Christliche Themen für jede Altersgruppe

Ein schwäbischer Missionar

Der Sprachwissenschaftler Hermann Gundert hat Indien geliebt – und baute dort als einer der ersten Missionare ein Schulwesen auf. Er übersetzte viele Werke in die Ortssprache. Später hat er seinen Enkel, den Schriftsteller Hermann Hesse, stark geprägt. Vor 200 Jahren wurde Gundert geboren. 


Hermann Gundert und seine Frau Julie. (Foto: Stadt Calw)

Der Literaturnobelpreisträger Hermann Hesse hatte seinen Großvater, den bedeutenden Sprachgelehrten und Indienmissionar Hermann Gundert (1814 –1893), zeit seines Lebens hoch verehrt. Schon als Kind wurde er geradezu magisch von dem Alten und der ihn umgebenden besonderen Aura angezogen. Das großväterliche Studierzimmer und die vorgelagerte riesige Bibliothek waren nicht nur mit Büchern und Missionszeitschriften aus der ganzen Welt überfüllt. Hinzu kamen die vielen geheimnisvollen Gegenstände, die die Phantasie des Enkels anregten: Kleine Götterfiguren, Rollen aus Palmblatt, in die alte Schriftzeichen eingeritzt waren, gestickte Seiden- und Leinendecken… "Und dies alles", so Hesse in Kindheit des Zauberers, "kam aus Indien und aus Ceylon (…), und alles roch nach Meer, Gewürz und Ferne, (…) Und alle diese Dinge gehörten dem Großvater, (…) Dieser Mann, der Vater meiner Mutter, stak in einem Wald von Geheimnissen, wie sein Gesicht in einem weißen Bartwalde stak, aus seinen Augen floss Welttrauer und floss heitere Weisheit, je nachdem, einsames Wissen und göttliche Schelmerei."

Indien – das war die große Leidenschaft von Hermann Gundert. In Malabar, dem heutigen Bundesstaat Kerala, war er gemeinsam mit seiner Frau Julie, geborene Dubois, Missionar gewesen. Bis er notgedrungen aus gesundheitlichen Gründen wieder nach Deutschland zurückkehren musste, wo er sich dann große Verdienste um den Calwer Verlagsverein erwarb, dessen Leiter er geworden war. Doch der Reihe nach.

Geboren wurde Hermann Gundert am 4. Februar 1814 in Stuttgart. Sein Vater war der erste Bibelsekretär der Württembergischen Bibelanstalt. Der hochbegabte Sohn kommt mit dreizehn Jahren auf das evangelische Klosterseminar Maulbronn und von da aus vier Jahre später an das Tübinger Stift. Hier studiert er Theologie und Philosophie.

Während seines Studiums gerät Gundert vorübergehend in den Bann des jungen Theologiedozenten David Strauß, dessen Stern damals gerade aufging. Besonders die von ihm vermittelte Geschichtsphilosophie Hegels tut es dem Studenten an. Dass Gott sich in Jesus Christus offenbart habe, bestreitet Strauß jedoch ebenso wie alles Übernatürliche. Hermann gerät in eine Glaubenskrise. Sein frommer Vater gibt ihm zu bedenken: "Ist’s nicht so, mein Sohn? Das systematische Universitätschristentum ist nicht das Wahre. Soll’s etwas nützen, so muss es der Gelehrte im Herzen haben. Praxis zuerst! dann die Theorie. Der alte Pfarrer Flattich sagte einmal, seine Bauern machen es viel besser als die Gelehrten. Diese sehen den Wein an und ermatten sich mit Theorien und Dogmen darüber; jene trinken ihn wacker aus und stärken sich. Das möchte ich: dich an der Lebensquelle trinken sehen, statt löcherichte Brunnen zu graben, die kein Wasser geben."

Eine Art Bekehrungserlebnis führt schließlich bei Gundert dazu, dass er seines Glaubens an Jesus Christus froh und gewiss wird. Nach Ablegen seines theologischen Examens und der Promotion zum Doktor der Philosophie zieht es ihn in die Mission nach Indien. Als einer der ersten Missionare der Basler Mission gründet er in Malabar eine Missionsstation. Beim Aufbau eines Schulwesens erwirbt er sich große Verdienste. Die britische Kolonialregierung beruft ihn sogar Anfang 1857 zum Schulinspektor der Provinzen Malabar und Kanara. Große Verdienste erwirbt sich Gundert nicht zuletzt aber auch durch seine linguistischen und volkskundlichen Leistungen. Seine auffallende Sprachbegabung und seine intensive Beschäftigung mit "Land und Leuten" ermöglichen es ihm, bedeutende Werke in der von den Keralesen benutzten Malayalam-Sprache zu erstellen. Dazu zählen nicht zuletzt seine volkskundlichen Veröffentlichungen, seine Malayalam-Grammatik, sein zu einem Standardwerk gewordenes Englisch-Malayalam-Wörterbuch sowie die Übertragung der Bibel und zahlreicher Kirchenlieder in Malayalam. So nachhaltig wirkte sich Gunderts Tätigkeit auf die Keralesen aus, dass diese ihm im Jahr 2000 in Thalassery, wo er die längste Zeit seines Indienaufenthaltes gelebt hatte, aus Dankbarkeit ein fünf Meter hohes Denkmal gesetzt haben.

Seinen Dienst in Indien hat Gundert sehr geliebt. Daher traf es ihn schwer, als ihn eine nicht weichenwollende Ruhrerkrankung 1859 zur Rückkehr nach Europa zwang. Er zieht nach Calw, da das Missionshaus einer Bitte des Calwer Verlagsvereins entsprochen hatte, ihn als Mitarbeiter und designierten Nachfolger des in die Jahre gekommenen Verlagsleiters Christian Gottlob Barth abzutreten.

Der Calwer Verlagsverein unterstützte mit seinem Buch- und Zeitschriftenangebot den Missionsgedanken. Das sollte sich auch unter Gundert nicht ändern. Allerdings trat neben den eher "erbaulichen" Angebotsteil ein mehr theologisch ausgerichtetes Buchsegment. Dabei konnte Gundert den Theologen Adolf Schlatter als Autor gewinnen, schrieb aber auch selbst.

Bei seiner Arbeit wurde Hermann Gundert viele Jahre von Johannes Hesse, dem Mann seiner Tochter Marie, unterstützt. Wie Marie, so war auch Johannes Hesse einige Jahre auf dem indischen Missionsfeld gewesen, hatte aber wegen gesundheitlicher Beschwerden seinen Missionsdienst aufgeben müssen. Nach dem Tod seines Schwiegervaters am 25. April 1893 trat er dessen Nachfolge als Verlagsleiter an. Er und seine Frau Marie sind die Eltern von Hermann Hesse.






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