Christliche Themen für jede Altersgruppe

Patt führt zur Putzgrenze

Auch das ist eine Folge der Reformation: Seit fast 500 Jahren teilen sich im oberschwäbischen Biberach Evangelische und Katholiken die Stadtkirche. Das ist nicht immer einfach und führt doch zu einer ganz besonderen ökumenischen Verbundenheit. 

Beim Schützenfest geht es vor der Stadtkirche ökumenisch her. (Foto: Thomas Warnack)

Der Mittelgang in der Biberacher Stadtkirche Sankt Martin ist mehr als nur ein Mittelgang. Er ist auch eine Grenze: Eine offiziell festgelegte Putzgrenze. Auf der linken Seite des Kirchenschiffs schrubben die Katholiken den Fußboden, auf der rechten Seite wischen die Protestanten nass raus.

Es ist eine Vielzahl von alltagspraktischen Dingen, die es in einer Simultankirche zu regeln gilt. Der Stromverbrauch, die Gottesdienstzeiten, die großen und die kleinen Reparatur­arbeiten: Alles muss ganz genau abgesprochen und geregelt werden, wenn es kein Chaos geben soll.

Seit 1548 teilen sich in Biberach katholische und evangelische Christen eine Kirche. Zuvor war die oberschwäbische Reichsstadt 17 Jahre lang protestantisch gewesen. Bis der Kaiser den katholischen Adel wieder einsetzte und die Stadt zum Einlenken zwang. Fortan regierten 200 Katholische 3000 Evangelische, die nun in ihrer Kirche Platz machen mussten für die Altgläubigen.

Am Himmelfahrtstag 1548 zogen die Katholiken wieder ein und hielten ihre erste Messe in einer Kirche, die sie kaum wiedererkannten: Die Heiligenbilder waren verschwunden und viele der Seitenaltäre abgebaut worden. Fortan lieferten sich die Konfessionen ein Nebeneinander, das von viel Misstrauen und argwöhnischer Beobachtung gekennzeichnet war.

1648 wurde die kirchliche Pattsituation im Westfälischen Frieden dann auch gesamtstädtisch festgeschrieben: Von da an gehörte Biberach an der Riss zu jenen vier Städten im Heiligen Römischen Reich, die paritätisch regiert wurden. Alle wichtigen Positionen in der Stadt waren somit doppelt besetzt, vom Bürgermeister über den Stadtschreiber bis hin zur Hebamme. Nicht auszudenken, wenn eine Protestantin einem katholischen Kind auf die Welt geholfen hätte!

Fast hat man den Eindruck, als ob die Jahreszahl 48 eine ganz besondere Bedeutung für Biberach hätte: Wieder hundert Jahr später, 1748, kam es zu einer barocken Umgestaltung der Martinskirche. Ein ausgesprochen heikles Unterfangen, denn der Barock war die Kunst der Gegenreformation. Katholische Üppigkeit statt protestantischer Schlichtheit – wie sollte das in einer gemeinsamen Kirche funktionieren?

Heraus kam ein Kompromiss, der in der Biberacher Stadtkirche noch heute an den Decken und Wänden abzulesen ist: Während sich im katholischen Chorraum die Künstler mit Heiligenbildern austoben durften, war im Kirchenschiff Zurückhaltung angesagt. Nur, was wirklich biblisch belegt war und beiden Konfessionen zusagte, durfte auch dargestellt werden.

Der Biberacher Dekan Hellger Koepff kann diesem Nebeneinander und Ineinanderverflochten-Sein durch die Kunst heute durchaus etwas abgewinnen: „Der Vorteil der Kirche ist diese Selbst-in-Frage-Stellung, die im Raum ist“, sagt er. Die Einrichtungsgegenstände wie die Fahnen von Sankt Martin und Maria, aber auch die aufgeschlagene Bibel auf dem Altar: Beides sei gleichzeitig in dem feierlichen Raum. „Das Katholische wie auch das Evangelische. Das ist gut so. Es macht auch demütig“, findet Koepff.

