Christliche Themen für jede Altersgruppe

Zwischen Angst und Ehrfurcht lauschen

HERRENBERG – Die Stiftskirche in Herrenberg ist sehens- und hörenswert. Man sollte sich aber Zeit nehmen, für die Kirche, für das Museum, für eine Führung – und für das Glockenkonzert, das man danach richtig gut genießen kann.  Von Bärbel Altendorf-Jehle

Mit diesen Glocken finden immer wieder Carillonkonzerte statt.
(Foto: Bärbel Altendorf-Jehle)

Über die Apostelstaffel, eine steile Treppe, kommt man schnaufend oben bei der Stiftskirche an. Sie steht trutzig da, so als könnte sie nichts erschüttern. Stimmt auch. Obwohl der Berg, auf dem die Kirche steht, jährlich einen Millimeter in Richtung Altstadt absackt. Außerdem beherbergt sie in ihrem ungewöhnlich breiten Glockenstuhl zahlreiche große und kleine Glocken mit einem enormen Gewicht. „Das macht ihr auch nichts aus“, sagt Gernot Heer, Vorsitzender des Vereins zur Erhaltung der Stiftskirche.

Der Turm wiegt 9000 Tonnen. Da sind die Glocken, auch wenn sie so groß und schwer aussehen und beim Schwingen bedrohlich das Gebälk zum Knarren bringen, mit ihren rund 19 Tonnen ein Klacks.

„Stellen Sie sich sicherheitshalber nicht in den Schwungbereich der Glocken“, rät Claus Huber, Glockensachverständiger der Landeskirche. Gut, es ist noch nie etwas passiert, weil die Glocken und deren Klöppel und Aufhängungen regelmäßig kontrolliert werden, genau wie das Gebälk, an denen sie hängen, Doch sicher ist sicher. Aber man weicht auch ohne diese mahnenden Worte unwillkürlich einen Schritt zurück, wenn eine der große Glocken weit ausholt, mit Schwung nach vorne kommt und einen markerschütternden Ton von sich gibt.

Es ist ein eigenartiges Gefühl zwischen Angst und Ehrfurcht, Neugier und Erstaunen, wenn man im Glockenstuhl dieser Stiftskirche steht und die Glocken in ihr ausholen, um die Uhrzeit oder eine christliche Botschaft mit ihren Tönen weit hinaus über die Altstadt in die Ebene von Herrenberg hinauszutragen.

Dieter Eisenhardt, Glockenfan und ehemaliger Dekan von Herrenberg hat das Glockenmuseum in Herrenberg gegründet. Als er 1986 als Dekan nach Herrenberg kam, faszinierte ihn der große Glockenstubenraum. Zusammen mit dem kostbaren Inventar von fünf wertvollen Glocken aus acht Jahrhunderten bot er sich als idealer Platz für eine einzigartige Glockensammlung an. Dieter Eisenhardt beschreibt seine Vision: „Auf dem Herrenberger Stiftskirchenturm sollten Glocken an ihrem Bestimmungsort, dem Kirchturm, in ihrer ursprünglichen Funktion als Rufer zu Gottesdienst und Gebet einer breiten Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden“.

Die besondere Museumskonzeption von Eisenhardt besteht darin, dass der Besucher die Glocken nicht nur anschauen, sondern sie auch in Aktion sehen kann, dass er die Glocken nicht nur angeschlagen hört, sondern sie in voller Klangentfaltung wahrnimmt, und dass er diese großen Instrumente nicht nur anfassen kann, sondern ihre Klangwellen im Körper selbst spürt. Dieses ganzheitliche Erlebnis ist sonst in keinem Glockenmuseum möglich.

1990 wurde das Museum mit zunächst elf Glocken von Eisenhardt eröffnet. Gleichzeitig kam es zur Gründung der Herrenberger Bauhütte. Diese besteht aus ehrenamtlichen Mitarbeitern und betreibt wesentlich den Auf- und Ausbau des Museums. 1992 übergab die Evangelische Kirchengemeinde Herrenberg die Trägerschaft dem Verein zur Erhaltung der Stiftskirche. In der Glockenstube der Herrenberger Stiftskirche sind über 30 läutbare Bronzeglocken. Sie bilden das umfangreichste Kirchengeläut Deutschlands. Glocken aus zwölf Jahrhunderten und aus vielen Regionen des deutschsprachigen Kulturraums bilden hier eine abgestimmte Tonleiter über fast drei Oktaven.

