Christliche Themen für jede Altersgruppe

Eine Wurst als Glaubenszeichen

BALZHEIM (Dekanat Biberach) – Zum Reformationsjubiläum ist man ja langsam an die unterschiedlichsten Luther-Produkte gewöhnt. Die „Lutherische Wurst“, auch „Balzheimer Wurst“ genannt, ist aber ein Sonderfall. Denn bei ihr handelt es sich um eine Spezialität mit langer Geschichte. 

Die "Lutherische" ist eine deftige, leicht geräucherte Brühwurst (Foto:Dagmar Hub )


Manche schwäbische Metzgerei in der Region um Memmingen, Biberach und Ulm stellt sie noch selbst her: die „Lutherische“, eine deftige, leicht geräucherte Brühwurst, die auch „Balzheimer Wurst“ genannt wird und aus Schweinefleisch und Rindfleisch hergestellt wird. Pfeffer, Muskat und Knoblauch kommen in die Wurstmasse, die in Schweinsdärme eingearbeitet wird. Man serviert die Lutherische gern gesotten mit Sauerkraut, zu Linsen und Spätzle oder auch kalt mit derbem Bauernbrot. Ein Bier gehört zur Lutherischen Wurst dazu. Aber was hat die Wurst eigentlich mit Luther zu tun?
Luther selbst aß zwar sehr gern Würste und verwendete sie gar in seinen Tischreden für ein Glaubensgleichnis (siehe Kasten). Die Geschichte der Lutherischen in Schwaben aber ist eine Folge des Dreißigjährigen Krieges. Weil zwei Drittel der Bewohner der Gemeinde Wain, die der Stadt Ulm unterstellt war, im Krieg und durch Hunger und Seuchen ums Leben gekommen waren und die Gemeinde 1650 nur noch 97 Einwohner hatte, entschloss sich der Ulmer Rat dazu, Flüchtlinge in Wain anzusiedeln. Protestantisch mussten sie sein, das war Voraussetzung. Im habsburgisch-katholischen Kärnten und in der Steiermark waren die Gläubigen, die sich im 16. Jahrhundert der Lehre Luthers zugewandt hatten, im Januar 1651 vor die Wahl gestellt worden, entweder wieder katholisch zu werden oder die Heimat zu verlassen. Wie diese Protestanten davon erfahren haben, dass sie in Ulm willkommen waren, bleibt im Dunkel der Geschichte.

Doch bereits zu Pfingsten 1651 gab es in Wain fünf Konfirmanden aus Kärnten. Wohl etwa 300 Glaubensflüchtlinge wanderten von Kärnten und der Steiermark aus nach Wain – und sie brachten das Rezept einer Kärntner Hauswurst mit, die sich dann mit den Zugezogenen von Wain aus nach Balzheim ausbreitete. Und weil man im bayerischen Memmingen gern die Hausangestellten, Knechte und Mägde aus dem württembergischen Balzheim holte, weil die auch evangelisch waren, kam die Wurst nach Memmingen, wo sie den Namen „Lutherische“ bekam.

Ein noch älteres Beispiel aus Zürich, auf das der Vöhringer Pfarrer Jochen Teuffel stieß, zeigt, dass Würste während der Reformation sogar zum Protest gegen die für die römisch-katholischen Christen geltenden Fasten- und Abstinenzgebote eingesetzt wurden. In Zürich begann die Reformation am ersten Sonntag der Fastenzeit 1522 mit einem Wurstessen. „Ehrbare Bürger trafen sich dazu im Haus des Druckers Christoph Froschauer und aßen gemeinsam dünne Scheiben von Rauchwürsten“, erzählt Teuffel. Mit dem Verstoß gegen das Abstinenzgebot sollte evangelische Freiheit wider unbiblische katholische Kirchengebote demonstriert werden. Der städtische Rat hob daraufhin die kirchlichen Fasten- und Abstinenzgebote auf. Fortan sollte in Zürich allein die Bibel als Grundlage kirchlichen Lebens gelten.

Martin Luthers „Wurstgleichnis“
Luther war überzeugt davon, dass sich der Mensch nicht durch Fasten und Abstinenz Gott gefällig machen könne. Folgendes Gleichnis ist von ihm überliefert: „Es ist schwer, dass ein Mensch soll glauben, dass ihm Gott gnädig sei. Das Menschenherz kann es nicht fassen. So sind wir. Christus bietet sich selbst uns an mit der Vergebung der Sünden, und wir fliehen vor seinem Angesicht. So wie es mir, als ich noch ein Junge war, in meiner Heimat passiert, da wir (vor den Häusern) sangen, um Würste einzusammeln. Dort ruft ein Mann aus Spaß: Was macht ihr, ihr Buben? Dass euch dies und das ankomme! Und zugleich läuft er mit zwei Würsten auf uns zu. Da machte ich mich mit meinem Freund aus dem Staube und laufe davon vor einem, der sein Geschenk bringt. Geradeso geht es uns mit Gott. Er hat uns Christus gegeben mit allen seinen Gaben, und dennoch fliehen wir vor ihm und glauben, dass er unser Richter sei.“

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