Christliche Themen für jede Altersgruppe

Liebende kennen einander

ULM – Wenn die Hochzeitsglocken läuten, hören Spielfilme meistens auf. Dabei fängt es da eigentlich erst richtig an. Das finden die Ulmer Pfarrerin Andrea Holm und ihr katholischer Kollege Norbert Blome – und laden Paare zu einem ganz besonderen Gottesdienst ein.  

Jung und doch alt: Tommaso Calarco und Anna Bonifaci sind seit 27 Jahren zusammen. (Foto: Franziska Feinäugle)

Gleich der erste Satz, den die Pfarrerin an diesem stillen Sonntagabend in der kleinen modernen Klarakirche sagt, ist einer, der einem Liebespaar tief ins Herz sinken kann: „Wir wollen Sie heute erinnern an etwas, was Ihnen vielleicht alltäglich geworden ist: dass Sie liebende Menschen sind und einen Menschen gefunden haben, mit dem Sie leben.“ Da ist es, das Wunder: Das Geschenk, das jedem dieser elf Paare zuteil geworden ist – und das doch keinem Paar einfach nur geschenkt wird, sondern immer auch Kraft, Mühe, Nachsicht, Zuversicht, guten Willen verlangt.

Frowin und Annette Derr haben dieses Jahr Silberhochzeit gefeiert und waren davor schon sieben Jahre lang ein Paar. Was sie jungen Paaren raten, die es auch bis zur Silberhochzeit schaffen wollen? „Ein Rezept gibt es nicht, sondern immer nur das Bemühen“, sagt Frowin Derr. „Es ist einerseits ein Geschenk, aber andererseits nichts, was von selber funktioniert.“ Annette Derr findet: „Zu zweit ist immer besser als allein.“ Und er ergänzt: „Zwar nicht immer einfach, aber auf jeden Fall besser.“ Ihr Glück sei, dass sie Kinder haben: vier Jungen, heute 13 bis 24 Jahre alt.

Nein: Ein Paar zu sein, ist nicht immer leicht, ist nicht immer ungetrübt schön. Deshalb bittet Pfarrer Norbert Blome im Gebet, Gott möge allen Paaren helfen, Freude aneinander und Zeit füreinander zu haben. Deshalb handelt die Schriftlesung aus dem Buch Prediger von den zwei Seiten, die alles hat: „Weinen hat seine Zeit, Lachen hat seine Zeit; Klagen hat seine Zeit, Tanzen hat seine Zeit; es ist eine Zeit zu umarmen und eine Zeit, die Umarmung zu lösen“, ruft Andrea Holm den Versammelten in Erinnerung.

Liebende kennen das. Und – Liebende kennen einander. Wie gut, das hat Norbert Blome schon oft erlebt. Mit einem Projektor hat der Pfarrer ein Bild von Sieger Köder an die Wand der Klarakirche geworfen, es zeigt den sogenannten Uracher Altar, wenn auch „in etwas unglücklichen Farben“, wie der 66-Jährige einschränkt: Statt der warmen Orange- und Rottöne, die die Gottesdienstbesucher immerhin auf dem Bildschirm des Laptops erahnen können, leuchten die Gestalten des Alten Testaments und der Neuzeit in kühlem Grün und Blau.

Aber diese kleine optische Einschränkung mindert nicht die Bedeutung: „Ich habe unter diesem Altarbild oft Trauungen gehalten“, erzählt Norbert Blome, „und dabei ist mir etwas aufgegangen: Paare kennen sich heute schon vor der Trauung, oft schon jahrelang. Das heißt, sie kennen sich wirklich, mit ihren Fehlern und Schwächen.“ Und plötzlich verstand er, worüber er bis dahin gerätselt hatte, nämlich warum es in der Offenbarung des Johannes heißt, das neue Jerusalem habe sich geschmückt wie eine Braut: „Bei der Trauung sagen zwei Menschen zueinander Ja trotz dieser Fehler und Schwächen, die sie kennen – und genau dieses bedingungslose Ja, uneingeschränkt, sagt Gott zu uns Menschen.“

Tommaso Calarco und Anna Bonifaci sind beide 44 Jahre. „Aber wir sind alt“, sagt sie lachend: ein altes Paar. Die beiden kennen sich seit der Grundschule, sind seit 27 Jahren zusammen, seit 18 Jahren verheiratet, seit 14 Jahren Eltern. Eine Ehe ist dann gesund, „wenn man sich immer sehr gründlich und präzise streitet“, definiert Tommaso Calarco. Nicht an der Oberfläche herumnörgeln, sondern zu den tiefliegenden Gründen gehen. Anna Bonifaci schwört auf Kreativität: „Anders machen, anders sein, ausprobieren.“ Und beten. Einander zuhören. Ja sagen.

