Christliche Themen für jede Altersgruppe

Langsam laufen wie die Esel

GRÜNTAL-FRUTENHOF (Dekanat Freudenstadt) – Eine Eselwanderung ist wie Urlaub. Wie ein Abtauchen in eine andere Zeit. Andreas Harr entführt seine Mitwanderer in sein kleines Paradies. Und unterwegs mit dem langsamen Esel entwickeln sich Gespräche über Gott und die Welt. 

Wenn der Esel eine Gefahr sieht, bringt ihn kein Ziehen und Zerren mehr vom Fleck.Der evangelische Hauskreis aus Bösingen machte seine Erfahrungen damit. (Foto: Bärbel Altendorf-Jehle)

Seine blonden Locken schauen unter dem Lederhut hervor, seine Füße stecken in Holzpantinen, die mit Ziegenfell überzogen sind, übrigens dadurch wasserdicht und sehr bequem und somit die Lieblingsschuhe der ganzen Familie. Andreas Harr sieht zwar so aus, ist aber kein alternativer Aussteiger, vielmehr grundsolider Handwerker, der mit beiden Beinen im Jetzt steht.

Selbst noch jung an Jahren, blickt er zurück in die Zeit seiner Großeltern und macht sich Gedanken darüber, was damals gut war. Und das Gute sieht er im Gegensatz zu unserer hektischen, schnellen Welt unter anderem in der damaligen Langsamkeit.

„Laufen die Esel immer so langsam?“, fragt eine Teilnehmerin, die sonst einen schnelleren Schritt auf Schusters Rappen hinlegt. Andreas Harr blickt unter seiner Hutkrempe hervor: „Ja, das tun sie und das ist das Gute daran. Damit werden wir gezwungen, langsam zu gehen. Wir werden entschleunigt, nehmen unsere Umwelt bewusster wahr.“ Entschleunigung suchen diesmal die Mitglieder des evangelischen Hauskreises aus Bösingen, zu denen das Ehepaar Harr gute Kontakte hat.

Kinder, bis zu 30 Kilogramm Körpergewicht dürfen auch schon mal auf dem Esel ein Stück weit mitreiten, alles andere wäre zu schwer für die „Grauen“. Sie tragen nur Gepäck.

Auf seiner Eseldame Nelly hat Andreas Harr einen Sattel mit einem Holzkistengestell befestigt. Rechts und links daran werden der Eselin alte Ledertaschen angehängt. „Ist das nicht zu schwer für das Tier“?, fragt ein Teilnehmer der Wandertour. „Nein“, schmunzelt Harr, „wir haben zwar keine Packesel, sondern Hausesel, aber das packt sie schon.“

Andreas Harr krault ihr die Ohren. Er hat ein ganz besonderes Verhältnis zu diesem Tier. Der Sohn wollte einst ein eigenes Pferd haben. „Zu teuer“, meinte der Vater, „aber ein Esel könnte gehen.“ Doch Nelly wurde kurz nach dem Kauf so krank, dass sie 14 Tage in einer Tierklinik verbringen musste, anschließend hatte sie noch einen entzündeten Huf. Dreimal am Tag musste Andreas Harr das Tier medizinisch versorgen, den Huf verbinden. Dabei entstanden zum einen eine ganz tiefe Beziehung zu dieser Eseldame, zum anderen hohe Kosten. „Wir haben uns überlegt, wie wir dieses Geld wieder hereinbekommen und da war die Idee der Eselwanderungen geboren.“ Nicht als zweite Einnahmequelle, vielmehr zur Unkostendeckung.

Aus der ursprünglichen Idee, wenigstens die Unkosten der mittlerweile drei Esel und dem gerade erst auf die Welt gekommenen Eseljungen zu decken, ist ein umfangreiches Angebot geworden, das durchaus auch unter dem Begriff „Lebenshilfe“ gesehen werden kann. „Letztens hatten wir eine Gruppe Behinderte bei uns. Unter anderem einen jungen Rollstuhlfahrer“, erzählt Andreas Harr. Der Junge ließ sich von dem Esel ziehen und jauchzte vor Vergnügen. Wenn Harr das mit leuchtenden Augen berichtet, fragt man sich, ob das dem Rollstuhlfahrer oder ihm mehr Spaß gemacht hat. Wenn der „Eseltreiber“ aus Grüntal von Jugendlichen erzählt, die so eine Eseltour am Anfang ganz uncool finden und danach erstaunt feststellen: „Sind wir tatsächlich so weit gelaufen?“, und die Esel mit Streicheleinheiten überhäufen, dann wird spürbar, wie sehr es Andreas Harr selbst freut, den Menschen dadurch eine Freude zu machen.

