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Thema der Woche
„Manchmal musste ich weinen“
Sarah Stooß (22) aus Laupheim war ein Jahr in Palästina
Dass junge Leute nach der Schule eine Zeitlang ins Ausland gehen, ist fast schon normal. Aber was erleben sie dort, was prägt, was schreckt? Wir haben mit vier jungen Leuten gesprochen: Zwei gingen in den Nahen Osten. Zwei kamen aus Israel nach Deutschland.
Sie haben sich für einen Freiwilligen-Dienst beworben und es wurde zufällig Palästina. Mit welchem Gefühl stiegen Sie ins Flugzeug ein?
Sarah Stooß: Das Gefühl war schon gut. Es gab natürlich Bedenken, zum Beispiel von meinem Bruder, der sagte: Da kannst du doch nicht hingehen. Ich bestelle dir eine kugelsichere Weste. Aber mein Hauptgedanke war es, ein anderes Land kennen zu lernen, bevor es von der Schule ins Studium übergeht. Ich war dann gespannt, was kommt, was ich dort arbeiten werde und wie ich mit der Sprache zurechtkomme. Aber die Freude hat überwogen. Eindeutig.
Angst hatten Sie keine?
Sarah Stooß: Nein, ich dachte wenn es dort so schlimm wäre, würde das Bundesministerium dort niemanden hinschicken.
In ihrem Buch beschreiben Sie eine Szene, in der Sie vor der Mauer stehen, und wie die Kinder das hinnehmen, als ob die Deutsche Bahn zu spät kommt. Was haben Sie selbst empfunden, als sie vor der Mauer standen?
Sarah Stooß: Ich hatte natürlich darüber gelesen. Aber es ist etwas ganz anderes, vor dieser Mauer zu stehen, die so unglaublich hoch ist und unglaublich bedrückend. Man sieht nichts außer der Mauer, und zwischendrin die Wachtürme mit Kameras und Soldaten. Das war ich von Deutschland nicht gewohnt.
Sind Sie mal in Berlin gewesen?
Sarah Stooß: Natürlich nicht als dort die Mauer stand, da war ich noch nicht geboren. Aber ich habe die bunten Mauerstücke gesehen, die übrig geblieben sind. Doch das kann ich nicht wirklich vergleichen. Das ist jetzt nicht so beklemmend. Aber viele, die die Mauer in Berlin erlebt haben, sagen, es würde sie daran erinnern und es sei furchtbar.
In Palästina kann man den Konflikt viel schlechter verdrängen als in Israel, schreiben sie. Wäre es angenehmer, wenn man ihn verdrängen könnte?
Sarah Stooß: Ja auf jeden Fall. Wenn man in Bethlehem lebt, sieht man jeden Tag die Mauer. Es ist alles von den Israelis kontrolliert. Man kann sich nicht frei bewegen. Wenn man von Bethlehem nach Ramallah möchte, was in 20 Minuten erledigt wäre, muss man eine Zwei-Stunden-Fahrt auf sich nehmen. Der Weg heißt Höllental und er ist es auch. Ramallah ist aber der Sitz der Autonomiebehörde und man muss ab und zu dorthin. Die Palästinenser sind abhängig. Sie können nicht einfach ans Meer fahren. Aber wenn man in Tel Aviv lebt, ist es wie in Europa: Es gibt viele junge Leute, es herrscht ausgelassene Stimmung und man kann an den Strand gehen. Klar. Man hat hin und wieder Angst. Aber es gibt so viele Orte, wo man das Leben genießen kann oder man kann irgendwo hinfliegen.
Ist es schwer, sich auf Land und Leute einzulassen, wenn man immer auf den Palästina-Konflikt stößt und merkt, wie er die Menschen verändert?
Sarah Stooß: Ja schon. Ich habe daher auch bereut, dass ich nicht vorher eine Sightseeing-Tour durch Israel gemacht habe. Denn wenn man sich mit Palästinensern angefreundet hat, hat man das im Hinterkopf. Wenn man den Strand in Israel genießt, denkt man immer: Meine Freude in Bethlehem dürfen das nie machen, obwohl sie so nah wohnen. Ich dagegen bin fremd und kann machen, was ich will.