Es ist ein Ja, über das sich wunderbar predigen lässt, so wie Andrea Holm es dann tut: Das Ja macht, dass Paare nicht aus dem nichts miteinander ihren Weg gehen, „sondern weil sich unser Ja an seinem Ja entzündet“. Dieses Ja, das ein Geschenk ist und keine Leistung, „Liebe kann nicht erzwungen werden“.

Und trotzdem ist sie da, die Liebe. Unsichtbar sitzt sie auf den farbigen Polstern der Klarakirche mitten unter den elf Paaren, die zum Gottesdienst gekommen sind und die hier ihre Liebe feiern und ihren Dank dafür, dass sie beieinander sind – immer noch. Denn dass das nicht selbstverständlich ist, auch darum geht es in der Predigt: um den Schmerz, wenn das Ja schwächelt, um das Wissen, dass Menschen begrenzt sind. „Es hat eben auch manchmal seine Zeit, dass man es schwer hat“, sagt die Pfarrerin. „Deshalb braucht unser Ja Achtsamkeit, es braucht Kraft und Zeit, und es braucht das Wissen, dass man das Ja nicht einsperren kann.“

Margot Beye und Werner Klink wissen das. Sie sind ein ganz besonderes Paar, nämlich das älteste und zugleich jüngste Paar des Abends: Beide sind 77, aber frisch verliebt seit vergangenen Sommer. Da hat es „irgendwann gefunkt“, erzählt Margot Beye, die für die evangelische Lukasgemeinde die Seniorenkreise organisiert und deshalb Ansprechpartnerin Nummer eins war für den Anschluss suchenden Witwer. Beide wissen, wie es ist, ein halbes Jahrhundert verheiratet zu sein – und sind jetzt glücklich, nach dem Tod ihrer Partner noch eine so junge Liebe geschenkt zu bekommen.

„Wir verstehen uns“, sagt sie. „Wir haben viele gleiche Ansichten“, sagt er. Gestritten haben sie noch nie, dafür ist ihnen die Zeit zu schade. „Wir haben ja auch nicht mehr viel Zeit“, sagt Margot Beye. „Wir können nicht davon ausgehen, dass wir nochmal goldene Hochzeit feiern.“

Als Jugendliche, bekennt die 51-jährige Pfarrerin, habe sie gedacht, die Liebe sei wie im Film: „Nach dem Kuss ist alles gut.“ Dabei kommt dann früher oder später das, was Paarpsychologen die „Ernüchterungsphase“ nennen. Und was vielleicht die eigentliche Kunst des Paarseins ist: Vielleicht, sagt Holm, „besteht tatsächlich das Geheimnis einer Beziehung darin, aus der Verzauberung in den Alltag zu finden“. Und gemeinsam eigenständig den Weg zu gehen. Ganz nah verbunden zu sein, und trotzdem eine eigenständige Persönlichkeit zu sein. Einander lieben und ehren, so wie das Paar es bei der Trauung verspricht, bedeutet, einander Raum zu lassen. Ob eine Beziehung lebendig bleibt, hängt auch davon ab, ob der Einzelne lebendig bleibt. Gespräche halten eine Beziehung lebendig.

Mit Blick in den Kirchenraum und auf die leeren vorderen Reihen schiebt Andrea Holm ein: „Heute sind gar nicht viele junge Paare da, aber das wundert uns nicht: Kinder hindern einen daran, gemeinsam wo hinzugehen.“ Die bewusste Pflege der Zweisamkeit ist trotzdem wichtig.

Dann stehen alle Paare auf, und elffach halten sich zwei bei der Hand, während ihnen der Segen erteilt wird: ein Segen, der ihre Freude segnet und ihre Dankbarkeit, einander zu haben. Zum Abschied gehen Pfarrer und Pfarrerin mit großen Rosensträußen durch die Reihen und verteilen die Blumen an alle, die gekommen sind.

Informationen

Die Idee, Liebespaare zu würdigen, kam den beiden Pfarrern vom Ulmer Eselsberg, als sie gemerkt haben, dass man für Geschiedene und Getrenntlebende versucht, einen Gottesdienst zu schaffen, „der dieses Brüchige und Schwere aufnimmt“, wie Pfarrerin Andrea Holm sagt. Sie und ihr katholischer Kollege Norbert Blome haben sich aber gefragt: „Wo kommen die vor, die sich vielleicht auch manchmal mühen müssen und Kraft brauchen, die, die als Paare leben? Denen wollen wir einen Segen geben, als Nahrung, Stütze, Grundlage. Ihnen sagen: Schön, dass Sie sich haben.“

Luthers-Familienzeit

Jetzt Online-Magazin testen.

THEMA - Die Bergpredigt

Ausgabe 3/2017

Evangelisches Gemeindeblatt

Aktuelle Ausgabe 34/2017

Meinungsumfrage

Meinungsumfrage

Soll man an Weihnachten aufs Schenken verzichten?
Ja.
Nein
Ich bin unentschieden.