Christliche Themen für jede Altersgruppe

Abendmahl als Aktionskunst

STUTTGART – „Mahl ganz anders“ heißt ein Theaterprojekt, das das Abendmahl am Gründonnerstag zu den Menschen auf die Straße bringt. Jedes Jahr in einer anderen Stadt. 2019 zogen die Abendmahls-Darsteller durch Stuttgart. 

Skateboard und Abendmahl: An der Paulinenbrücke sitzen die Darsteller mitten im städtischen Geschehen
(Foto: Dorothee Fauth)


Marienplatz Stuttgart, 13 Uhr. Plötzlich sind sie da. Im Gänsemarsch kommen 13 Menschen aus der U-Bahn-Station, jeder mit einem Klappstuhl in der Hand. Ohne ein Wort zu sagen, stellen sie zwei Tapeziertische auf, legen ein weißes Tuch darüber und decken ein Mahl aus Wasser, Brot und Trauben. Sie setzen sich an die lange Tafel, fangen an zu essen und munter zu palavern, bis die Szene mit einem Mal einfriert – zu einem lebenden Bild.

Diesen Artikel jetzt im EVG-ePaper lesen

Die Sonne strahlt dazu und verschenkt ein ungetrübtes, heiteres Himmelsblau, als Jesus mit seinen Jüngern zum letzten Abendmahl zusammenkommt. Wie das vor 2000 Jahren war, lässt sich nicht belegen. Der vergangene Gründonnerstag jedenfalls war einer jener Tage, die sich sommerlich leicht und sorgenfrei anfühlten. „Eins, zwei, drei...“, zählt ein Passant und reißt freudig die Augen auf, als er das Bild erkennt: Es ist Leonardo da Vincis Abendmahl.

„Mahl ganz anders“ heißt das Theaterprojekt, das Frank Muchlinsky vom Online-Portal „evangelisch.de“ mit Laiendarstellern vor acht Jahren zum ersten Mal aufführte. Entstanden sei die Idee im Hamburger Kneipenrestaurant Schweinske, erzählt der Pfarrer. „Dort steht ein langer Tisch, und wir sprachen darüber, wie schön es wäre, hier oder in anderen Restaurants einmal Abendmahl zu feiern.“ Doch bei laufendem Betrieb erwies sich das als nicht realisierbar. Also beschlossen sie, damit auf die Straße zu gehen und das berühmte Gemälde nachzustellen. An schönen und nicht so schönen Orten, belebten und weniger belebten. 2011 in Hamburg, 2019 in Stuttgart – und parallel in anderen Städten wie Pforzheim, Darmstadt, Berlin. Das letzte Abendmahl als „Flashmob“, als Kunstaktion in der Öffentlichkeit.

„Wir wollen diesen etwas komischen, aber wunderschönen Feiertag bekannter machen“, sagt Muchlinsky, „diesen intimen Moment des gemeinsamen Essens zu den Menschen bringen.“ Dabei noch einmal Atem holen vor dem kirchlichen Feiermarathon. Dass die Idee von anderen aufgegriffen wird und sich seither immer weiter ausbreitet, findet Frank Muchlinsky großartig. „Das Abendmahl soll allen gehören“, sagt er und fügt hinzu: „Wir müssen uns dazu ordnungsgemäß als Demo anmelden.“

Da Vincis Abendmahl, das dieser Ende des 15. Jahrhunderts für das Mailänder Dominikanerkloster Santa Maria delle Grazie schuf, gilt als Meilenstein der Renaissance-Malerei und Höhepunkt von Leonardos malerischem Schaffen. Die Szene vibriert geradezu vor Erregung. Eben hat Jesus die Worte gesprochen, die im Matthäusevangelium hinterlegt sind: „Wahrlich ich sage euch, einer unter euch wird mich verraten“, und das Entsetzen ist durch die lebhafte Gestik der zwölf Jünger festgehalten. Nur Judas starrt Jesus wie versteinert an.

In genau diesen Gesten und Gruppierungen verharrt das Ensemble, das sich hauptsächlich aus Stuttgartern sowie Darstellern aus der Region zusammensetzt. Sofort entsteht eine besondere Spannung und ein bildhaftes Ganzes. Währenddessen werden Karten mit da Vincis Abendmahl an die Passanten verteilt. „Es sind sogar die gleichen blauen Teller“, freut sich ein junger Mann. Dann schwillt ein mehrstimmiger Ton an, lauter und lauter – und bricht mit einem krachenden Schlusspunkt ab: Judas hat den Geldsack auf den Tisch gehauen und geht. Am Ende bleibt Jesus allein zurück, versunken in Trauer und Gebet.

