Christliche Themen für jede Altersgruppe

Zeit für Geschichte und Geschichten

FREUDENSTADT – Seit kurzem gibt es in Freudenstadt Stadtführungen für Behinderte. Friedrich Volpp, der selbst im Rollstuhl sitzt, bietet sie an. Die Rundgänge führen an bekannte Orte und Sehenswürdigkeiten der Stadt – sind aber doch ganz anders. 


Rauskommen aus der Isolation: Die Teilnehmerinnen der Stadtführung genießen die spannenden Einblicke in die Stadtgeschichte. Foto: (Bärbel Altendorf-Jehle)

„Es gehört sich, ein paar Minuten zu warten, denn wir haben es mit behinderten Menschen zu tun“, Friedrich Volpp macht gleich zu Beginn der Stadtführung auf die erste Besonderheit aufmerksam. Es gibt so viele Unwägbarkeiten für behinderte Menschen, auch wenn diese aus ihrer Erfahrung heraus sich schon früh auf den Weg machen, um pünktlich zu sein.

Doch dann sind die heutigen Teilnehmer da: zwei Frauen im Rollstuhl, eine mit dem Rollator. „Grüß Gott, und herzlich Willkommen“, begrüßt Friedrich Volpp seine Teilnehmer. Es sind keine Touristen, es sind diesmal Freudenstädter, die mit Friedrich Volpp, dem geborenen Geschichtenerzähler durch Freudenstadt rollen möchten.

„Es hat doch keinen Wert, die Menschen mit Geschichtszahlen zu füttern, die sie sich eh nicht merken können“, sagt Volpp. Er will seine Zuhörer auch nicht mit Informationen zuschütten, sondern bei jeder Führung etwas Neues erzählen. „Ich bin ein Ur-Freudenstädter“, bekennt Volpp.

Er arbeitet die Geschichte Freudenstadts auf, doch anders als es die Geschichtsschreiber vor ihm schon getan haben. Er interessiert sich für die Geschichten, die in der historischen Stadtgeschichte stecken: Einzelschicksale, Menschliches und Unmenschliches und das alltägliche Leben einer längst vergessenen Zeit.

So bleibt er beispielsweise gleich vor der ältesten Gaststätte Freudenstadts stehen: „90 Prozent der Freudenstädter wissen das nicht“, sagt Volpp. Auch nicht, dass von diesem Haus der Stadtbrand 1632 ausgelöst wurde und damit das Haus verdammt und die Bewohnerin als Hexe verbrannt wurde. Über 100 Jahre stand das Haus aus diesem Grund leer. Es sind solche Geschichten, die die Stadtführungen mit Friedrich Volpp interessant machen, für Behinderte und Nichtbehinderte gleichermaßen. Da Friedrich Volpp jedoch im Rollstuhl sitzt, ist er für diese Sonderführungen geradezu prädestiniert. „Nicht immer muss ich den Rollstuhl nehmen, da ich zumindest Teilstrecken noch mit dem Stock laufen kann“, sagt er. Volpp fährt jeden abgesenkten Bordstein zielstrebig an, weiß Hindernisse geschickt zu umfahren. „In Freudenstadt sind zum Glück nahezu alle öffentlichen Gebäude auch für Behinderte zugänglich“, sagt er.

Das macht vieles leichter, aber nicht alles. Ein Café zu besuchen ist im Sommer und bei schönem Wetter kein Problem, da kann man draußen sitzen. Im Winter wird es jedoch zum Hindernis, fast überall gibt es Treppen. Auch die Geschäfte sind teilweise für Behinderte unzugänglich.

Damit Friedrich Volpp mit seinen Rollstuhlfahrern in die Stadtkirche kann, hat er zuvor angerufen und es wurde extra die mobile Rampe am Eingang angebracht. Über diese Hilfsbereitschaft freut sich der neue Stadtführer, doch dann die herbe Enttäuschung, als die Gruppe in der Stadtkirche ist, wird sie wieder gebeten zu gehen. Der Grund: In der Stadtkirche sind keine Hunde erlaubt.

Friedrich Volpp ist ärgerlich: „Blinde sind auf ihre Hunde angewiesen, aber auch Rollstuhlfahrer haben Hunde. Oftmals sind es die einzigen treuen und ständigen Ansprechpartner für sie. Es ist meist eine enge Symbiose zwischen einem behinderten Menschen und seinem Vierbeiner, so dass diese auch nicht ohne weiteres draußen angebunden werden können.“

Pfarrer Hans-Jürgen Schlue, auf das Problem angesprochen, wird mit dem Kirchengemeinderat besprechen, ob Ausnahmeregelungen hier möglich sind. Die Stadtkirche ist nun mal das zentrale Gebäude in der Stadt und für den gläubigen Christ, Friedrich Volpp, deswegen aber nicht nur deswegen ein wichtiger Baustein in seinen Führungen.

Zumindest an dieser zweiten Führung bleibt Friedrich Volpp vorsorglich mit seinen Damen draußen, beschreibt die Kirche von außen. Denn der treue Begleiter von Andrea Bangel ist, auch wenn er auf ihrem Schoß sitzt und keinen Mucks von sich gibt, eben ein Hund. Volpp nimmt sich Zeit für seine Teilnehmer und diese nehmen sich Zeit für die Stadtführung. Dieses Zeitnehmen ist wohl einer der bemerkenswertesten Unterschiede zu „normalen“ Stadtführungen. Da hetzt die Gruppe nicht von einer Sehenswürdigkeit zur anderen, sondern genießt die Stadtführung, das Miteinander, das Gespräch. Das steht bei Volpps Führungen auch im Vordergrund.

So gibt Volpp den Frauen genügend Zeit, ihren Frust loszuwerden: Wo kommen wir mit unseren Rollstühlen hin, wie erreichen wir Teilhabe, wie kommen wir aus der winterlichen Isolation heraus, wenn schlecht gebahnt ist?

Friedrich Volpp will die Freudenstädter Behinderten mit seinen Stadtführungen auch dazu bringen, sich selbst und ihre Verbesserungsideen einzubringen. Rauszukommen aus der Einsamkeit ihrer vier Wände, mitzufahren mit ihren Rollstühlen, wenn es durch die Stadt geht und hineingenommen zu werden in die Geschichte und Geschichten, die Volpp erzählt.

Information
Die barrierefreien Stadtführungen der Stadt Freudenstadt dauern insgesamt etwa anderthalb Stunden und werden auf Anfrage angeboten. Ansprechpartner ist Friedrich Volpp, Telefon 07441-5203241. Die Teilnahme ist kostenlos. Auch Rollstuhlwanderungen sind auf Anfrage möglich.

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