Christliche Themen für jede Altersgruppe

Den Islam im Notfall anwenden können

ULM – „In der Not gibt es keine Regel und keine Religion, die unseren Beistand einengt oder verhindert“, sagt Helmut Schön. Er ist Notfallseelsorger und leitet zudem das neue Projekt „Muslime für Muslime“ bei der Notfallseelsorge Ulm-Alb/Donau. 


Die Türkische Moschee in Ulm ist der Treffpunkt für viele Muslime. Foto: (Brigitte Scheiffele)

Die Notfallseelsorge Ulm/Alb-Donau-Kreis will jetzt auch ehrenamtliche Muslime in die psychosoziale Betreuung von Unfallopfern und deren Angehörigen einbinden. Als erste im Land. Bereits 15 Mitglieder aus islamischen Gemeinschaften haben sich für eine solche Tätigkeit angemeldet.

Helmut Schön ist Notfallseelsorger und berichtet von etwa 35 Einsätzen in Familien muslimischen Glaubens pro Jahr. Auch hier gehe es um Todesfälle zu Hause oder das Überbringen von Schreckensnachrichten: „Die ganze Thematik bei Unfällen, zu denen man uns ruft.“ Auch Suizid sei ein Thema, obwohl der laut Koran strengstens verboten sei.

Christliche Notfallseelsorger seien in muslimischen Familien manchmal überfordert oder sie werden von den Angehörigen nicht akzeptiert: „Viele muslimische Familien kennen die Seelsorge nicht, wie wir sie kennen. Hinzu kommt, dass der Familien-, Freundes- und Nachbarschaftsverbund hervorragend funktioniert. Das wird laut Koran auch so erwartet“, erklärt Schön.

Doch zunehmend habe man festgestellt, dass dies bei in Deutschland lebenden Familien auch nicht immer der Fall sei. So mag es bei türkischen Familien noch zutreffen, auch bei vielen Menschen, die aus Bosnien kommen, nicht aber bei denen, die aus arabischen oder afrikanischen Ländern stammen. Letztere sind laut Schön nicht durch große Gemeinschaften vor Ort getragen und geborgen. In solchen Notfällen arbeitet Schön eher organisatorisch als psychosozial. Er erklärt Angehörigen dann, warum die Polizei eine Leiche nicht freigeben kann, die laut Koran innerhalb von 24 Stunden in eine bestimmte Richtung gelegt und gewaschen werden sollte. Und Schön fügt hinzu: „Egal welcher Religion, in 95 Prozent aller Fälle bitten die Angehörigen um eine kleine Aussegnung, dass ich die Hand auflege und ein paar Worte spreche.“ Hier habe er keinerlei Vorbehalte zu anderen Religionen oder nicht religiösen Menschen.

„Ich mache bei diesen Einsätzen auch mal einen Fehler. Aus Unwissenheit“, sagt Schön. Und so sei die Erweiterung des Ulmer Teams um Muslime für ihn äußerst wichtig. Gemeinsam mit Geschäftsführer Michael Lobenhofer habe er sich mit Vertretern der Christlich-Islamischen Gesellschaft in Köln ausgetauscht, um das Projekt „Notfallhilfebegleitung für Muslime mit Muslimen“ durch die psychosoziale Notfallseelsorge Ulm/Alb-Donau-Kreis auf die Beine zu stellen. Dies fand große Unterstützung vom „Rat der Religionen“ in Ulm, der aus jüdischen und muslimischen Glaubensgemeinschaften besteht.

Jetzt haben sich 15 Mitglieder aus verschiedenen Ulmer Moscheevereinen für die im Januar startende Grundausbildung als Notfallseelsorger angemeldet. Mehr als erwartet. Was Schön besonders freut: „Auch aus dem schon bestehenden Team werden Mitarbeiter dabei sein, um zu lernen und um die Gesetze des Islams besser zu verstehen.“ Natürlich müsse anerkannt werden, dass es Trennendes gebe, doch immer wieder heiße es, sich neu zu finden, sich auszutauschen.

Auf die Frage von Bürgern, weswegen die Notfallseelsorge einen solchen Aufwand betreibe, umgekehrt wäre dies niemals der Fall, sagt Schön: „Das darf uns doch nicht abhalten, Gutes zu tun. Wir können nicht die Welt verändern. Aber wenn Menschen zu uns nach Deutschland kommen, hier aufwachsen, hier leben, dann fängt Nächstenliebe beim Nachbarn und in der Familie an. Wenn in anderen Ländern anders gehandelt wird, können wir nichts daran ändern.“

Information

Die Notfallseelsorge Ulm-Alb/Donau wurde 1998 gegründet. Träger sind die katholische und die evangelische Kirche, die Stadt Ulm und der Alb-Donau-Kreis. 30 Notfallseelsorger sind im Einsatz, um Opfer, Angehörige, aber auch Rettungshelfer zu beraten und zu stützen. Zukünftig sollen nun mehr Helfer aus anderen Kultur- und Religionskreisen mitarbeiten. Wer in der Notfallseelsorge arbeitet, muss Mitglied einer Kirche oder einer muslimischen Gemeinde sein.

Luthers-Familienzeit

Jetzt Online-Magazin testen.

THEMA - Die Bergpredigt

Ausgabe 3/2017

Evangelisches Gemeindeblatt

Aktuelle Ausgabe 34/2017

Meinungsumfrage

Meinungsumfrage

Haben Sie durch die Veranstaltungen zum Reformationsjubiläum persönliche Impulse bekommen?
Ja.
Nein
Ich weiß es nicht