Christliche Themen für jede Altersgruppe

Abschiebung trotz Ausbildung

TUTTLINGEN – Der 26-Jährige Kameruner Moise Keptchouang sollte abgeschoben werden, obwohl er einen Ausbildungsplatz hat und seine Firma ihn halten will. Dank des Kirchenasyls in Tuttlingen bekam er Aufschub – und letztlich eine vorläufige Aufenthaltsgenehmigung. Bleibt die Frage, warum immer wieder Menschen abgeschoben werden, die der Arbeitsmarkt dringend braucht.


Moise Keptchouang beim Lernen: Seine Firma schätzt den Handwerker sehr, trotzdem wäre er beinahe abgeschoben worden.

Als Moise Keptchouang vor zweieinhalb Jahren in Tuttlingen ankam, war schnell klar, dass der junge Mann etwas will und kann. Schneller als die meisten anderen konnte er Deutsch und zeigte sich auch sonst äußerst interessiert an den Dingen. In dieser Zeit lernte er Stadtpfarrer Jens Junginger und seine Frau kennen. „Es entstand ein Vertrauensverhältnis“, sagt Junginger. 

So gut er sich integrierte, so schlecht lief es mit seinem Asylantrag. Er war nicht wirklich stichhaltig und Moise einer, der einfach auf der Suche nach einer guten Ausbildungsstelle war. Die führte ihn zur Firma Nann in dem Dorf Böttingen, ein Hersteller von Spannwerkzeugen für den Automobilbereich. Er bekam einen Ausbildungsvertrag als Verspanungsmechaniker, eine Tätigkeit, für die die Firma „händeringend Personal sucht“, wie Inhaber Klaus Nann betont.

Was dann passierte, verschlug auch dem Firmenchef die Sprache. Obwohl die Ausländerbehörde in Tuttlingen dem Arbeitsverhältnis zugestimmt hatte, veranlasste das Regierungspräsidium Freiburg die Abschiebung des Kameruners. Morgens um acht tauchten Polizeibeamte in der Firma Nann auf, um Moise mitzunehmen.

Der aber entzog sich der Verhaftung und flüchtete – in die Stadtkirche nach Tuttlingen, wo ihm schon einmal geholfen wurde. Es war der Beginn eines fünfwöchigen Kirchenasyls, das zum Glücksfall für Moise Keptchouang werden sollte. In dieser Zeit nämlich konnte das Verfahren wieder aufgerollt und Einspruch beim Verwaltungsgericht geltend gemacht werden. Mit Erfolg – inzwischen hat der 26-Jährige laut Klaus Nann eine Ausbildungsduldung bekommen. Er darf seine Lehre bei der Firma zu Ende bringen.

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Gleich mehreren Menschen fiel damit ein Stein vom Herzen. Neben Firmenchef Klaus Nann war es auch die Pfarrfamilie Junginger und Dekan Sebastian Berghaus. Berghaus und Junginger hatten in enger Abstimmung das Kirchenasyl gewährt, „nicht um das Recht zu beugen,“ wie der Dekan betont, „sondern um dem Verfahren ein Chance zu geben.“

Moise wohnte derweil erst in der Kirche und später im evangelischen Gemeinhaus, wo eine Wohnung freigeworden war. Die Jungingers halfen ihm dabei nach Kräften, auch der Kirchengemeinderat stellte sich geschlossen hinter die Hilfsmaßnahme für den jungen Kameruner. In der Öffentlichkeit wurden derweil immer mehr Stimmen laut, die die Frage stellten, warum Menschen mit einem Arbeitsplatz abgeschoben werden, während es bei anderen offenbar nicht gelingt.


Das fragt sich auch Moises Arbeitgeber Klaus Nann schon seit geraumer Zeit. Besonders hat er sich darüber gewundert, wie sehr die Behörden aneinander vorbeiarbeiten: „Da weiß die linke Hand nicht, was die rechte tut.“ Reine Willkür sei das, was hier passiere. Und völlig unverständlich angesichts der Tatsache, dass man gut integrierte Menschen auf dem Arbeitsmarkt dringend brauchen könne.


Jetzt ist er erst mal froh, dass sein Mitarbeiter bis zum Ende der Ausbildungszeit bleiben kann. Danach hofft er auf eine „veränderte Rechtslage“, damit er ihn weiterbeschäftigen kann. Dagegen hätte auch Pfarrer Jens Junginger rein gar nichts einzuwenden. Mit dem Kirchenasyl hat Moise jedenfalls noch einmal die Chance bekommen, auf die alle letztlich gehofft haben.

Was ist Kirchenasyl?

Kirchenasyl ist keine rechtliche Kategorie. Juristisch besteht kein Unterschied, ob  jemand in eine Kirche oder in einen Privathaushalt flüchtet. Tatsächlich gibt es jedoch eine stillschweigende Übereinkunft zwischen Staat und Kirche, in begründeten Ausnahme- und Härtefällen nicht einzugreifen, wenn jemand in kirchlichen Räumen vorübergehend Zuflucht sucht. Das ist durchaus nicht unumstritten: So hat etwa der frühere Bundesinnenminister Thomas de Maiziére 2015 die Praxis des Kirchenasyls vehement kritisiert.  Die Geschichte des Kirchenasyls geht dabei bis in die Antike zurück, als Menschen in den heiligen Bezirk eines Tempels flüchteten, um der Verfolgung zu entgehen. Auch die Attentäter des SS-Manns Reinhard Heydrich suchten in  kirchlicher Umgebung Unterschlupf, ebenso wie Erich Honecker, der nach der Wende in einem Pfarrhaushalt wohnte.