Christliche Themen für jede Altersgruppe

Zum Sehen und Riechen

ULM/SEISSEN (Dekanat Blaubeuren) – Angeblich glauben Kinder aus der Stadt ja an die lila Kuh, aus der die Schokolade fließt. Ganz so dramatisch ist es sicher nicht. Aber dennoch fehlt vielen Stadt-Kindern die Erfahrung mit Tieren auf dem Land. Zwei Kirchengemeinden aus Ulm und Seißen haben sich dagegen etwas einfallen lassen.

Bei der Stall- und Hofbesichtigung haben die Städter etwas zum Staunen.
(Foto: Margot Autenrieth-Kronenthaler)

Merkwürdig: Mitten in der Stadt, in der Ulmer Martin-Luther-Kirche prangen an Erntedank Gaben von der Alb. Annemarie Steeb aus der Kirchengemeinde Seißen bei Blaubeuren schenkt der Partnergemeinde in Ulm, was in ihrem Bauerngarten und auf dem Acker wächst: Eine kunstvolle Erntekrone erinnert die Stadtleute an die Landwirte aus Seißen. Die Geschenke haben einen Grund: Die Martin-Luther-Gemeinde und Seißen pflegen eine so genannte Stadt-Land-Partnerschaft.

Diese wurden einst vom evangelischen Bauernwerk ins Leben gerufen, um das gegenseitige Verständnis zu fördern. Seit über 20 Jahren besteht eine solche Partnerschaft zwischen der Martin-Luther-Gemeinde Ulm und der Kirchengemeinde Seißen. Mit gegenseitigen Besuchen und Erwachsenenbildungsveranstaltungen wird die Partnerschaft gepflegt.

„Mir ist wichtig, dass wir uns gegenseitig verstehen. Ich will den Leuten aus der Stadt zeigen, wie es bei uns hier auf dem Land zugeht“, sagt die Landwirtin Annemarie Steeb aus Seißen-Wennenden, einem Teilort von Blaubeuren. Sie war 1991/92 als Kirchengemeinderätin Mitinitiatorin der Partnerschaft. Auf der Ulmer Seite war die inzwischen verstorbene Stadt- und Kirchengemeinderätin Doris Dillenz die treibende Kraft. Sie hatte persönliche Kontakte zu Otto Strübel, der ebenfalls in Seißen Kirchengemeinderat war.

Die beiden Seißener luden 1991 im Erntedankgottesdienst in Ulm die Gemeinde nach Seißen ein. Damals fiel der Delegation vom Land der spärlich bestückte Altar auf. Der erste Schritt von vielen war getan.

Neben der Geselligkeit standen der Austausch über die Landwirtschaft und ihre Probleme, Besichtigungen Themen wie Gentechnik und Bewahrung der Schöpfung auf dem Programm. In diesem Jahr waren die Ulmer beim Dorfgemeinschaftsfest in Seißen-Wennenden eingeladen. Sie nahmen am Erntebittgottesdienst teil und trugen schwungvoll das passende Lied „Aus den Dörfern und aus Städten“ vor.

Die Städter ließen sich über den Hof führen. Dafür öffnete Thomas Steeb, der Sohn von Annemarie Steeb, die Türen seines Betriebs.

Familie Steeb ist momentan dabei, ihren Hof von konventioneller Bewirtschaftung auf Bio-Betrieb umzustellen. Vor allem junge Familien aus der Ulmer Gemeinde nutzen die Gelegenheit, einen Ausflug aufs Land zu machen. So auch Familie Gester mit ihrem zehnjährigen Sohn Simon. „Für uns ist das ein richtiger Höhepunkt“, meint Vater Hans-Peter Gester. „Wann haben wir sonst die Möglichkeit, eine richtige Kuh zu sehen“, sagte der Großstädter.

Rund 50 Kühe und etliche Kälber gibt es auf dem Hof. Mit Begeisterung werden sie von den Kindern gefüttert und gestreichelt. Die Erwachsenen kommen ins Gespräch und erfahren, mit welchen Problemen sich Thomas Steeb bei der Umstellung auf den ökologischen Landbau und die artgerechte Tierhaltung herumschlagen muss. „Die Umstellungszeit ist zu kurz bemessen“, kritisiert der Landwirtschaftsmeister. „Die Genehmigung für die Stallvergrößerung ging nicht voran, wir kamen mit dem Umbau in Verzug und schon muss die Öko-Förderung zurückbezahlt werden.“

„Hier haben wir erfahren, welche Schwierigkeiten das mit sich bringt, wenn alle Vorgaben erfüllt werden müssen“, berichtet Pfarrer Volker Bleil aus Ulm. „Für ihn werden die Veränderungen in der Landwirtschaft durch Besuche konkret. „Wir fragen uns, wie die Landwirte eine Zukunft haben, wir versuchen zu verstehen und selber zu schauen – sonst bleibt für uns Stadtmenschen alles abstrakt.“

Genau darum ging es den Erfindern der Stadt-Land-Partnerschaften vom Bauernwerk. Die Menschen sollten sich begegnen, um mehr voneinander zu erfahren. Schlagzeilen über Massentierhaltung, Lebensmittelskandale oder industrialisierte Landwirtschaft machen die Vor-Ort-Begegnung wichtig. Die schwierige Situation in der Landwirtschaft, gekennzeichnet durch sinkende Einkommen, fehlende Freizeit oder ungeregelte Hofnachfolge ist den Menschen aus der Stadt oft nicht bewusst.

Pfarrer Jochen Schäffler aus Seißen betont, dass die Partnerschaft von den Gemeinden getragen werde. Er sei schon der vierte Pfarrer, der die Beziehung von der Seißener Seite aus begleitet. „Es ist anregend, nicht nur auf den eigenen Kirchturm zu schauen, die Partnerschaft ist eine Bereicherung für unser Gemeindeleben“, sagt der Landpfarrer. Andersherum ist es genauso. Volker Bleil meint: „Wir schätzen es sehr, dass wir für unseren Erntedankaltar so gut von den Seißenern versorgt werden. Man sieht und riecht es.“

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