Einige Zuschauer verharren mit offenem Mund, andere halten das Geschehen mit dem Smartphone fest. Auch das ist Abendmahl im 21. Jahrhundert: Pixel statt Pinsel, und eine Tischgemeinschaft, die sich aus acht Frauen und vier Männern zusammensetzt. Jesus wusste bis zu den ersten gemeinsamen Proben nicht, dass er Jesus sein wird. Er heißt Rahel Kleinwächter. „Wir haben unsere Rollen am Abend vorher ausgelost“, sagt sie, nachdem die Tafel aufgehoben und alles wieder eingepackt ist.

Im Gänsemarsch zieht die Truppe weiter durch die Stadt, für acht weitere Aufführungen an verschiedenen Stationen. Immer die gleiche Szene. Sie zieht vom Marienplatz zur Paulinenbrücke, wo wenig Publikum wartet und die meisten Passanten im Alltagstunnel das Geschehen kaum eines Blickes würdigen an diesem für viele so gewöhnlichen Gründonnerstag. Claudius Griget alias Judas erzählt: „Es ist etwas verrückt, aber letztes Jahr war ich Jesus.“ Seine Rolle als Verräter gefällt ihm. „Judas war ja eine ambivalente Figur“, sagt er, „das, was danach passierte, wollte er so bestimmt nicht. Und die Szene mit dem Geldsack macht wirklich Spaß.“

Manchmal müssen wir uns auch querstellen und durchsetzen, hatte Frank Muchlinsky gesagt, und als hätte das Schicksal zugehört, passiert an der U-Bahn-Unterführung La Plaza am Rotebühlplatz der erste (und einzige) Zwischenfall. „Das ist Privatgelände, hier dürfen Sie nicht sein“, erklärt ein Wachmann, lässt sich auf keine Verhandlungen ein und schmeißt Jesus und seine Jünger kurzerhand raus.

Hospitalkirche (mit der schönsten Kulisse), Königstraße, Schlossplatz. Schnell wird klar, dass die Aufführung einem dramaturgischen Höhepunkt zustrebt. Im Gewimmel der Haupteinkaufsmeile, zwischen einem Marktschreier und Artisten, stehen nicht nur „Fans“, die extra gekommen sind. Hier bildet sich erstmals ein dichter Halbkreis aus Passanten. Immer mehr bleiben neugierig stehen. „Das ist so toll“, sagt eine Frau, die mit Mann und Kindern hier ist.

Was man wohl am wenigsten erwartet hätte: Vor allem junge Menschen interessieren sich für die „coole Aktion“ – und auch einige Muslime. Sie lassen sich das Bild Leonardo da Vincis und die Bedeutung des Abendmahls erklären und verabschieden sich mit „Frohe Ostern“. Hinter dem Abendmahl marschiert singend eine Gruppe Hare-Krishna-Anhänger vorbei.

Meike Jacobs und Matthias Binder, beide Theologen aus Cannstatt, begleiten die Theatergruppe über viele Stationen. „Ich liebe diese Szene, und ich liebe den Gründonnerstag“, sagt Matthias Binder. Sie haben bewusst etwas Besonderes gesucht für diesen Tag, „an dem alles noch normal war“. Sich vielleicht genauso unbeschwert anfühlte wie der frühlingshafte Gründonnerstag 2019. Doch er sei so etwas wie die Stunde Null vor dem großen Unglück gewesen, das einen jeden Tag völlig unerwartet treffen kann, sagt Meike Jacobs auf dem Schillerplatz vor dem Restaurant Alte Kanzlei, wo die Zuschauer unter Schirmen quasi auf Logenplätzen sitzen.

Aufbau, Spiel, Bild, Abbau, Weiterziehen – für die Darsteller hat das einen meditativen Rhythmus, der sie in ihrer Rolle bleiben lässt. Auch wer das Spiel mehrfach erlebt, ist jedes Mal von Neuem gebannt, wenn die Szene einfriert und zuckt innerlich zusammen in dem Moment, in dem Judas das Abendmahl mit einem Knall beendet.

Leonhardskirche Stuttgart, 18 Uhr. Mit einem Gottesdienst am Abend in der gastgebenden Gemeinde, wo das Ensemble ein letztes Mal auftritt, endet die Tournee auf Stuttgarts Straßen und Plätzen. „Die meisten Reaktionen auf unser Spiel sind positiv“, zieht Frank Muchlinsky Bilanz. „Wir haben uns aber, und das ist nicht nur dahingesagt, noch nie so willkommen gefühlt wie in Stuttgart.“