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Das Unaussprechliche sagen

Günter Kohler bildet im Norden Tansanias haupt- und ehrenamtliche Seelsorger aus

Pfarrer Tunisfu Kweka, links, lernt bei Günter Kohler, auf das zu hören, was Menschen wirklich meinen.

Pfarrer Tunisfu Kweka, links, lernt bei Günter Kohler, auf das zu hören, was Menschen wirklich meinen.

Ob Seelsorge gelingt, als wohltuend und hilfreich erfahren wird, hängt stark von der Person ab und davon, ob sie sich einfühlen kann in die Lage des Anderen. Was aber, wenn es als Tabu gilt, über Gefühle zu reden. In Afrika versucht einer, die Methoden der Klinischen Seelsorgeausbildung einzusetzen.

Fabiola Kessi tut sich immer noch schwer. „Über so etwas kann man doch nicht einfach reden“. Nein, einfach ist es nicht, aber notwendig, meint die 30-jährige Frau. Dass es nicht einfach ist, über Aids und HIV zu reden, liegt nicht nur daran, dass Fabiola nicht einmal ein Meter fünfzig groß ist. Es liegt auch nicht nur daran, dass sie der römisch-katholischen Kirche angehört und aus einer kleinen Stadt im Norden Tansanias stammt. Frau, katholisch, körperliche Einschränkung, Tansanierin vom Land, das sind in der Tat Komponenten, die es, von außen gesehen, unmöglich erscheinen lassen, ein Tabuthema im Alltag anzusprechen. Fabiola aber will sich stellen. „Es ist notwendig, weil die Folgen der Krankheit unübersehbar und das Leid, das sie mit sich bringt, schier unerträglich  sind.“ Es ist der viel beschwiegene Tod, gegen den Fabiola Kessi angehen will. Es gibt Schätzungen, wonach in ganz Tansania jährlich 60.000 Babys geboren werden, die den tödlichen HI-Virus in sich  tragen. Die meisten erleben ihren zweiten Geburtstag nicht.

„Ich habe gelernt, über Kondome zu sprechen“, sagt Fabiola. Sie absolviert einen 16 Wochen dauernden Kurs in Pastoralseelsorge. Günter Kohler leitet ihn zusammen mit tansanischen Pfarrern aus der lutherischen Kirche. Kohler hat ein Pfarrersleben lang das betrieben, was in Deutschland Klinische Seelsorgeausbildung (KSA) und international Clinical Pastoral Education (CPE) genannt wird.

Klinische Seelsorgeausbildung will, so beschreiben es deutsche Seelsorger, auf dem Boden biblischer Aussagen ganzheitlich und erfahrungsbezogen  Leidenden und Kranken helfen. Dazu müssen die Seelsorger ihre eigenen Person kennenlernen, ihre Handlungen bedenken und mit anderen in geistlicher, psychologischer und theologischer Hinsicht besprechen. Dabei ist das Ziel, dass die Seelsorger ihre eigenen Handlungen in Übereinstimmung mit sich selbst und der Situation ausüben.

Günter Kohler kann sich das Lächeln ob solcher Definitionen nicht ganz verkneifen. Nicht dass er hohe Ansprüche für unerreichbar hielte. Aber dieses Konzept ist ihm doch zu sehr auf Amerika und Europa hin ausgerichtet. In einem winzigen Arbeitszimmer am Rand des Christlichen Medizinzentrums am Kilimandscharo in Moshi, Tansania, sagt er: „Hier redet man nicht über Gefühle“. Das ist einfach in dieser Kultur nicht erwünscht. Also muss das Konzept, die Ausbildung und die Praxis angepasst werden.