Bei den Glockenkonzerten hört man sie alle: Die Dominika oder die Armsünderglocke, die älteste läutbare Glocke Württembergs, die Schulglocke oder die Taufglocke, die Gloriosa oder die Segensglocke, und man hört nicht nur diese Glocken und die für Herrenberg üblichen Klangvariationen, sondern kann mit diesen Glocken auch anderes Geläut imitieren, beispielsweise das Glockengeläut aus Markdorf am Bodensee oder Langenargen, aus Rheinau oder das Geläut der St. Anna Kapelle Zürich. Dann hört man deren Läuten in der Stiftskirche in Herrenberg.

Seit 2012 hat das Glockenmuseum auch ein Carillon mit 50 Glocken. Carillon ist die französische Bezeichnung für ein Turmglockenspiel. Diese erklingen automatisch vor den liturgischen Läutezeiten, aber es können auf der dazugehörigen Klaviatur auch richtige Lieder gespielt werden. In unregelmäßigen Abständen gibt Dieter Eisenhardt solche Carillonkonzerte in der Stiftskirche. Die normalen Glockenkonzerte finden an jedem 1. Samstag eines Monates zwischen 17 und 18 Uhr statt. Die Besucher finden sich in der Kirche ein, erhalten dort einen kleinen Einführungsvortrag und haben dann die Qual der Wahl.

Denn in der Kirche selbst sind die Glocken nicht zu hören. Es gibt zwei Möglichkeiten. Entweder draußen auf dem Kirchplatz dem Glockenkonzert zu lauschen, dort hört man die Glocken am wohlklingendsten, oder aber die steile Wendeltreppe mit hinauf zusteigen weit hoch in den Glockenturm und die Glocken dort nicht nur zu hören, sondern auch ihr Schwingen zu sehen und mit dem ganzen Körper zu spüren.

Da vibriert die Treppe, da zittert der Boden, da knarren die Balken, da hört man nicht nur den Glockenklang, sondern auch den Nachhall und alles ist so laut, dass man sich die Ohren besser fest zuhält. Die Kenner der Branche haben sich Watte oder auch Kopfhörer mitgebracht. Ganz ohne Kopfhörer sitzt ein alter Mann auf dem Holzklappstuhl und blickt fasziniert hin zu der großen schwingenden Glocke. Manchmal kann Schwerhörigkeit auch von Vorteil sein.

Zwei kleine Konzertbesucher halten sich dagegen schon nach dem ersten Schlag erschrocken die Ohren zu, drängen mit Papa hinaus auf die Umrandung der Kirche, von der man übrigens eine wunderbare Aussicht dorthin hat, wo die Glocken ihren Schall hinausschicken, ins Umland von Herrenberg. Kaum draußen auf dem kirchlichen Balkon angekommen, hört sich der Glockenschlag auch schon weit weniger bedrohlich an.

Claus Huber hat diesmal die Leitung des Konzertes. Er erklärt die Einzelglocken und unterschiedlichen Geläutemotive, dann drückt er völlig unromantisch auf ein rotes Knöpfchen in einem unansehnlichen Kasten, der einen an den eigenen Stromschaltkasten daheim erinnert. Nein, irgendwie passt das nicht so recht in das nostalgische Bild vom Glöckner. Doch dann schnappt sich ein Mann ein langes Seil, zieht und bringt mit eigener Kraft eine Glocke zum Schwingen.

Information

Führungen durch das Museum können beim Kulturamt der Stadt Herrenberg, Marktplatz 5, Telefon: 07032-924320 oder beim Dekanatamt Herrenberg, Schlossberg 1, Telefon: 07032-5249 gebucht werden.

Öffnungszeiten des Glockenmuseums: April bis Oktober: Mittwoch 14.30 bis 17 Uhr, Samstag 14.30 bis 18.30 Uhr und Sonntag 11.30 bis 17 Uhr. November bis März: Mittwoch 14.30 bis 16 Uhr, Samstag 17 bis 18.30 Uhr, Sonntag und Feiertag 14.30 bis 16 Uhr.

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