Christliche Themen für jede Altersgruppe

Die Gräber der Kinder

ULM – Zwischen den alten Bäumen unter den alten Grabsteinen im Friedhof an der Stuttgarter Straße liegt ein Geheimnis. Denn dort sind Kinder bestattet, Kinder von Zwangsarbeitern, Kinder von Juden. Ein Religionslehrer versucht, mehr herauszufinden. 

Ein Ort der Ruhe und des Geheimnisses: der Friedhof an der Stuttgarter Straße. (Foto: Dagmar Hub)


Fast verwunschen sehen die Reihen der alten Gräber des jüdischen Teils auf dem Friedhof an der Stuttgarter Straße aus. Aus den hohen alten Bäumen zwitschern Vögel, sonst ist hier ein Ort der Ruhe. Und doch ein Ort des Geheimnisses, sagt der evangelische Religionslehrer Christof Maihoefer, der sich viel mit der jüdischen Geschichte Ulms beschäftigt.

In den vergangenen Monaten versuchte er, hinter die Geheimnisse dieser Gräberreihen zu kommen. Seine Entdeckung: Zwischen den Gräbern wurden kurz nach dem Zweiten Weltkrieg die tot geborenen oder bald nach der Geburt verstorbenen Kinder von Zwangsarbeiterinnen bestattet. Gleiches widerfuhr den vor Ende des Krieges tot geborenen oder verstorbenen Kindern von jüdischen Menschen, die ihre Heimat verlassen mussten, so genannten Displaced Persons (DPs), und die nach dem Krieg in Ulm lebten.

Die Gräberreihen verbargen ihr Geheimnis auch deshalb lange, weil die Bezifferung ihrer Reihen im Nationalsozialismus ausgetauscht wurde. Aus Reihe 1 wurde Reihe 10, aus Reihe 2 Reihe 9 und so weiter.

Die Folgen des Kriegs, die harten Bedingungen, unter denen sie geboren wurden, hinderten viele dieser Kinder am Leben. Ihre kleinen Körper wurden verbrannt und in Urnen zwischen den jüdischen Gräbern bestattet, egal ob ihre Mütter nun jüdischen Glaubens waren wie die des kleinen Benjamin Galicka, dessen Geburts- und Todestag der 27. Januar 1947 ist, oder ob sie orthodoxen Glaubens waren wie die Mutter von Tobias Klapowucho, der 1944 als „Russenkind“ keine sechs Monate alt wurde. Die Mutter von Viktor Iwanow, der knapp fünfjährig in Ulm starb, war eine Zwangsarbeiterin muslimischen Glaubens, die Mutter des 1944 im Alter von einem Jahr gestorbenen „Russenkindes“ Valentina Simjonova war katholisch, und die Mutter von Olga Strelzowa gehörte keiner Religion an, als ihr Töchterchen 1944 im Alter von wenigen Monaten starb.

30 in den alten Dokumenten als „Russenkinder“ titulierte kleine Körper wurden zwischen den jüdischen Gräbern beigesetzt, ebenso auch viele jüdische Kinder wie Dov Scharfstein, der 1949 in der Wilhelmsburg verunglückte, wo seine Eltern als DPs untergebracht worden waren. Den jüdischen DPs habe es nach der Shoa besonderen Schmerz zugefügt, sagt Christof Maihoefer, dass die Körper ihrer Kinder nicht in der Erde bestattet wurden, sondern verbrannt.

Hintergrund

Auf dem israelitischen Teil des Ulmer Friedhofs verweisen zahlreiche Grabsteine auf die Namen bekannter jüdischer Familien Ulms, so der Familien Lebrecht oder Moos oder des Rabbiners Straßburger. In diesem Friedhofsteil befindet sich auch das Grab der als Kind verstorbenen Schwester Albert Einsteins und das Grab des ersten Ulmer Shoa-Opfers Julius Barth, der an den Folgen seiner Verletzungen aus der so genannten „Reichskristallnacht“ am 14. Dezember 1938 starb.

Auch das Grab von Monsza Lysogowski ist dort zu finden, der nach Auskunft von Christof Maihoefer am 21. September 1947 in der Ulmer Boelke-Kaserne von dem ehemaligen KZ-Wächter John Demjanjuk ermordet wurde.

In Ulm lebten in den ersten Nachkriegsjahren bis zu 7000 jüdische Displaced Persons, Überlebende der Konzentrationslager und Flüchtlinge und in sibirische Zwangslager Deportierte aus Polen. Das Verhältnis der deutschen Bevölkerung zu diesen Menschen war gespannt. Sie galten als von der amerikanischen Militärverwaltung protegierte Personengruppe, die häufig mit dem Schwarzhandel in Verbindung gebracht wurden, da sie über die UN-Sonderorganisation UNRRA an Waren wie Zigaretten und Schokolade, Kleidung und Schuhe kamen. Die DPs ihrerseits waren zum großen Teil Opfer der NS-Gewaltherrschaft, standen nun auf Seiten der Sieger und vertraten oft die Ansicht, dass deutsche Gesetze für sie keine Gültigkeit hätten.

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