Heute finden die katholischen und evangelischen Gottesdienste nicht nur hintereinander, sondern auch miteinander statt. So wie zum Beispiel beim Auftakt zum Schützenfest. Auf dem Marktplatz. Für Angelika Schuck, Kirchengemeinderätin in der Bonhoeffergemeinde ist diese gelebte Ökumene in der Stadtpfarrkirche etwas Besonderes. „Gemeinsam Gottesdienst zu feiern, das ist ein super Feeling. Da haben wir viel erreicht, wenn wir gemeinsam Gottesdienst feiern. Egal ob am Schützenfest auf dem Marktplatz oder in der Stadtpfarrkirche“, sagt sie. Das dies so gut funktioniere, liege auch am guten Verhältnis der katholischen und evangelischen Pfarrer. „Und auch an den Kirchengemeinderäten, die gemeinsam sich für eine Sache einsetzen können“, weiß sie.

Der evangelische Einfluss auf die katholische Stadtpfarrkirche war auch nicht von Nachteil: Das opulente Deckenfresko von Johannes Zick, das die Lebensgeschichte Jesu von der Geburt bis zur Himmelfahrt erzählt, gehört zu den großen Attraktionen der Kirche. In einem Vergrößerungsspiegel kann man heute die Details des Gemäldes in aller Ruhe von der Kirchenbank aus betrachten.
Wenn die Stadtpfarrkirche renoviert werden muss (siehe Seite 29), kann die Bikonfessionalität auch ein Pluspunkt sein: Die evangelische wie auch die katholische Kirche sowie die Stadt beteiligen sich an der Renovierung. „Das ist ein großer Vorteil, gemeinsam etwas auf die Beine zu stellen“, findet der evangelische Jugendreferent Steffen Mohr. Er selbst hat sich mit seiner Frau vor wenigen Jahren in der Stadtpfarrkirche trauen lassen. „Es ist eine schicke festliche Kirche. Es ist immer etwas zu entdecken in den Heiligenbildern an der Wand oder im Deckengemälde“, erzählt Mohr.

Zu den bedeutenden evangelischen Persönlichkeiten Biberachs zählte der Dichter Christoph Martin Wieland. 1733 wurde er ganz in der Nähe der Stadt als Sohn eines Pfarrers geboren, 1760 ließ er sich als Kanzleiverwalter und Direktor der evangelischen Komödiengesellschaft nieder. Es waren keine leichten Jahre: Als er sich in eine Katholikin verliebt hatte, musste er die Beziehung wieder lösen, obwohl sie ein Kind von ihm erwartete. Er litt unter der kleinbürgerlichen Enge seiner Vaterstadt und den konfessionellen Schranken, die bis ins 20. Jahrhundert fast unüberwindlich waren.

Wie alle anderen Reichstädte verlor auch Biberach Anfang des 19. Jahrhunderts seine Unabhängigkeit. Als Napoleon ins Heilige Römische Reich einmarschierte wurde es turbulent und das urschwäbische Biberach für vier Jahre lang sogar badisch. Man besann sich dann doch eines Besseren und schlug es 1806 dem Königreich Württemberg zu. Das wurde zwar protestantisch regiert, doch die Auflösung der Grenzen zum Umland führten genau ins Gegenteil: Mit jedem Jahr wurde das einstmals komplett evangelische Biberach nun katholischer, weil immer mehr Menschen aus dem papsttreuen Oberschwaben in die Stadt zogen.

Heute sind etwa zwei Drittel der Biberacher Christen katholisch und ein Drittel evangelisch. Eine Minderheit, die, was die Gottesdienste angeht, noch weiter ins Hintertreffen gerät: Die Anzahl der katholischen Messfeiern übersteigt die Zahl der protestantischen Gottesdienste bei weitem.
Entsprechend höher ist ihr Stromverbrauch. Bis vor kurzem hatte es sogar einen eigenen Stromkreislauf für jede Konfession gegeben, doch seit der letzten Renovierung hat man die Stromleitungen ökumenisch zusammengelegt. Überhaupt hat sich seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil so einiges geändert in der Simultankirche: 1968 wurde das Gitter zum Chorraum beseitigt und ein gemeinsamer ökumenischer Altar aufgestellt. Zuvor hatten die Evangelischen einen transportabeln Holzaltar bei ihren Gottesdiensten aufgestellt, „fast wie bei Ikea“, sagt Stadtpfarrer Ulrich Heinzelmann mit einem Lächeln.

2015 ist Heinzelmann erstmals mit seinem katholischen Kollegen beim Biberacher Schützenfestumzug mitmarschiert. Das Schützenfest ist das Großereignis in der Stadt, ein zehn Tage lang währender Ausnahmezustand mit allerhöchster Bedeutung. Dabei haben sie sich den Scherz erlaubt und zum Spaß ihre Pfarrgewänder getauscht. Ein Zeichen, wie entspannt es heute in der Stadt zugeht, in der die Ökumene Alltagspraxis ist.

