Christliche Themen für jede Altersgruppe

Von Recht- und Wüstgläubigen

ISNY (Dekanat Ravensburg) –  Das württembergische Allgäu ist heute überwiegend katholisch. Zu Luthers Zeiten war die Freie Reichsstadt Isny jedoch eine Hochburg der Reformation. Und das, obwohl – oder gerade weil – inmitten der Stadtmauern ein katholisches Kloster lag. 


Eindrucksvoll und sehenswert: Die Stadtführung "Von Recht- und Wüstgläubigen" setzt historische begebenheiten der reformation an historischen Schauplätzen um. (Foto: Isny Marketing GmbH)

Es ist erst eine Generation her, da gab es in Isny noch einen Bäcker für die Katholischen und einen, bei dem die Evangelischen ihre Brötchen kauften. Stefan Ziegler, einer von vier Pfarrern in Isny, kennt solche Geschichten nur noch als Erzählung. Aber Margarete Baur, die 1956 eingeschult wurde, erinnert sich noch genau daran,  dass sie als Schülerin der katholischen Schule einmal von einem evangelischen Lehrer unterrichtet wurde. „Oh je, haben wir damals gedacht, jetzt müssen wir zu dem.“ Heute ist Margarete Baur im schnellen Schritt unterwegs von der Nikolaikirche zur nächsten Station der szenischen Stadtführung „Von Recht- und Wüstgläubigen“.

Die Wüstgläubigen, damit waren zur Zeit der Reformation die Evangelischen gemeint. Genau um den Ursprung des Konflikts der beiden Konfessionen, der so lange die Stadt im Allgäu geprägt hat, geht es in dem Stück. 17 perfekt kostümierte Laiendarsteller zeigen in fünf Szenen an fünf Orten, welche gewaltigen Auswirkungen die Lehren Luthers auf die   Freie Reichsstadt hatten. Denn das 16. Jahrhundert war Isnys goldenes Zeitalter, die Stadt war ein wirtschaftliches Zentrum – und wurde zu einer Hochburg der Reformation.

Durch die Unterzeichnung der Speyrer Protestation 1529, bei der Evangelische Widerspruch gegen den Kaiser einlegten, der die religiösen Neuerungen wieder zurücknehmen wollte, gehörten die Bürger der Freien Reichstadt Isny zu den allerersten „Protestanten“. Warum sich gerade die Insyer – im Gegensatz etwa zur benachbarten Freien Reichsstadt Wangen – so früh und energisch der Reformation angeschlossen hatten, hat mehrere Gründe. Zum einen der ständige Ärger mit dem Benediktinerkloster, das inmitten der Stadt liegt und lag, mit dem sich die Stadtoberen um Zinsen, Zölle und Wasserrechte stritten und von dessen Abt sich die Bürger bevormundet fühlten. Mit der Unabhängigkeit vom Kloster, so der Historiker Hans-Georg Wehling, hat Isny seine Selbstständigkeit als Freie Reichsstadt erst gekrönt. Zum anderen haben die wohlhabenden und selbstbewussten Kaufleute die Reformation in Insy befürwortet. Insbesondere die Patrizierfamilie Buffler hat die Reformatoren in der Stadt unterstützt: Etwa indem sie dem Gelehrten Paul Fagius die Einrichtung einer hebräischen Druckerei ermöglichte. Auch eine Schulstiftung für den theologischen Nachwuchs der Evangelischen haben die Brüder Buffler gegründet.

Dass die reformatorischen Gedanken in Isny auf so fruchtbaren Boden fielen, hängt auch mit  der bereits im letzten Drittel des 15. Jahrhunderts eingerichteten Prädikantenbibliothek zusammen. Hier waren und sind wichtige wissenschaftliche Schriften der Zeit versammelt, die den vorreformatorischen Prädikanten zur Predigtvorbereitung dienten. Diese Prediger wurden nicht vom Kloster, sondern vom Rat der Stadt eingesetzt. Das reformatorische Gedankengut fand auch von den Kanzeln den Weg in die Köpfe.

Isnys goldenes Zeitalter ist vorbei, aber auch heute macht die Stadt etwas her mit den zahlreichen Bauten der Barockzeit und den vielen Türmen  im Stadtbild. Allen voran die benachbarten Kirchtürme der evangelischen Nikolaikirche und der katholischen St.- Georg-und-Jakobuskirche, die einmal die Klosterkirche des Benediktinerordens war. Die Klosteranlage mitten in der Stadt beherbergt heute unter anderem eine Kunstausstellung.

Touristen und Einheimische genießen das schöne Wetter an diesem Samstag in einem der vielen Cafés in der Fußgängerzone. Dort sind auch die Zuschauer der Stadtführung mit Schauspielern  unterwegs, die die bewegte Zeit der Reformation lebendig werden lässt. Gespielt werden die Szenen um den Streit zwischen Abt, Bürgermeister und Fürst oder um den Aufruhr nach dem Abendmahl in beiderlei Gestalt in der Ölbergkapelle, in der Nikolaikirche, vor den Rathausarkaden und im eindrucksvollen historischen Ratssaal. Der Abschluss, eine Szene mit dem Gelehrten Fagius und seinem Sponsor Buffler spielt im Paul-Fagius-Gemeindehaus. Dort verabschiedet sich auch der Bauer Hans, der außerhalb der Stadt lebt, von dem Kaplan, dessen Pfründe er unterstützt hat. Aus und vorbei, die Reformation hat in Isny auch die Stadt vom Umland gespalten. Bis zum Ende der Freien Reichsstädte 1803 bleibt Isny ein rein protestantisches Pflaster.

Drei Jahre Vorlauf hatte das Stück, das im Auftrag von Isny Marketing entwickelt wurde. Margret Kaiser, die Cheftouristikerin, spielt selbst mit und gibt den mißmutigen Klosterschreiber, auch eine evangelische Kirchengemeinderätin ist unter den Darstellern. Pfarrer Stefan Ziegler freut sich jedenfalls sehr über das Engagement zum Reformations-jubiläum. Heute sind die Evangelischen mit 18 Prozent in der Minderheit unter den rund 15 000 Einwohnern, auch das Umland ist katholisch. „Aber unser  Lebensgefühl ist protestantisch geprägt“, sagt Stefan Ziegler. „Wir in Isny sind nach wie vor kritisch denkende Menschen.“


Information
Die szenische Stadtführung „Von Recht- und Wüstgläubigen“ findet wieder am 2. September um 10 und 12 Uhr statt, die Tageskasse öffnet um 9.30 Uhr am hinteren Portal der Nikolaikirche, eine Karte kostet 15 Euro. An diesemTag ist um 15.30 Uhr auch ein geführter Besuch in der Predigerbibliothek in der Nikolaikirche möglich, ebenso mittwochs um 10 Uhr. Der Eintritt dafür kostet drei Euro. Die Ausstellung „500 Jahre Reformation – bitte persönlich“ im Museum am Mühlturm ist donnerstags, samstags und sonntags von 14 bis 17 Uhr geöffnet. Darin geht es um die Ansichten der alteingesessenen Kaufmannsfamilien zur Reformation ebenso wie um die Sicht des Abtes. Über Isny Tourismus, 88316 Isny im Allgäu, Telefon 07562 975630, Internet: www.isny.de, sind noch weitere Informationen zum Reformationsprogramm erhältlich.

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