Christliche Themen für jede Altersgruppe

Eine Pause für die Demenz

TUTTLINGEN – Einen dementen Angehörigen zu pflegen, ist Kräfte zehrend. Deshalb gibt es in Tuttlingen das Café Pause. Hier erleben an Demenz erkrankte Menschen ein Mal pro Woche einen abwechslungsreichen Nachmittag. Die pflegenden Angehörigen können in der Zeit etwas für sich tun.  Von Annika Luz

Bewegungsspiele machen Spaß und sind obendrein eine Heraus­forderung für Demenzkranke. (Foto: Annika Luz)

Es ist Donnerstagnachmittag, kurz nach 14 Uhr. In einem Gruppenraum des evangelischen Pflege- und Seniorenheims Elias-Schrenk-Haus sitzen zwölf Menschen um einen frühlingshaft gedeckten Kaffeetisch und singen aus voller Lunge das alte deutsche Volkslied „Ein Jäger aus Kurpfalz“. Auswendig. Der Auftakt für das wöchentliche Treffen „Café Pause“ für an Demenz erkrankte Menschen ist wie immer ein Lied aus alten Tagen. „Das hab ich schon in der Schule gelernt!“, ruft eine der älteren Damen erfreut aus. Das Eis ist gebrochen, die Gruppe in fröhlicher Stimmung.

Nach dem Einstiegslied gehen die ehrenamtlichen Helferinnen Elfriede Kranz, Evelyn Conrath und Eva Haug ringsum, schenken jedem Gast Kaffee ein und verteilen Schokokuchen. Eva Haug und ihr Mann, der ebenfalls als Helfer dabei ist, sind frisch aus dem Italienurlaub zurückgekommen und erzählen von einem Ausflug. „Ach, dort hab ich auch schon eine Handtasche gekauft“, schwärmt Evelyn Conrath. Und die anderen Damen erzählen von ihren schönen Handtaschen, die sie zu Hause haben. „Wenn der weiße Flieder wieder blüht …“ singt Angela Ketterer, die Koordinatorin des Treffs, am anderen Ende der Kaffeetafel vor sich hin. Dieses Lied gehe ihr gerade durch den Kopf, wenn sie so aus dem Fenster sehe. Und so plaudert man hier über den Frühling.

„Jetzt haben wir uns genug mit Kaffee verwöhnt, jetzt machen wir Gymnastik!“, sagt Angela Ketterer und lacht. Die Gäste lachen auch und wechseln zum großen Stuhlkreis in der anderen Raumhälfte. Bis alle Platz genommen haben, singt die Koordinatorin fröhlich „ein bisschen Spaß muss sein …“ vor sich hin. Sogleich singt sie weiter, und alle stimmen ein. Und zwar in das alte Volkslied „Das Wandern ist des Müllers Lust“. Dabei „gehen“ alle, weiterhin auf den Stühlen sitzend, so gut sie können, mit den Beinen.

Darauf folgt das Lied „Die Schaffnerin“. Hier kommen die Arme zum Einsatz. Jetzt sind alle aufgewärmt. Angela Ketterer setzt einen großen, durchsichtigen Pezzi-Ball mit farbigem Muster in die Mitte. Mit dem wird jetzt Fußball gespielt, weiterhin im Sitzen. „Der sieht aus wie ein Wasserball“, sagt sie. „Wem fallen zehn Städte mit Wasser ein?“ – „Überlingen!“ – „Meersburg!“ – „Starnberg!“ Wenn Stille aufkommt, raten schnell die ehrenamtlichen Helfer und Helferinnen mit, die sich gleichmäßig zwischen den Gästen platziert haben. Jeder kann sich so um zwei Gäste kümmern.

Alle vier Helfer sind von Anfang an dabei und über eine Zeitungsannonce zum Treff gekommen, sagt Elfriede Kranz. Damals zeigte ihr Vater leichte Anzeichen von Demenz, und sie wollte mehr darüber erfahren. Das war in der Schulung möglich, die alle Helfer des Café Pause zu Beginn bekommen. Im 14-tägigen Rhythmus wechselt das Ehrenamtlichen-Team sich ab. Eva und Albert Haug hatten vorher andere Ehrenämter ausgeübt, die ausliefen und waren damals – vor knapp zwei Jahren, als der Treff an den Start ging – auf der Suche nach etwas Neuem. Anfangs dachte sie, sie schaffe das nicht, sagt Eva Haug. Doch das Schöne sei, wenn man sehe, „wie gerne die Leute herkommen und wie sie mitmachen“. Für Evelyn Conrath ist das Ehrenamt fast so etwas wie eine Rückkehr. Sie hatte 13 Jahre bis zu ihrer Pensionierung im Elias-Schrenk-Haus gearbeitet und sieht die Besuche im Café als eine Bereicherung. „Ich kann mein Naturell hier viel freier einbringen im Gegensatz zu früher, als ich die volle Verantwortung trug“, sagt sie. Sie genießt es, jetzt „mehr Zeit für den Einzelnen“ zu haben.

Die Gruppe kommt nach einigen weiteren Sport- und Denkübungen zurück an den Tisch und macht ein musikalisches Würfelspiel. Wieder die Musik! Sie ist beinahe die ganzen drei Stunden über präsent. Man darf staunen, wie gut die an Demenz Erkrankten die Liedtexte beherrschen. Beim Spiel gilt es, je nach Würfelzahl beispielsweise einen Liedtitel zu berichtigen oder ein Lied nach seiner Eingangsmelodie erraten. Und zum Abschluss singt die Gruppe noch ein paar alte deutsche Volkslieder, darunter ist auch das Lied „Wahre Freundschaft soll  nicht wanken...“. Augen röten sich. „Und nächste Woche sehen wir uns wieder!“, sagt Angela Ketterer strahlend. „Da freu ich mich schon drauf!“


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