Christliche Themen für jede Altersgruppe

Geborgenheit für Heimatlose

TROSSINGEN (Dekanat Tuttlingen) - Familie, das ist ein Ort der Geborgenheit und der Freiheit. Im Trossinger Lebenshaus hat man den Begriff der Großfamilie weiterentwickelt. Neben den eigenen Kindern finden bei Familie Eich psychisch Kranke und behinderte Menschen ein Zuhause auf Zeit. 

Maria Hofmann musste viele Schicksalsschläge wegstecken. Beim Stricken kommt sie zur Ruhe. (Foto: Annika Luz)

Wir schreiben den Juni 2011. Maria Hofmann geht es schlecht. Sehr schlecht. Acht Todesfälle musste sie verschmerzen, darunter den ihres geliebten Mannes. Ihre Welt war aus den Fugen geraten. In einer psychiatrischen Klinik half man ihr auf die Beine. Zum Zeitpunkt der Entlassung fühlte sie sich weder bereit noch fähig, den Alltag wieder zu meistern.

Ein Anruf des Klinikpersonals genügte, und Maria Hofmann durfte sich im Lebenshaus vorstellen. „Ich kam hier rein und habe mich gleich wohl gefühlt“, erinnert sie sich. Und daran hat sich bis heute nichts geändert. „Die Maria kommt mit allen gut aus und hilft fleißig mit“, sagt Christa Eich über die Bewohnerin. Mit ihrem Mann Jörg, ihren Kindern und der Ärztin Angelika Braselmann bildet die Berufsbetreuerin die Kernfamilie im Lebenshaus. Bis zu sieben Personen können sie aufnehmen. Das Ganze auf ehrenamtlicher Basis. „Wir wollen wie eine Familie leben. Und ein Vater kriegt fürs Vatersein auch kein Geld, sagt Jörg Eich.

„Nach dem ursprünglichen Konzept sollten diese Personen etwa ein halbes bis ganzes Jahr bei uns eine Zwischenstation finden“, erklärt er weiter. Einige, darunter auch Maria Hofmann, leben jetzt aber schon länger in der Familiengemeinschaft. Und das ist auch so gewollt. Denn die Seele heilt nicht von heute auf morgen.

Ihren Tag kann Maria Hofmann eigenständig planen. „Die Leute müssen selbstständig sein. Wir sind als Ansprechpartner da“, sagt Jörg Eich. Es gibt nur wenige Regeln. Man muss Bescheid sagen, wo man hin geht. Gäste müssen angemeldet werden und übernachten im Gästezimmer. Geraucht wird draußen. Und jeder muss spätestens um 9 Uhr aufstehen und zum Frühstück kommen und abends um 19 Uhr zum gemeinsamen Abendessen. „Damit sich die Tagesstrukturen nicht auflösen – bei denen, die keine Arbeit haben“, sagt Jörg Eich.

Das mit der Arbeit ist so eine Sache. Oft setzen Bewohner sich in den halbjährlich stattfindenden Gesprächen eine neue Arbeitsstelle zum Ziel. Sie wollen nach einer Übergangsphase wieder auf eigenen Beinen stehen, in der eigenen Familie wohnen. „Manchmal ist dieses Ziel nicht erreichbar“, sagt Jörg Eich. Die Leute sind nicht mehr arbeitsfähig oder man findet nur schwer eine Arbeitsstelle für sie. Zum Beispiel, weil sie nur zwei oder drei Stunden am Stück arbeiten können.

Deshalb hat der Verein 1992 die Feinkostfabrik Nudelhaus gegründet. Längst hat diese Werkstatt für psychisch Behinderte sich zum Vorzeigemodell entwickelt. Die handgemachten Nudeln und das Gebäck werden deutschlandweit stark nachgefragt. Im vergangenen Jahr hat man einen Jahresumsatz von 800.000 Euro erreicht. Doch selbst im eigenen Wirtschaftsbetrieb ist es schwierig, einen Bewohner des Lebenshauses unterzubringen. 28 Menschen sind dort beschäftigt. Das Arbeitsklima ist gut, die Fluktuation gering. Doch es gibt nicht unbegrenzt Arbeit für Leute, „die noch nicht ganz gesund sind“.

