Christliche Themen für jede Altersgruppe

Einfach essen dürfen für einen Euro

ULM-WIBLINGEN – Ernst Kögels gute Tat füllt jeden Tag hundert Teller. Der 65-jährige Koch steht eine ganze Woche lang im Franziskus-­Gemeindezentrum an den Töpfen und kocht für die Wiblinger Advents­tafel: Nächstenliebe beim Mittagessen.  Von Franziska Feinäugle


Ehrenamtliche sorgen in der Küche dafür, dass jeder satt wird. (Foto: Franziska
Feinäugle)

Ein warmes Essen kann aus mehreren Gründen ein großes Geschenk sein. Für Wilma Gernand zum Beispiel, weil sie zurzeit Probleme mit ihrer Schulter hat und den rechten Arm kaum heben kann. „Der Herr hat ein Einsehen“, sagt die 67-Jährige und blickt lächelnd Richtung Zimmerdecke: „Hier kann ich eine Woche lang essen, ohne zu kochen.“ Kassler mit Kartoffelbrei und Sauerkraut gibt es an diesem Montag. Und Wilma Gernand ist nur eine von hundert Hungrigen, die das Angebot der Wiblinger Adventstafel dankbar annehmen.

Manche kommen, weil das Essen nur einen Euro kostet und weil niemand überprüft, ob man überhaupt etwas in die kleine Kasse vor der Tür wirft. Denn nicht nur hier, im Ulmer Stadtteil Wiblingen, leben genügend Leute, „die auch diesen einen Euro nicht haben“, sagt Ursula Mees vom Organisatorenteam. Ganz besonders für diese Menschen ist die Tafel gedacht, die die katholische Franziskus-Gemeinde dieses Jahr zum ersten Mal gedeckt hat und für die sich auch viele aus der benachbarten evangelischen Zachäusgemeinde engagieren.

Helga Degenmann ist eine der unzähligen Ehrenamtlichen. Die Schürze umgebunden, ein fröhliches Lächeln im Gesicht, schiebt sie den Servierwagen mit vier vollen Tellern in den Gemeinderaum. Wie oft sie und ihre Kolleginnen das an diesem Mittag machen, zählt niemand mit.

Am Ende sind wieder genau hundert Essen ausgegeben. Und Koch Ernst Kögel sieht an den zurückkommenden Tellern, wie gut es allen schmeckt: „Nicht mal ein Prozent Reste“, freut er sich. Der 65-Jährige wohnt selbst seit fast 40 Jahren hier am Tannenplatz, in einem Viertel mit vielen großen Wohnblöcken, das als sozialer Brennpunkt gilt. Von morgens um acht bis mittags um zwei schenkt er seine Zeit her für das Tafelprojekt.

Ein Drittel Bedürftige, zwei Drittel unterstützende Gemeindemitglieder: So setzt sich nach Einschätzung von Eleonore Fröhlich die Essensgemeinschaft zusammen. Die 67-Jährige gehört zu den Organisatorinnen um Gisela Bantle vom Sozialausschuss der Franziskus-Gemeinde und verweist auf ein evangelisches Vorbild, mit dem sich die Wiblinger Tafel terminlich auf keinen Fall überschneiden sollte: die Vesperkirche in der Pauluskirche, die von Januar bis Februar dauert.

Dort wie hier geht es um gelebte Nächstenliebe, ums Miteinanderteilen: Gäste wie der 72-jährige Peter Schedel zahlen für ihr Essen gerne fünf Euro und „erklären sich damit solidarisch mit denen, die kostenlos essen“, sagt Ursula Mees. Das Geld für die Aktion haben die Kirchengemeinden übrigens dem Wiblinger Franziskus-Shop zu verdanken. Der kirchlich getragene Laden für gebrauchte Kleidung, in dem katholische wie evangelische Freiwillige drei Tage pro Woche beraten und verkaufen, läuft seit seiner Eröffnung 2011 so gut, „dass wir die Adventstafel komplett finanzieren können“, sagt Ursula Mees, die den Shop leitet.

Schön für die Anwohner des Tannenplatzes. Für die junge Frau, die ihren Namen nicht sagen will und sich freut, dass es hier für nur einen Euro etwas Warmes gibt. Und für Menschen wie Silke (44), die „lieber in Gesellschaft vieler“ zu Mittag isst als zu Hause, die sich über das Gemeinschaftserlebnis freut und über gute Gespräche.

Wilma Gernand, die Tafelbesucherin mit der schmerzenden Schulter, hat sich vorgenommen, den Einsatz des Kochs auf besondere Weise zu würdigen: „Ich schenke ihm zum Dank ein Paar Socken.“

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