Christliche Themen für jede Altersgruppe

Einer der letzten seiner Zunft

Wenn Kirchenfenster zu Bruch gehen, dann braucht es einen Mann, der mit Farben, Glas und Licht umgehen kann. Und dann fährt so mancher Kirchenmann nach Ravensburg. Dort, wo Guido Andelfinger einem ehrwürdigen und bunten Handwerk nachgeht.  


Scherben sind für Guido Andelfinger nicht zum Wegwerfen da (Foto Brigitte Geiselhart).


Ist er einer der letzten seiner Zunft? Nein, so weit wollen wir nicht gehen. Und doch wird Guido Andelfinger fast ein wenig melancholisch, wenn er an Zeiten zurückdenkt, in denen seine Firma rund 30 Beschäftigte hatte, für die es alle Hände voll zu tun gab. Vor drei Jahren hat der Ravensburger den Betrieb „Bernhardt Glasmalerei und Kunstglaserei“ übernommen, nachdem der Vorbesitzer – sein einstiger Lehrherr – in Ruhestand gegangen ist. Doch der Glasmalermeister arbeitet größtenteils allein – abgesehen von einem freien Mitarbeiter und einem geringfügig beschäftigten Kunstglaser im Ruhestand.

Und wie sieht es mit dem Nachwuchs aus? „Wenn ich die Möglichkeit hätte, einen Lehrling das Jahr über gleichmäßig zu beschäftigen, würde ich gerne einen jungen Menschen ausbilden“, sagt Guido Andelfinger. Doch im Frühjahr und Sommer ist es oft sehr ruhig, zu ruhig. „Im Herbst entdecken die Leute dann, dass vor dem Winter doch noch etwas getan werden muss. Da kann ich mich dann oft vor Aufträgen kaum retten“, erzählt der 56-Jährige.

Und es gibt fast nichts, was er nicht schon auf Glas gemalt hätte: Natürlich  religiöse Motive wie Madonnen, Christusbilder und Heiligenfiguren, aber auch Bügeleisen, Mähdrescher, Pferde, sogar einen Akt.

„Alle Menschen müssen sterben, nur der alte Glaser nicht. Der besteht aus Kitt und Scherben und die frisst der Teufel nicht.“ Mit diesem alten Sinnspruch schmücken sich Glasmaler gerne. Guido Andelfinger gehört auch dazu. Mit dem Teufel ist er allerdings nicht im Bund, ganz im Gegenteil. Dass er im Umkreis von zwei Autostunden in allen Kirchen, Kapellen oder historischen Gebäuden, Schlösser, Burgen und Herrenhäusern fast wie zuhause ist, das will man ihm gerne glauben.

Auch viele evangelische Kirchen gehören zu seinen Wirkungsstätten – etwa die Lukaskirche in Ulm, die Dreifaltigkeitskirche in Leutkirch, die evangelische Kirche Altshausen, die Christuskirche in Kressbronn oder die Erlöserkirche und das Bonhoefferhaus in Friedrichshafen, um nur einige zu nennen.

„Zu Bruch geht immer wieder irgendwas“, sagt Guido Andelfinger. Wenn es sich um alte Schäden handelt, die im Zuge anderer Sanierungsmaßnahmen behoben werden können, dann ist das umso besser für mich.“ Warum? „Ganz einfach, weil dann schon das meist notwendige Gerüst vorhanden ist, und ich die betreffenden Fenster so leichter erreichen kann.“

Derzeit ist Guido Andelfinger in der St. Johanneskirche in Überbach bei Kempten zu Gange. Einige Scheiben sind kaputt, fehlende Malereien sind zu ergänzen. Zuerst gilt es, sich einen Überblick zu verschaffen, Fotos zu machen, Scherben mitzunehmen, zu überprüfen, ob weitere Gläser lose sind. Welches Material wurde für Glas und Farben verwendet? Wie groß ist der Aufwand, um an das Fenster heranzukommen? Gibt es Bilddokumente vom ursprünglichen Zustand? Muss nach historischem Wissen nachempfunden werden?

Bei solchen Fragen findet der Ravensburger immer die richtigen Antworten, fühlt sich ganz in seinem Element. So lange es verwertbare Überreste gibt, ist also alles gut. Weil es einen Anhaltspunkt gibt. Wegwerfen ist nicht, schließlich kann alles wieder verwendet werden.

