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„Es ist immer tragisch“

Esther Buck (21) hat ein Jahr in Israel gelebt und studiert

Esther Buck: „Die Situation macht mich traurig und ratlos“Foto: Gemeindeblatt

Esther Buck: „Die Situation macht mich traurig und ratlos“Foto: Gemeindeblatt

Was sagt eine junge Deutsche zu hoch betagten Menschen, die Auschwitz überlebt haben?  Wie lebt man in einem „Land der Extreme“, das gleichwohl durch Gelassenheit seiner Bewohner wie durch strenge Religiösität und Liberalität geprägt ist?

Was haben zwölf Monate in Jerusalem aus der jetzt 21-jährigen Esther Buck gemacht? Diese Frage fördert drei Erkenntnisse zutage: Erstens die Erkenntnis der Unwissenheit: „Ich dachte, dass ich mich auskenne, aber das war ein Trugschluss“, sagt sie heute. Klar, das typische Bild der Klagemauer hatte sie vor Augen, und über den Palästina-Konflikt hat sie viel gelesen. Aber ihn selbst hautnah zu erleben, das ist etwas ganz anderes. Dabei hat sie nicht nur geschockt, wie sehr sich die Situation in Ost-Jerusalem von der in Israel unterscheidet („weniger Bäume, kein Wasser, keine Müllabfuhr“), sie war auch erstaunt über die Gelassenheit der Israelis mit ihrer täglichen Bedrohung umzugehen. „In Israel ist die Mauer ganz weit weg“, sagt die Theologiestudentin, die aus Dettingen/Erms stammt. Doch wer aus Deutschland kommt und die Situation aus Berlin noch kennt, der fühlt sich beim Anblick der Grenzmauer unweigerlich an die Berliner Mauer erinnert. Die 21-Jährige kann dies zwar nicht mehr persönlich nachvollziehen. Aber sie kennt diese Einschätzung von anderen.

Die zweite Erkenntnis: Die Situation in Palästina und Israel ist so komplex und vielschichtig, dass „sie mich traurig und ratlos gemacht hat“, gesteht die junge Theologiestudentin. „Jeder Mensch verbindet mit dem Konflikt eine persönliche Geschichte, und sie ist immer tragisch“, erzählt Esther Buck. Ratlos ist sie deswegen, weil ihr alles so aussichtslos erscheint. Und traurig ist sie, weil sie das Gefühl hat, der Wille zum Frieden ist ganz gering.

All dies hat bei ihr die dritte Erkenntnis ausgelöst: nämlich sehr vorsichtig auf Menschen zu reagieren, die andere Ansichten haben. Was ist richtig? Was ist falsch? Welche Religion hat Recht? Diese Fragen beantwortet Esther Buck seither erst einmal für sich selbst, bevor sie sich die Frage stellt, wie und ob ihre Antwort auf andere übertragbar ist. „Der Horizont wird einfach größer“, beschreibt sie diesen Effekt.

Die 21-Jährige sitzt jetzt im ehrwürdigen Tübinger Stift am Tisch eines Seminarraums, wo sie seit einem Semester Theologie studiert, und erzählt von diesen zwölf Monaten. Der Aufenthalt an sich war eigentlich gar nicht so spektakulär. Esther Buck arbeitete im Büro der Aktion Sühnezeichen, die in vielen Ländern Freiwilligendienste organisiert. Sie half bei der Öffentlichkeitsarbeit, bei Veranstaltungen, Shoah-Gedenktagen oder der Vorbereitung von Seminaren. Doch daneben besuchte sie auch drei Frauen, die den Holocaust überlebt hatten. „Das war der spannendste Teil“ meint sie.

Eine Frau sei knapp dem Zug nach Ausschwitz entkommen, ihr Mann sei dagegen in Bergen-Belsen umgebracht worden. Die 91-jährige Frau sei es gewohnt gewesen, jungen Deutschen ihre Geschichte zu erzählen. „Und ich saß immer da und wusste nicht, was ich sagen soll“, erzählt Esther Buck und fügt hinzu: „Ich sah es dann einfach als Vertrauensbeweis an, dass sie es mir erzählt hat.“ Eine andere Frau, die im Dritten Reich nach England geflohen war, wollte eigentlich nie nach Israel, ist auch nicht religiös, aber lernte hier ihren Mann kennen. Die dritte Frau kam aus Deutschland und hatte eine sehr esoterische Veranlagung. Ihr hat die junge Deutsche meist vorgelesen.

„Die drei haben Jerusalem ganz gut widergespiegelt“, findet Esther Buck, die insgesamt berauscht war von der Buntheit und Vielfalt der Stadt. „Das große Thema in Israel“, so lautet das Fazit von Esther Buck“ sind die Extreme. Ob in der Kleidung oder im Denken. Allein eine Busfahrt führt der Besucherin alle Religionen vor Augen: vom Muslim bis zum orthodoxen Juden. Das ist faszinierend, aber es birgt auch ein Problem. Denn die Vielfalt ist auch in den Köpfen, oft in extremer Weise. „Und extreme Meinungen machen alles komplizierter“, sagt sie. Für sich selbst stellt sie daher eine letzte noch unbeantwortete Frage: „Ist liberal jetzt auch extrem?“





Alexander Schweda



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