert: Immer öfter ist heutzutage die Trauerfeier nicht mehr am Sarg, sondern vor der Urne. Dann entsteht das Problem erst gar nicht, denn die Trauerfeier hält der Pfarrer. 

Zudem hat sich die Wartezeit in den Krematorien verkürzt. Mussten die Hinterbliebenen früher drei bis vier Wochen auf die Urne warten, geht es heute bedeutend schneller. Spätestens nach zehn Tagen ist die Asche des Verstorbenen bei den Angehörigen. Der Grund ist hier die vermehrte Bereitschaft, sich verbrennen zu lassen.

Wichtig sind die Urnenbegleiterinnen für diejenigen, die keiner Kirche angehören. Auch diese Hinterbliebenen brauchen den Trost, und viele möchten ihren Angehörigen nicht ohne den Segen Gottes in die Erde geben. Haben die Ehrenamtlichen den Toten und die Angehörigen besser gekannt als beispielsweise der neue Pfarrer, dann kann es ebenfalls hilfreich sein, wenn diese mitgehen. Nicht einfach so, als gute Nachbarn, sondern als von der Gemeinde autorisierte Urnenbegeiter. „Das war uns sehr wichtig und der Aussendungsgottesdienst war mit das Bewegendste, was ich an Gottesdiensten bisher erleben durfte“, sagt Beatrix Oberle.

Die Mitmenschlichkeit und der lebendige Glauben – nicht bigott, sondern tief aus dem Innern heraus – ist die Antriebskraft der ehrenamtlichen Urnenbegleiter.

Andrea Präg und Gertrud Wissner sagen übereinstimmend: „Wir wollen den Menschen durch unseren Glauben Kraft und Hilfestellung geben, auch denjenigen, die in der Trauer an Gott zweifeln“.




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