Die Biberacher Simultankirche ist für Menschen beider Konfessionen zum Erinnerungspunkt und zur Heimat geworden. Markus und Silke Best zum Beispiel kennen die Kirche seit ihrer Kindheit. Hier haben sie auch geheiratet. Er ist katholisch und sie ist evangelisch. „Für uns ist es ein Sonntagsritual in die Stadtpfarrkirche zu gehen entweder um 9.30 Uhr oder um 11 Uhr, zusammen mit den Kindern. Es hängt davon ab, wie wir es zeitlich schaffen“, erzählt die junge Mutter. Sie gehen zum Frühstücken und danach in den Gottesdienst. Um 9.30 Uhr ist der evangelische und um 11 Uhr der katholische Gottesdienst.

„Auch für die Kinder ist es ideal. Sie stören nicht, weil die Kirche groß genug ist und sich die Kinder in den Seitenbereichen bewegen können. Sohn Jakob mag den Spiegel in der Kirche, der waagrecht auf einem Wagen liegt und auf dem die Decke gespiegelt angeschaut werden kann. Dieser Wagen steht immer wieder an einem anderen Platz.

Auch mag Silke Best die gute Musik in der Kirche. „Im evangelischen Gottesdienst spielt hin und wieder der Posaunenchor. Nicht zu vergessen das Orgelspiel in der Kirche, es ergibt immer eine gute Stimmung.“

Für Theodor Schanz ist die Stadtpfarrkirche der spirituelle Ort seit seiner Kindheit. „Hier habe ich das Beten gelernt“, sagt der Mittsiebziger. Dass die Kirche für die evangelischen und die katholischen Christen ist, das ist schon lange so. Da wird man hineingeboren. Er hat bisher immer die katholischen Messen am Sonntag besucht. „Die Katholischen hatten die unangenehmen Messzeiten“, so seine Beobachtung. Früher gab es um 6, 7, 8 und um 11 Uhr am Sonntag eine Messe. „Der evangelische Gottesdienst war um 9.30 Uhr, eine angenehmere Zeit.“

Pastor Ansgar Hamann von der evangelischen freikirchlichen Gemeinde der Baptisten antwortete auf die Besonderheit des Simultaneums der Stadtpfarrkirche mit einem Bibelzitat.: „Wo Brüder einträchtig beieinander wohnen … denn dort hat Gott den Segen verordnet.“ Psalm 133, 1 und 3. Vorbei sind also die Zeiten, als sich Evangelische und Katholische bis in den Tod hinein mieden: Seit rund 20 Jahren sind der Alte Katholische und der Alte Evangelische Friedhof von Biberach nun in städtischem Besitz.
Fast ein wenig verwunschen liegt der evangelische Friedhof am Rand der Stadt. Mit alten Grabmalen und einer Kirche, die sogar ausschließlich protestantisch genutzt wird. Wer in Biberach streng evangelisch ist, der sucht noch immer hier seine letzte Ruhestätte. Ein kleiner Unterschied darf eben manchmal doch noch sein, auch im säkularen 21. Jahrhundert.

Information
Die Stadtkirche St. Martin in Biberach ist täglich für Besucher geöffnet. Evangelische Gottesdienste finden sonntags um 9.30 Uhr statt, katholische Messfeiern um 8 Uhr, 11 Uhr und 19 Uhr: www.evangelisch-in-biberach.de, www.st-martin-bc.drs.de. Stadt- und Glaubensgeschichte werden ausführlich dargestellt im Braith-Mali-Museum gleich neben der Stadtkirche: www.museum-bibe
rach.de

Das Biberacher Großereignis ist das Schützenfest, das an zehn Tagen im Juli stattfindet und kirchliche Ursprünge hat: www.biberacher-schuetzenfest.de

Sehenswert ist der Alte Evangelische Friedhof (Ulmer Straße 10) mit seinen historischen Grabmalen, der Heiliggeistkirche und dem russischen Gedenkfriedhof: www.biberach-riss.de

Allgemeine Auskunft: Tourismus und Stadtmarketing, Theaterstraße 6, 88400 Biberach an der Riss, Telefonnummer 07351-51165, Internet: www.biberach-tourismus.de

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