Womit wir bei den allzu „aufräumigen Mesnern“ wären. Sie sind ihm aus künstlerischer Sicht ein Dorn im Auge. Weil sie eben auch das zu schnell wegräumen und entsorgen, was der Kunstexperte noch gut gebrauchen könnte. „Gerade aus Scherben kann man viel herauslesen – was oft viel Zeit erspart“, das weiß Andelfinger nur zu gut.

Herausforderungen gibt es ohnehin genug. Wie etwa das Heiliggeistfenster über dem Hochaltar der Basilika in Weingarten. „Früher gab es über Gänge in den Wänden oder über das Dach Zugänge zu den Glaselementen, doch sie sind im Laufe der Jahrhunderte immer wieder – oft aus Unwissenheit oder Ignoranz – zugemauert worden. So auch hier“, kommt Guido Andelfinger ins Plaudern. Also hieß es, die Außenverglasung zu lösen, um so ins Innere zu kommen. „Gesprenkelte Akzente“ im Glas? So sah es jedenfalls zunächst aus. Ein Hell-Dunkel-Verlauf von oben nach unten? Doch beim näheren Hinsehen traf den Kunsthandwerker fast der Schlag. Durch ein Loch im Außenfenster, das man – offenbar wegen „Geringfügigkeit“ des Schadens – lange Zeit nicht in Ordnung bringen ließ, hatten sich Tauben eingenistet. Ätzender und kaum zu beschreibender Kotgeruch.

Also Mundschutz, kompletter Sicherheitsanzug, Arbeitshandschuhe und äußerste Vorsicht. Entfernen von acht Säcken leicht entzündlichen und hochinfektiösen Taubenkots. Und dann die erstaunte Feststellung, dass das kunstvolle, jetzt gereinigte Fenster in Wirklichkeit sonnengelb und einfarbig war.

„Jetzt sieht man sogar die Struktur der sechseckigen Bleiverglasung des einen halben Meter dahinter liegenden Schutzfensters durchscheinen“, erzählt Guido Andelfinger. „Die Tauben müssen sich jetzt natürlich ein anderes Plätzchen suchen.“

Wieder geht der Blick zurück. Etwa in die 70er- und 80er-Jahre des vergangenen Jahrhunderts. Allein bis zu 400 „Kabinettscheiben“ wurden damals wöchentlich in der Glasmalerei Bern-hardt hergestellt. Motive für die Serienfertigung gab es genug, von Objekten über Landschaften, Tieren bis hin zu berufsbezogenen Motiven.

Ganz abgesehen von vielen individuellen Entwürfen, etwa Erinnerungsscheiben für das Freundschaftstreffen des Schützenkreises oder ein Tuscheentwurf für das Ravensburger Stadtwappen. Es war eine „gute Übung“ für Guido Andelfinger, seine malerischen Fähigkeiten auszubauen und ein spezielles Gefühl für die Farben zu entwickeln.

„Es ist schon ein Unterschied, auf welchem Glas gearbeitet wird. Auf Gläsern, die schon eine gewisse Färbung haben, entwickeln sich die aufgetragenen Farben ganz anders“, erklärt der Fachmann. Es waren aber auch Zeiten, in denen auch das eigene Profil schärfere Züge und mehr und mehr Konturen annahm.

„Einzelne Aufträge individuell zu entwerfen, mit Tusche zu zeichnen und zu realisieren, das hat mich immer schon gereizt“, sagt er aus heutiger Sicht. Das Entwurfswesen für Bleiverglasungen faszinierte ihn. Farbige Gläser zusammensetzen, einzelne Mosaiksteine zu einem in sich geschlossenen Bild werden zu lassen, auch dieser Aufgabe konnte und wollte er sich nicht entziehen. Ebenso wie das Arbeiten mit Schwarzlot als ältester Farbe.

„Die Farben wurden damals lasierend aufgetragen, so dass Licht und Schatten entstehen oder die gewünschte Tiefe gewonnen werden konnte. Je nach Auftragen der Farbe entstehen unterschiedliche Intensitäten. Es braucht viel Erfahrung und Gefühl – und das eigentliche Resultat sieht man erst nach dem Brennen.“ Wieder kommt der Handwerker Guido Andelfinger ins Schwärmen. Nicht nur von der Vergangenheit. Auch in Zukunft gibt es noch viel zu tun.Daran glaubt er fest. Mit Spaß, mit Verve und mit Leidenschaft. Guido Andelfinger, Kunstglaser und Glasmaler aus Ravensburg. Und leider doch einer der letzten seiner Zunft.

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