Maria Hofmann geht nicht zur Arbeit. Dafür strickt sie viel. „Ich muss immer etwas in den Händen haben“, sagt sie. Einmal hat sie mit dem Stricken auch „viel Geld“ verdient. Da hat sie für einen Basar in drei Wochen 20 Paar Socken gestrickt. Aber das war so anstrengend, dass sie jetzt nur noch für sich und mal für Freunde was strickt. Um eine Freundin im Lebenshaus zu unterstützen, begleitet sie diese auch zu Treffen der anonymen Alkoholiker. Man ist füreinander da. Wie in einer Familie.

Auch am sonstigen Familienleben, das sich in den Gemeinschaftsräumen des früheren Kontorhauses des Trossinger Akkordeonbauers Hohner abspielt, nimmt Maria Hofmann rege teil. „Abends sitzen wir oft im Fernsehzimmer gemütlich zusammen“, sagt sie. Alle ein bis zwei Monate findet ein Bibelabend im Kaminzimmer statt. Und bei Besuchen kultureller Veranstaltungen wie den Konzerten der alten Musik im benachbarten alten Schul- und Rathaus ist sie auch begeistert dabei.

Neben Maria Hofmann wohnen derzeit noch sechs weitere Bewohner auf Zeit im Lebenshaus. Hauptsächlich sind das Frauen. Jede(r) hat ein eigenes Zimmer mit einem Bett, einem Schrank und einem Schreibtisch. Die Türen zu den Wohnungen der Kernfamilie sind immer offen. Jeder – auch die Kernfamilie – entrichtet eine Miete und Kostgeld zur Deckung der laufenden Kosten und Instandhaltungsarbeiten am denkmalgeschützten Gebäude an den Verein.

Gelegentlich wohnen Leute in Trennungssituationen oder junge Frauen, die missbraucht oder gemobbt wurden mit im Haus. Einmal hat ein Paar wegen der Gefahr eines Ehrenmordes Unterschlupf gesucht. Auch Menschen, die aus dem Ausland nach Deutschland gekommen sind, haben schon Zwischenstation gemacht. Mit Obdachlosen hatte man bisher wenig Erfolg. „Denen ist das zu strukturiert“, sagt Jörg Eich.

Damit man herausfindet, ob jemand ins Lebenshaus passt, führt man mit ihm oder ihr ein Aufnahmegespräch. Daran nehmen zwei Personen aus dem Lebenshaus und zwei von außerhalb teil, beispielsweise jemand aus dem Vorstand, ein Arzt oder ein Sozialarbeiter. „Die Leute müssen in die Gemeinschaft passen.“ Richtig schlechte Erfahrungen haben die Eichs aber noch nicht gemacht. Natürlich gibt es die „normalen Streitigkeiten wie in jeder Familie“, aber im Großen und Ganzen sind der ehemalige Katastrophenhelfer und seine Frau immer mit allen gut klar gekommen.

Der Gedanke, auf diese Weise für andere da zu sein, kam Jörg Eich vor über 20 Jahren. Nach einem Erntedank-Gottesdienst verteilte er am Bahnhof Früchte an Obdachlose. Einer sagte zu ihm: „Wenn ich jetzt eine Hand hätte, die sich mir entgegenstreckte, ich würde sie nehmen.“ In seiner damaligen Lebenssituation konnte er dem Mann nicht helfen. „Es sollte eine Einrichtung geben, die so einem Menschen hilft“, dachte er sich. Ungefähr zur selben Zeit wurde das Lebenshaus gegründet. Zunächst zog die Familie König ein und lebte dort 18 Jahre lang. Seit acht Jahren ist Jörg Eich nun Vater der Großfamilie. Und will noch lange Heimatlosen eine Stätte der Geborgenheit und Sicherheit bieten.

Information


Das Lebenshaus ist ein unabhängiger ökumenischer Verein für soziale Integration, der vor über 25 Jahren aus dem christlichen Versöhnungsbund hervorging. Momentan besteht er aus etwa 120 Mitgliedern, davon 70 Aktive und wird durch Spenden getragen. Weitere Informationen unter Telefon 07425- 3275074 sowie im  Internet unter www.lebenshaus-trossingen.de

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