Christliche Themen für jede Altersgruppe

Gott das eigene Gesicht leihen

Manchmal kommen Künstler Gott so nahe, dass sie Jesus ihre Gesichtszüge leihen. Ernst Barlach hat das getan, Otto Dix, Paul Gauguin. Viele haben sich mit Gott auseinandergesetzt, auch manche, die man eher nicht mit Religiösem in Verbindung bringt. Das zeigt eine Ausstellung in Neu-Ulm. 


Kuratorin Helga Gutbrod vor Schmidt-Rottluffs „Kristus“ (rechtes Bild). Links ist der Judaskuss zu sehen. (Foto: Franziska Feinäugle)

Wo das Weidenkörbchen mit dem kleinen Moses gefunden worden ist, wusste Otto Dix (1891–1969) als Kind  ganz genau: Eine halbe Stunde Fußweg von seinem Dorf entfernt gab es ein Schilf. Außerdem war da im Wald ein Hügel, dort hat für ihn der Stammvater Jakob geträumt und die Himmelsleiter gesehen. Die Geschichten, die er in der Schule hörte, pflanzte Otto Dix ganz selbstverständlich in die  Umgebung seiner Kindheit ein.

Ein sanfter Schimmer derselben Nähe, dieser beinahe kindlichen Nähe zu Gott, die man bei Otto Dix vielleicht gar nicht vermutet hätte, liegt auch über einigen seiner Lithographien, die zurzeit im Neu-Ulmer Edwin-Scharff-Museum zu sehen sind. An die Szenen aus dem Matthäus-Evangelium „geht er so frisch heran, als ob es vorher noch nie Bilder dazu gegeben hätte“, sagt Museumsleiterin Helga Gutbrod begeistert. Da beugt sich einer der Weisen aus dem Morgenland zum neugeborenen Christuskind hinunter, in einer Art liebevoller Ratlosigkeit, fast als ob er dächte: „Ach, und dieses kleine Kind soll jetzt der versprochene Erlöser sein?"

Grob und brutal dann aus demselben Zyklus „Die Verspottung“: Der, der den Dornengekrönten anfletscht, sieht aus wie Adolf Hitler, und der Dornengekrönte selbst hat das Gesicht von Otto Dix. „1933 ist er unter den Ersten, die entfernt werden, und verliert seine Professur in Dresden“, ordnet Helga Gutbrod ein.

Ernst Barlach (1870–1938) gibt seine Gesichtszüge seinem „Christus in Gethsemane“: einem beladenen, ausgezehrten, ans Ende seiner Kräfte gelangten Jesus. „Da merkt man die Unbefangenheit“, sagt Helga Gutbrod: Der Künstler wagt eine Identifikation mit dem menschgewordenen Gott, die die Museumsbesucher erst kurz stutzen lässt. Der Holzschnitt ist 1919 entstanden, im Leiden dieses Erlösers zeichnen sich gewiss auch jene Leiden ab, mit denen sich die Menschheit kurz zuvor im Ersten Weltkrieg konfrontiert gesehen hatte.

Die beiden Weltkriege haben mit dazu beigetragen, dass in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts so viele Künstler wie nie zuvor und wie nie seither so individuell und persönlich biblische Themen aufgegriffen haben. „Es ist eine sehr bewegte, sehr krisenhafte Zeit, in der man sich wieder mehr auf christliche Werte beruft“, ordnet Kunsthistorikerin Gutbrod ein. „Trotzdem ist es merkwürdig, weil hier auch Werke von Dix, Grosz oder Pechstein zu sehen sind, bei denen man nicht unbedingt an christliche Motive denkt.“ Die meisten der 31 versammelten Künstler bezeichnen sich nicht als fromm. Sie nähern sich der Bibel unverblümt, teils unverfroren.

Schockierend hat George Grosz (1893–1959) in einer Tuschfederzeichnung Christus am Kreuz dargestellt, Untertitel „Mich dürstet“: Jesus ohne Lendentuch, dafür mit Soldatenmütze und Soldatenstiefeln, und um ihn herum eine hässliche,  johlende Menge. In Sprechblasen steht, was da gesagt wird: Auf Jesu biblisches „Mich dürstet“ antwortet einer mit „Prost, oller Eunuche“, ein anderer rammt ihm statt der überlieferten Lanze das Bajonett in die Seite und sagt: „Killekille.“ Was nach Gotteslästerung aussieht, ist eine vermutlich treffende Darstellung dessen, wie es damals tatsächlich gewesen sein mag – auf die Zeit des ersten Weltkriegs übertragen.