Fabiola Kessi, die, solange sie im Kurs am Krankenhaus teilnimmt, immer den weißen Kittel mit der Aufschrift „Chaplan“ trägt, hat dies gelernt: „Ich muss erst einmal gut zuhören“. Auch Pfarrer Tunsifu Kweka bemerkt Veränderungen bei sich. „Früher“, so erzählt er, „habe ich mir angehört, was ein Gemeindemitglied gesagt hat, und dann haben wir miteinander gebetet. Ich habe ihm einen Spruch aus der Bibel gesagt, und dann ist er gegangen“. Heute denkt er, dass er mit dieser Methode oft nicht das getroffen hat, was den Besucher wirklich bewegt hat. „Und mit Schwerkranken konnte ich gar nicht umgehen“, räumt er leise ein. Schwerkranke, das sind für ihn, ohne dass er es ausspricht, Aidskranke. Dass seine lutherische Kirche theologische Schwierigkeiten im Umgang mit Aidskranken hat, mag er zwar nicht leugnen, aber einfach stehen lassen will er es auch nicht. „Wir sagen den Menschen heute, wenn ihr den Sex nicht lassen könnt, benutzt doch ein Kondom“. Und das ist für den Norden Tansanias ein gewisser Fortschritt.

Die Katholikin Fabiola will aber weitergehen. Sie will, wenn sie erst einmal das Zertifikat nach bestandenem Seelsorgekurs hat, durch ihre Heimatdörfer gehen. Dort will sie unter Jugendlichen für Familienplanung werben. So wie Susi, die 24-jährige Massai-Frau. Auch sie absolviert den 87. Seelsorgekurs am christlichen Krankenhaus in Moshi. Dort in der Klinik ist die zuhörende Hilfe der Geistlichen längst etabliert. Ständig sind Mitarbeiter in den Fluren und Nischen unterwegs, um die Sorgen der Patienten aufzuspüren. Auch wenn sie nicht das umfassende und aufwändige Verfahren der Selbsterforschung und Selbstreflektion durchlaufen wie in Deutschland – ihren Dienst müssen sie genauso wie die Kursteilnehmer überdenken. „Wir veranstalten formalisierte Gruppengespräche“, erzählt Günter Kohler, und auch Berichte über die einzelnen Gesprächen werden gefordert und ausgewertet.

„Nehmt einander an, wie Christus euch angenommen hat zu Gottes Lob.“ (Römer 15,7) könnte über den Aktivitäten stehen, die sich Pfarrer Tunsifu Kweka vorgenommen hat. Übersetzt man seinen Vornamen, so bedeutet Tunsifu: „Laßt uns ihn loben“. „Ich denke, ich muss mich mehr um die Alten und Waisen in meiner Gemeinde kümmern. Und ich muss das, was ich sage und tue, in den  Zusammenhängen der Menschen und ihrer Familien sehen.“ Und wieder meint er, ohne es ausdrücklich zu sagen, vor allem die Aidskranken und Aidswaisen.

Für Günter Kohler und seine Frau Maja  reicht das alles nicht aus. Sie wollen das System der systematischen Seelsorge auch außerhalb von Krankenhaus und Kirchengemeinde nutzbar machen. Immer wieder leben sie bis zu zehn Tage lang unter unvorstellbar einfachen Bedingungen in Hütten weit ab jeglicher Verkehrsverbindung bei Massaifamilien in der Steppe. Mit finanzieller Hilfe aus Deutschland – beteiligt sind das Deutsche Institut für ärztliche Mission in Tübingen und die Christoffel-Blindenmission in Bensheim – versuchen sie die Lebensbedingungen zu verbessern.

Dort gehört zur Seelsorge auch, dass man lernt, nicht jedes Gehölz abzuschneiden und zu verbrennen. Sie vermitteln, wie das Vieh besser in Koppeln durch die Nächte gebracht werden kann und wie der Hygiene in den Hütten mehr Beachtung geschenkt wird.

Auch dort geht es um Aidsvermeidung, aber auch um den Kampf gegen Tuberkulose, gegen Genitalverstümmelung bei Mädchen. Das können natürlich zwei Deutsche alleine nicht vermitteln oder gar durchsetzen. Kohlers geht es darum, dass Einheimische sich von den Ideen anstecken lassen und sie verbreiten. So wie Susi, die junge Massaifrau im Seelsorgekurs. „Auf den Dörfer gibt es viel, was besser werden kann“, sagt sie. Und daran will sie mitarbeiten.


M. Ernst Wahl



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