Christliche Themen für jede Altersgruppe

Und die Gemeinde vergisst ihn nicht

MERKLINGEN (Dekanat Blaubeuren) – Es ist die Geschichte eines Mannes, der Blutkrebs hat. Es ist aber auch die Geschichte von Menschen, die ihm und anderen Kranken helfen. Und daher ist es auch die Geschichte einer Kirchengemeinde. 

Einfach glücklich sind Georg Roth und seine Ehefrau Hermine üder die spürbare Solidarität. (Fotos: Brigitte Scheiffele)


Georg Roth trägt weiße, dünne Wollhandschuhe. Für ein sicheres Gehen nimmt er Walkingstöcke zur Hilfe. Unzählige Hände werden ihm gereicht, immer wieder sagt er nur „Danke“, denn es fehlen ihm die Worte. Das Engagement für ihn und seine Krankheit kann er gar nicht fassen. Ebenso weiß er fast nichts mehr zu antworten auf die vielen tröstenden Worte, die Aufmunterungen, die Zuwendungen, das Mutmachen, die Gratulation vieler Menschen, die zur Typisierungs-Aktion für eine Knochenmarkspende nach Justingen gekommen sind: „Manche Menschen erfahren diese Anteilnahme erst bei der Beerdigung“, sagt er.

Georg Roth hat Blutkrebs. Doch schon während des Aufrufs zur Typisierung fand die Deutsche Knochenmarkspender Datei (DKMS) tatsächlich seinen genetischen Zwilling. „Ich habe geweint wie ein kleiner Bub“, sagt der 66-jährige. „Wenn man das erlebt, bekommt man eine andere Lebenseinstellung.“

Und gerade deswegen beschließen Roth und der Arbeiter-Samariter-Bund (ASB) Alb & Stauferland, die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit für eine Spendenaktion zu nutzen.

Unzählige Menschen kommen am Typisierungs-Sonntag nach Justingen und Georg Roth trägt deswegen auch einen Mundschutz. Sein Immunsystem ist völlig zerstört, er darf nicht krank werden. Unter so vielen Menschen verbirgt sich Ansteckungsgefahr. Die Samariter, Freunde und Kollegen des ASB Regionalverbandes Alb & Stauferland haben die Typisierungsaktion für ihn und die Deutsche Knochenmark Spenderdatei organisiert: „Sie muss unbedingt stattfinden. Auch, wenn ich einen Spender gefunden habe“, sagt Georg Roth. „Es gibt so viele Menschen, die auf diese Hilfe angewiesen sind, es ist ein grausames Gefühl. Ich selbst hatte sehr großes Glück.“

Das Glück hängt auch mit seiner ehemaligen Gemeinde zusammen. Schon seit 44 Jahren lebt Roth nicht mehr in Merklingen. Dort spielte er in der evangelischen Kirche „Zu Den Heiligen Drei Königen“ jeden Sonntag im Gottesdienst. Mit seiner Frau Hermine lebt er seit der Hochzeit in Justingen. Und deswegen sagt er bewundernd: „Das muss man sich vorstellen, dass diese Merklinger Kirchengemeinde die Einnahmen aus einem Karfreitagskonzert hier abliefern. Sie haben mich bis jetzt nicht vergessen. Das ist so unendlich schön, da kommen mir schon wieder die Tränen und ich habe keine Worte dafür.“ 1200 Euro brachten die Merklinger Kirchenmusiker und der Merklinger Liederkranz aus einem Karfreitagskonzert als Spende.

Die eigentliche Typisierungsaktion findet in Justingen statt. 375 neue Spender gaben an diesem Sonntag ihr Blut ab und erklären sich zu einer Stammzellenspende bereit, sollten die Gene passen. Die Mitglieder des katholischen Kirchenchors der Kirchengemeinde St. Oswald in Justingen backen Kuchen, sorgen für die gesamte Bewirtung unzähliger Menschen.

Im Ort sind extra Parkplätze ausgewiesen, um die Besucherströme zu organisieren. 9425 Euro fließen als Bargeldspenden in die gläserne Sammelbüchse, zudem gehen über 10000 Euro auf einem gesonderten Konto ein. Das Geld wird gebraucht, weil eine Typisierung die DKMS unterm Strich 50 Euro kostet.

Eigentlich sei er Realist und geprägt durch die vielen Einsätzen im Rettungsdienst, betont Georg Roth. Er ist nämlich Gründungsmitglied des Merklinger ASB, hat dort die Jugendarbeit ins Leben gerufen und wurde als erster Rettungssanitäter ausgebildet. Viele Wohnzimmer hat er bei Tag und Nacht betreten, viele Menschen in Not erlebt. Vielen konnte er helfen, manche aber nicht mehr ins Leben holen. „Wer in der Not geht, Schmerzen hat, der hat es leichter mit dem Loslassen und dem Abschiednehmen. Wer aber im Bewusstsein und schmerzfrei ist, der denkt an die Bleibenden.“ So wie Georg Roth selbst. „Die Sorgen um meine Familie waren verheerend“, sagt er.

Seine Ehefrau findet in dieser Zeit starken Halt und viel Kraft im Gebet, erfährt Stärkung in der Kirchengemeinde. Georg Roth fühlt sich gläubig und suchend. Er glaubt durchaus an die höhere Macht, gibt die Hoffnung nicht auf, bleibt zuversichtlich. „Das war in mir“, sagt er.

Und vor allem eines hat Georg Roth erfahren: Die enorme Verbundenheit so vieler Menschen hat ihn innerlich gestärkt und berührt. Solidarität ist für ihn kein Fremdwort mehr. Auf das Netzwerk beim ASB, das er selbst mit aufgebaut hat, kann er sich verlassen. „Gemeinsam sind wir alles, alleine nichts. Irgendwann kommt alles zurück. Das habe ich jetzt erlebt.“

Und noch eine Erkenntnis: Die Welt sei doch viel besser als viele glaubten, betont er und lobt die „wunderbare Solidargemeinschaft der Krankenkassen“, die „toll entwickelten medizinischen Möglichkeiten“, den „Fortschritt in so vielen Dingen des Lebens“, der gar nicht bewusst wahrgenommen werde. „Wir fordern und fordern und machen uns gar keine Gedanken darüber, was wir alles erreicht haben und wie gut es uns geht“, sagt er.

Die Typisierungsaktion fand statt, obwohl für Georg Roth schon ein Spender gefunden war. Denn schließlich ist jeder Spender in der Kartei wichtig für andere Kranke. Wer der bis jetzt anonyme Spender ist, wird bis zwei Jahre nach der Transplantation geheim bleiben. „Er wurde über die Deutsche Knochenmarkspenderdatei gefunden“, weiß Georg Roth. Mehr nicht. „So etwas ist nie auszugleichen. Nicht zu zahlen, nie zu entlohnen. Das ist ein unbeschreibliches Gefühl, ein Leben geschenkt zu bekommen.“

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