Christliche Themen für jede Altersgruppe

Meisterlieder der Reformation

Ulm – Vielstimmigkeit lautet das Motto der Veranstaltungen zum Reformationsjubiläum. Denn in Ulm herrschte ein pluralistisches Denken, das viele reformatorische Strömungen zuließ. Eine besonderer Schatz dieser Zeit wurde im Stadtarchiv gehoben: 14 sozialkritische Meistersinger-Lieder. 

Gudrun Litz und Marie-Kristin Hauke zeigen den Fund. (Foto: Dagmar Hub)


Unter den 50 Städten in 15 Ländern von Finnland bis Italien, von Schottland bis Slowenien, die sich „Reformationsstadt Europas“ nennen dürfen, ist auch Ulm - obwohl (oder gerade weil) man dort bei der Einführung des evangelischen Glaubens einen Sonderweg ging. Ulm feiert 2017 mit über 40 Veranstaltungen, beginnend mit einer Ausstellung „Luther und die Juden“ ab 5. März im Ulmer Münster, in deren Rahmen auch Luthers Antisemitismus thematisiert wird.

Eigentlich spielte Luther im Reformationsgeschehen Ulms lange Zeit keine entscheidende Rolle. Im Fadenkreuz zwischen Wittenberger Thesen und oberdeutschen Reformbestrebungen, zwischen der Schlüsselrolle Straßburgs und den Prager Hussiten stand in Ulm nicht das Denken eines Reformators im Zentrum, sondern das Mit-, Neben- und Gegeneinander vieler Stimmen. Dieser Pluralismus wurde lange als Schwäche und Unentschiedenheit interpretiert, wird aber heute als Stärke und Charakteristikum verstanden. Er spiegelt sich im Motto der Ulmer Veranstaltungen: „Vielstimmigkeit“. Auch die Veranstaltungen sind ein vielstimmiges Projekt, getragen vom Haus der Stadtgeschichte, der evangelischen Kirche, der Vokshochschule und der Universität Tübingen.

Dort forschte die Kirchenhistorikerin Susanne Schenk in den 40 Ulmer Regalmetern an Dokumenten aus der Reformationszeit, die die Historikerinnen Gudrun Litz und Marie-Kristin Hauke im Stadtarchiv Ulms seit mehreren Jahren erschließen.

In den Akten waren beide auf einen bislang unbekannten Schatz gestoßen, der die Frömmigkeit, aber auch die gesellschaftspolitische Verflechtung von Reformation und sozialer Situation begreifbar macht: 14 Lieder von Ulmer Meistersingern, in neun Handschriften und einem Druck erhalten. Sie wurden von Mitgliedern der Weberzunft geschrieben. Zum Hintergrund: Die Meistersinger des 15. Jahrhunderts setzten sich größtenteils aus den Handwerkszünften zusammen. Der Meistersang leitete sich aus dem mittelalterlichen Minnesang ab und verband das Selbstbewusstsein der Meistersingergesellschaften mit einem christlichen Sendungsauftrag. Das öffentliche Wettsingen fand in Kirchen, Rathäusern und Wirtshäusern statt. Die im Archiv wiederentdeckten Meistersingerlieder aus Ulm spiegeln Glaubensinhalte und die Ausbeutung von Handwerkern – nicht länger durch den Klerus und Kirchengebühren, sondern durch frühkapitalistische Handelsgesellschaften, die sich gut evangelisch nannten.

 Das sozialkritische Lied „Gottvatter in dem himmelsthron“ sorgte für Ärger, weil es die große Not schildert, in die Handwerker durch Handelsgesellschaften gebracht wurden. Die Abstimmungslisten des Bürgerentscheids über die Einführung der Reformation im November 1530 machen deutlich: Es waren die Mitglieder der ärmeren Handwerkerzünfte, die mit überwältigender Mehrheit für die Einführung des Protestantismus in Ulm stimmten, allen voran die Weber. Die Hoffnung auf soziale Besserung aber erfüllte sich nicht. Die in der Reformation abgeschafften Feiertage entzogen den Handwerkern Freizeit.

Information
Am 28. Juli beginnt eine Ausstellung, die das Reformationsgeschehen an Originalschauplätzen zeigt. Dazu gehört das Münster, das durch den Bildersturm am „Götzentag“, dem 19. Juni 1531, dramatisch verändert wurde: Beide Kirchenorgeln wurden mit Pferden herausgerissen, 60 Altäre herausgeschafft und eine Altarnische Hans Multschers zerhackt. Zu diesen Originalschauplätzen gehört aber auch das heutige Haus der Begegnung, 1617 zum 100-jährigen Jubiläum der Einführung der Reformation als Dreifaltigkeitskirche auf den Fundamenten der gotischen Kirche des Dominikanerklosters erbaut, und die katholische Wengenkirche. Denn „Altgläubige“ gab es in Ulm auch weiterhin. Mehr zum Programm im Internet unter www.ulm.de, Stichwort 500 Jahre Reformation.


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