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Petrus trägt Brille

Ulm – Die Bessererkapelle im Ulmer Münster gleicht mit ihren zahlreichen bemalten Glasfenstern einem Bilderbibelbuch. Bei den jüngsten Renovierungsarbeiten hat sich der Augenarzt Hans-Walter Roth eine Szene genauer angeschaut und dabei erstaunliche Details entdeckt. 


Petrus trägt eine Brille (Foto: Dagmar Hub)

Der Ulmer Augenarzt Hans-Walter Roth kennt schon seit mehr als zwanzig Jahren die weniger als zwei Zentimeter große Brillen-Abbildung auf einer spätgotischen Glasmalerei im Chor der Bessererkapelle am Ulmer Münster. Auf eine genaue Untersuchung des Fensters musste er jedoch bis zur Restaurierung der um 1430 von Hans Acker geschaffenen Fenster warten. Kürzlich wurden die  Glasfenster entfernt und gereinigt, mittlerweile sind die Arbeiten abgeschlossen und die Kapelle ist wieder zugänglich.

Doch für den 72-jährigen Augenarzt entstand während der Restaurierungszeit die Chance, die Brille des Apostels Petrus, der am Totenbett Mariens steht, genau unter die Lupe zu nehmen. Sie ist die älteste bekannte Darstellung einer Brille auf Glas. Zudem entdeckte Roth noch andere Überraschungen: Der Künstler stellte neben dem brillentragenden Petrus die Apostel, die die verstorbene Maria umstehen, mit Augenkrankheiten dar.

Natürlich ist es unrealistisch, dass Petrus eine Brille getragen hat, obwohl es mehrere aus dem späten Mittelalter stammende Darstellungen gibt, die diesen Apostel mit Lesehilfe zeigen. Denn der allererste Guss einer durchsichtigen Linse gelang erst um das Jahr 1270 in Norditalien, also weit mehr als tausend Jahre nach Petrus’ Lebzeiten. Etwa zwanzig Jahre später wurden erstmals zwei Gläser mit Haltern aus Holz und Elfenbein zu einer Art Brille verbunden. Die älteste gemalte Brille, datiert auf das Jahr 1352, befindet sich auf einem Fresko im Kloster San Nicolò in Treviso bei Venedig.

Nietbrillen, auch wenn sie zu seinen Lebzeiten für Normalbürger unerschwinglich waren, kannte der Künstler Hans Acker bereits. Was beabsichtigte er, indem er Petrus die – eigentlich zu kleine – Brille aufsetzte? Neben einem hohen Lebensalter wollte er Petrus auch Lesefähigkeit und damit Bildung und einen herausgehobenen Status bescheinigen, vermutet Hans-Walter Roth. Die Eigenart, Kleidung und Lebensumstände auf sakralen Darstellungen der eigenen Lebenszeit des Künstlers anzupassen, sei für das späte Mittelalter normal, sagt der Augenarzt.

So stand der um 1380 geborene Hans Acker mit dem Auftrag für die Glasmalerei der Kapelle der Patrizierfamilie Besserer vor der Aufgabe, die Apostel angemessen „alt“  darzustellen. „Da er nur Gesichter bringt, musste er statt gebeugter Rücken und Krücken die Gesichter als ‚alt‘ herausstellen. Das konnte er mit Bärten tun. Oder aber, und das ist das Einmalige, mit Alterskrankheiten an den Köpfen. Schwerhörigkeit geht im Bild nicht, wohl aber hängende Lider, schielende Augen, Glotzaugen wie sie bei Morbus Basedow auftreten, und erhöhte Blendung als Kneifen beim Grauen Star. Nehmen wir den Apostel über der Maria: Das Lid hängt, der Augapfel dreht sich nach außen: Schlaganfall“, diagnostiziert er. 

Hans-Walter Roth hat eine Vermutung, weshalb der Glaskünstler Hans Acker einen speziellen Blick auf Augenkrankheiten hatte: „Er  muss kurzsichtig gewesen sein. Ein normalsichtiger Maler hätte die extrem feine Zeichnung nur schwer in dieser Vielfalt der Strukturen darstellen können.“ Weil Roth die Funktionsweise der abgebildeten Nietbrille interessiert, baut er sie momentan detailgetreu nach.

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