Christliche Themen für jede Altersgruppe

Gemeinsam an einem Tisch

RAVENBSBURG – Die Initiative „Kirche lädt ein“ stellt am 8. Oktober  eine 400 Meter lange Tafel in der Innenstadt auf. Dort teilen sich ­Protestanten und Katholiken Brot und Wein.


Die Initiative "Kirche lädt ein" bringt seit 2015 die Menschen in Ravensburg in Bewegung. (Foto: Christof Schrade)

„Der Worte sind genug gewechselt, nun lasst uns endlich Taten sehen.“ – Dieses leicht abgewandelte Faust-Zitat passt haarscharf auf das Bestreben der Arbeitsgruppe „Kirche lädt ein“, die im Jahr des Reformationsjubiläums in Ravensburg von katholischer Seite eine einmalige Aktion vorantreibt: Am 8. Oktober soll an einem 400 Meter langen Tisch von der katholischen Liebfrauenkirche zur evangelischen Stadtkirche bei Brot und Wein die Gemeinschaft der Konfessionen gefeiert werden. Anschließend steht im evangelischen Gotteshaus die feierliche Ratifizierung der „Ravensburger Erklärung“ an, die von den Vertretern der beiden Konfessionen vor Ort und von Oberbürgermeister Daniel Rapp unterzeichnet werden soll. In dieser Erklärung bekunden beide Kirchen, dass sie sich in Zukunft zu Kommunion und Abendmahl einladen werden.

Was im evangelischen Gottesdienst schon lange guter Brauch ist, darf in der katholischen Kirche bekanntlich offiziell nicht sein. Sie verbietet – streng genommen – evangelischen Christen den Zugang zur Kommunion. Außerdem wird es Katholiken von ihrer Kirche untersagt, am evangelischen Abendmahl teilzunehmen. Zwar sieht die Praxis in vielen Gemeinden anders aus, aber eine offizielle Einladung zur Kommunion an alle gibt es im Grunde nicht. „Es ist höchste Zeit, dass sich die katholische Kirche hier bewegt. Nach 500 Jahren der Trennung muss sie evangelische Christen endlich auch aktiv und offen zum Mahl einladen“, sagt Theodor Pindl, Sprecher von „Kirche lädt ein“. „Können wir wirklich guten Gewissens Reformation feiern, ohne Gastfreundschaft zu gewähren?“, fragt der Philosoph und katholische Theologe, der seine Berufslaufbahn nach dem Studium als Assistent bei Erzbischof Oskar Saier in Freiburg begann. Nach Abstechern in die freie Wirtschaft und ins Kloster Reute bei Bad Waldsee als Leiter des Tagungshaues, ist er jetzt in St. Gallen Intendant von „WirkRaumKirche“. Der Verein bietet Angebote für Menschen, die sich für christliche Themen interessieren, aber eine Alternative zur traditionellen Kirchengemeinde suchen. Pindl hat gewissermaßen den Finger am Puls der Zeit, und so ist es ihm wie vielen anderen in seinem Wohnort Ravensburg nicht verborgen geblieben, dass es ein großes Interesse an ökumenischen Themen gibt.

Das unterstreicht auch der evangelische Pfarrer Martin Henzler-Hermann von der Stadtkirche. „Ökumene ist in Ravensburg im alltäglichen Leben verankert. Ich bin zum Beispiel als Lehrer an der katholischen Schule St. Konrad tätig. Einmal im Jahr haben wir auch Kanzeltausch mit den Katholiken. An diesen Sonntagen wird besonders schmerzlich empfunden, dass nicht gemeinsam Abendmahl gefeiert werden kann.“ Für ihn ist der Vorstoß von katholischer Seite sehr erfreulich und begrüßenswert.

Die Vorbereitung für den Tag X laufen schon seit einigen Jahren. Nachdem sich das „Ravensburger Konzil 2013“, ein katholisches, ökumenisch offenes Dialogforum über die Situation der Kirche in Ravensburg, mehrheitlich für die eucharistische Gastfreundschaft ausgesprochen hatte, machte sich Arbeitsgruppe „Kirche lädt ein“ ans Werk. Der Dialogprozess mündete nach zwei Jahren im November 2015 in die Aktion „Vom Trennen zum Teilen – Abendmahl für alle“. An jedem ersten Sonntag im Monat fanden sich seither nach dem Gottesdienst vor der Liebfrauenkirche Gläubige ein, die eine Menschenkette bildeten und an einem gemeinsamen Band knüpften. Es waren immer zwischen 50 und 100 Teilnehmer, die Zeugnis für die eucharistische Gastfreundschaft ablegten.

„Wir hatten es mit unserem Anliegen nicht immer leicht“, sagt Pindl. Den Vorwurf der Häresie, des Abweichens von der offiziellen Glaubenslehre, mussten sich die Mitglieder der Arbeitsgruppe öfters gefallen lassen. „Aber ich bin stolz darauf, dass wir positiv geblieben sind und uns nicht in eine Gegnerposition drängen ließen“.

Die Zustimmung der Kirchengemeinden und Seelsorger auf katholischer und evangelischer Seite in Ravensburg ist den Aktiven sicher. Auch vom Domkapitel der Diözese Rottenburg-Stuttgart kamen freundliche Worte für die Aktion.

Dass ausgerechnet Ravensburg der Ort für dieses selbstbewusste Zeichen der Ökumene ist, lässt sich auch historisch erklären. In der ehemals paritätischen freien Reichsstadt übte man schon früh das Miteinander der Konfessionen. So wurde auf die exakte Ämterverteilung zu gleichen Teilen zwischen Katholiken und Protestanten geachtet, und die Stadtkirche diente bis zum Jahr 1806 beiden Konfessionen als Gotteshaus. Diese Doppelnutzung soll nicht immer ganz störungsfrei verlaufen sein. Am 8. Oktober ist nun die Chance gegeben, friedlich miteinander zu feiern, um vom Trennen zum Teilen zu kommen.


Information
Ablauf: 11.30 Uhr Begrüßung durch Pfarrer Hermann Riedle und OB Daniel Rapp vor der katholischen Liebfrauenkirche. Danach nehmen die Teilnehmer Platz an den Tischen. Nach dem 12-Uhr-Läuten der evangelischen Stadtkirche folgt die Ausgabe von Brot/Wein und Saft. 12.45 Uhr Unterzeichnung der „Ravensburger Erklärung“. Tischreservierung über E-Mail unter aktion-brot-wein@outlook.de
Weitere Informationen im Internet unter www.kirchelädtein.de

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