Vor einem anderen Bild im gleichen Raum bekommt man eine Gänsehaut: Es ist der „Kristus“ von Karl Schmidt-Rottluff (1884–1976), Teil des bedeutendsten expressionistischen Grafikzyklus, ein Jesus mit Wimpern wie Dornenkronen. Statt der Kreuzesinschrift „INRI“ steht ihm „1918“ auf die Stirn geschrieben, und unter dem Gesicht hallt im Holzschnitt die Frage: „Ist euch nicht Kristus erschienen“, eine Frage ohne Fragezeichen. Ist euch nicht Christus erschienen? Habt ihr denn nicht gemerkt, dass ihr ihn tausendfach ans Kreuz genagelt habt in diesem Krieg? 

Ernst Barlach, Max Beckmann, Ernst-Ludwig Kirchner – sie alle erlitten wegen des Kriegs einen Nervenzusammenbruch. Andere Künstler kostete er das Leben, etwa Franz Marc (1880–1916). Mitten im zerstörerischen Töten der Front beschäftigte sich Marc mit dem Entstehen und Werden: Er hatte zusammen mit seinen Expressionistenkollegen eine Bibelausgabe des Blauen Reiters geplant und bei Kriegsausbruch mit der Schöpfungsgeschichte begonnen. Ein farbiger Holzschnitt von 1914 zeigt die Entstehung der Tiere.

Max Beckmann (1884–1950) ist einer der wenigen, die sich schon vor dem Ersten Weltkrieg mit  Religiösem befasst haben. Sein Einsatz als Sanitäter an der Front ändert seine Bildsprache radikal: In seiner Kaltnadelradierung „Kreuzabnahme“ scheint aus allen Dargestellten das Leben entwichen zu sein – nicht nur aus dem ausgemergelten Toten. Den zeigt Beckmann so leichenstarr, dass man denkt: Was, der soll auferstehen? „Das ist die Depression eines Kriegsteilnehmers“, liest Helga Gutbrod das Bild. „Er sagt dann: Ich werfe Gott in meinen Bildern alles vor, was er falsch gemacht hat!“ 1946 zeigt Beckmann in einer Lithographie „Christus und Pilatus“ – und begegnet Christus, indem er dem Pilatus seine eigenen Gesichtszüge gibt.

Immer wieder bringen die modernen Künstler sich selbst ganz mit ein in ihren Annäherungen: Oskar Kokoschka (1886–1980) liegt als schlafender Jünger bei „Christus am Ölberg“, Paul Gauguin (1848–1903) gibt dem betrauerten Jesus seine Gesichtszüge: „Wir würden es heute narzisstisch nennen“, sagt Helga Gutbrod, „aber er tut das ohne Scheu.“ Für ihn ist Christus der große, in die Einsamkeit verstoßene Mensch, den man nicht genügend geachtet hat – auch ein Gesichtspunkt, in dem sich viele Künstler wiedererkannten.

Wer sich Gott so nahezukommen traut, spürt vielleicht, dass Gott nicht nur nahbar ist, sondern auch ohne Grenzen: „Gott ist ein Gott über jeder Konfession“, sagt Marc Chagall (1887–1985), und Barlach sagt: „Ich bin viel Christ, viel Heide, viel Buddhist.“

Und selbst ein bekennender Atheist wie Georg Baselitz (geboren 1938) kommt offenbar nicht ganz umhin, sich Gott zu nähern: Von ihm ist das jüngste Bild der Ausstellung, ein Holzschnitt von 1985, ganz schlicht „Veronika“ betitelt. Es zeigt die Frau in baselitztypischer Manier kopfüber, in Händen das Schweißtuch mit Christi Antlitz.

Information

Die Ausstellung „Gottesbilder – Menschenbilder“ im Edwin-Scharff-Museum Neu-Ulm zeigt noch bis 27. April Grafiken der Moderne aus der Stiftung „Christliche Kunst Wittenberg“. Es ist das erste Mal, dass eine solche Überblicksausstellung der hochkarätigen Sammlung in Süddeutschland gezeigt wird.

Zu sehen sind Werke  von Ernst Barlach, Max Beckmann, James Ensor, George Grosz, Marc Chagall, Karl Schmidt-Rottluff, Emil Nolde und Oskar Kokoschka, aber auch von Georg Baselitz oder Joseph Beuys und anderen. Die Ausstellung wurde in Kooperation mit der Stiftung Christliche Kunst Wittenberg konzipiert. Die Sammlung von Gisela Meister-Scheufelen und Ulrich Scheufelen aus Lenningen bei Kirchheim/Teck bildet den Grundstock der 2001 von ihnen begründeten Stiftung.

Geöffnet ist die Ausstellung in Neu-Ulm dienstags und mittwochs von 13 bis 17 Uhr, donnerstags bis samstags von 13 bis 18 Uhr und sonntags von 10 bis 18 Uhr.

Kontakt: Edwin-Scharff-Museum, Petrusplatz 4, 89231 Neu-Ulm, Telefon 0731-70502555, im Internet unter www.edwinscharffmuseum.de

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