Sie erzählen einmal, wie Sie auf dem Dach sitzen und weinen. Ist das Land zum Weinen?
Sarah Stooß: An dem Abend ging es mir schlecht. Es war einfach eine heile Welt, in der ich aufgewachsen bin. Und dann ist man zum ersten Mal im Leben so ohnmächtig. Man wollte so viel verändern und findet kein Gehör, weil man viel zu klein ist in dieser großen Maschinerie, wo ganz andere Interessen verfolgt werden als die, die der Sache dienlich wären. Und man ist nur so eine kleine Volontärin, die gehofft hat, dass sie die Welt verändern könnte. Manchmal stößt man an seine Grenzen und stößt an eine Mauer, nicht nur an die echte, sondern auch die in seinem Kopf. Dann braucht man eine Pause.
Sie schreiben auch, Sie erwarteten Palästinenser und fanden Menschen. Da hat sich in Ihrem Kopf etwas getan. Was war die größte Veränderung?
Sarah Stooß: Was ich am meisten hörte, war: In Palästina leben doch die ganzen Terroristen, und Frauen sind dort total unterdrückt. Und dann ist man da und lernt die Leute kennen. Und erhält zehn SMS am Tag, in denen man gefragt wird, ob es einem gut geht, und man fühlt sich bedrängt. Aber irgendwann, wenn man sich darauf einlässt, weiß man, dass es nett gemeint ist und aus Sorge passiert. Es sind Menschen wie in Deutschland auch. Sie haben eine andere Art und Weise zu denken, aber sie fühlen genauso wie wir und freuen sich, wenn die Sonne scheint. Und es ist nicht so, dass sie alle nur Krieg wollen. Viele sind auch müde von ihrer Situation.
Haben Sie sich selbst verändert?
Sarah Stooß: Schwer zu sagen. Ich habe mich auch seither wieder verändert. Aber ich habe gelernt, dass es sich lohnt zuzuhören, auch wenn man denkt, der hat eh nichts zu sagen. Man muss bereit sein zuzuhören, auch wenn man ein Bild von den Leuten im Kopf hat. Man darf nicht aufhören nachzufragen. Man muss versuchen, manche Dinge durch die Augen einer Person zu sehen. Dann hat man mehr Verständnis.
Sie studieren jetzt Theologie. Ein großes Konfliktpotenzial in Palästina ist die Religion. Welche Rolle soll Religion spielen?
Sarah Stooß: Ich hatte mir schon vorher überlegt, ob ich Theologie studieren soll, und als ich dort war, da sagte ich mir: O nein, das kann ich auf keinen Fall machen. So viel Schlechtes, was im Namen der Religion passiert ist, da möchte ich nicht auch noch mitmachen. Dann habe ich mir aber überlegt: Es ist auch wichtig zu erkennen, dass Schlechtes passiert ist, weil Menschen es aus der Religion gemacht haben. Religion kann auch etwas Schönes und Verbindendes sein.
Man muss aber genau zuhören, was der andere meint?
Sarah Stooß: Ja klar, Religion ist nicht nur Bezug nach oben zu Gott, sondern auch zu seinem Mitmenschen, zu seinem Nächsten. Und wenn in der Nähe gerade ein Jude oder Moslem ist, dann ist das mein Nächster.
Die Fragen stellte Alexander Schweda
Buch-Tipp
Ihre Erlebnisse und Erfahrungen als Freiwillige im Nahen Osten hat Sarah Stooß in einem Buch zusammengefasst:
Sarah Stooß: Hinter der Mauer leben. Ein Jahr Freiwilligendienst in Palästina, Verlag und Buchhandlung der Evangelischen Gesellschaft, Stuttgart 2011, 144 Seiten, 12,90 Euro.
ISBN 978-3-920207-61-2
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