Die Tour startet direkt vom Ort aus, führt in die nähere Umgebung der 1000-Seelengemeinde. Der Ortsvorsteher Gerhard Armbruster war sofort begeistert über diese Attraktion. Selbst Landwirt, erlaubte er dem „Eselwanderer“ auch über seine Wiesen zu spazieren und wies ihn auf ein kleines landschaftliches Idyll im nahegelegenen Tal hin. Andreas Harr entdeckte alte, ja sogar historische Trampelpfade und befreite diese vom Gestrüpp.

„Das war eine schweißtreibende Tätigkeit“, stöhnt er. Aber jedes Mal, wenn er, seine Esel und Ziegen – auch diese dürfen bei der Wanderung stets mit – durch diese Wege gehen, weiß er, die Mühe hat sich gelohnt.

Ein grünes Kronendach erstreckt sich schützend über die Wanderer. An anderer Stelle läuft es sich angenehm kühl durch einen grünen Tunnel, dann wieder stehen im Frühjahr die Haselnusssträucher mit ihren Kätzchen und Schlehen in ihrer weißen Blütenpracht Spalier und glänzen im Herbst mit ihren blauen Beeren und Nüssen. Auch auf dem historischen Kirchweg, der einst  Dornstetten mit Grüntal verband, führt die Wanderung.

Am idyllischen Kübelbach gibt es einen Umtrunk. Andreas Harr holt aus dem klaren Bachwasser die Sektflasche. Er hat sie vor zwei Stunden dort hineingestellt. Gestohlen hat sie bisher jedoch noch keiner. In diese Idylle, mit dem glasklaren plätschernden Bach, verirren sich nur wenige. Nun zeigt sich, was in der Holzkiste steckt: Sektgläser, Knabberei. Aus den Ledertaschen zieht Andreas Harr roten Johannisbeer- und goldenen Holunderblütensirup, alles selbst gemacht. Sie versüßen den prickelnden Sekt.

Während sich alle erfrischen, erzählt Andreas Harr. Auch davon, dass Esel gar nicht stur sind. Er nennt es klug, wenn der Esel einfach stehen bleibt und nicht weiter will. Andreas Harr: „Der Esel sieht dann eine Gefahr, bleibt stehen und wartet erst einmal ab. Oftmals kann er dann gar nicht verstehen, dass er so unvernünftig weitergezogen wird.“ Unterwegs macht Harr die Bösinger Gäste immer wieder auf schöne Aussichten aufmerksam oder deutet auf eine kleine Blume am Wegesrand. Er liebt die Wildnis: „Wir haben hier in Grüntal schon längst unseren Nationalpark“, sagt er und deutet auf die wild wuchernden Hecken überall dort, wo die Landwirtschaft den Boden nicht mehr braucht.

Harrs Eseltouren richten sich an alle Altersklassen. Zwischenzeitlich werden auch Kindergeburtstage mit so einer Eseltour gefeiert, Gruppen aus Firmen kommen, aber eben auch Hauskreise wie die Bösinger. Letztens schenkte sich diese Eseltour eine alleinstehende Frau selbst zu ihrem Geburtstag. Sie wollte die Tour nicht in der Gruppe, sondern für sich machen. „Warum nicht“, sagt Andreas Harr, der zusammen mit seiner Frau ganz individuell für die Gäste sorgt.

Neben dem obligatorischen Sektumtrunk auf halber Strecke, gibt es anschließend ein Schwarzwälder Vesper in der rustikalen Hütte im eigenen Garten oder, wenn das Wetter mitspielt, am Waldrand  mit Blick auf das Dorf hinunter und im Sonnenuntergang. Dann sitzt die Gruppe draußen und lässt es sich schmecken. Esel und Ziegen grasen direkt neben ihnen.

Solch eine entschleunigte Eseltour lässt einen Gottes Schöpfung erfahren. Andreas Harr, der unbeschwert über seinen Glauben spricht, ist immer wieder erstaunt, dass seine Mitwanderer von selbst Glaubensthemen ansprechen. Ist es die Schönheit der Natur, die Stille oder der Umgang mit den Tieren? Andreas Harr weiß es nicht. Vielleicht ist es aber auch die Vertrautheit, die Andreas Harr ausstrahlt, die die Mitwanderer dazu animiert, tiefe Gedanke auch auszusprechen. Vielleicht sind es aber auch die Esel selbst. Ist doch einst auch Jesus auf einem Esel in Jerusalem eingezogen.

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