Christliche Themen für jede Altersgruppe

Alle kommen als Pflegefall zur Welt

Es ist nicht nur die Angst vor der Gebrechlichkeit, die Menschen umtreibt, die Angst vor Schmerzen oder vor dem Alleinsein. Es ist auch der Satz: „Ich will niemandem zur Last fallen“, der Familienangehörige quält. Und doch wird es manchmal so sein. 

Hilfe annehmen, die ausgestreckten Arme dankbar ergreifen und mithelfen so gut es geht: Das ist eine Kunst des Alters. (Foto: epd-Bild)

Wir kommen als Pflegefall zur Welt. Bedürftig, schwach, ohne Zähne, oft auch ohne Haare. Wir werden in Windeln gewickelt und müssen gefüttert werden. Zu Beginn unseres Lebens sind wir vollständig auf Fürsorge angewiesen. Dass sich auf der letzten Wegstrecke des Lebens der Kreis schließt und wir womöglich wieder auf Pflege und Fürsorge angewiesen sind, das ist für 82 Prozent der Bundesbürger die größte Sorge für die persönliche Zukunft.

Bei einer im Jahr 2013 durchgeführten Umfrage zu den größten Ängsten der Deutschen stand die Pflegebedürftigkeit im Alter auf Platz drei der Ängste. Aktuell von Pflegebedürftigkeit betroffen sind laut Angaben des statistischen Bundesamtes 2,4 Millionen Menschen Gut ein Drittel davon befindet sich in stationärer Dauerpflege.

„Dass meine Kinder sich jetzt an den Kosten für das Seniorenheim beteiligen müssen, ist mir ganz schrecklich“, erzählt die 92-jährige Edelgard Jaeger. Nach einem Sturz musste sie ihre Wohnung und ihr selbstständiges Leben aufgeben. Jetzt erlebt sie, dass ihre Rente fürs Seniorenheim nicht ausreicht. Ihr Erspartes hatte sie bis auf eine Summe für ihre Beerdigung schon vor Jahren an Kinder und Enkel verschenkt. „Dass meine Kinder jetzt für mich zahlen sollen, das fällt mir genauso schwer, wie beim Pflegepersonal um alles bitten zu müssen“, gesteht die geistig völlig klare Seniorin.

Der Satz, den eine Freundin ihr ans Herz gelegt hat, widerstrebt ihr. „Ich bin berechtigt Hilfe anzunehmen“, lautet er. „Du musst Einspruch gegen die innere Stimme erheben, die dir einflüstert: Du bist eine Last für die anderen“, hatte ihre Freundin sie eindringlich gebeten. „Du warst in deinem Leben viel für deine Kinder da – jetzt sind sie einmal an der Reihe“, argumentierte die Freundin.

Dennoch ist es für die 92-Jährige echte Seelenarbeit, das alte Muster „Ich schaff das schon alleine“ abzulegen und Hilfe anzunehmen. „Morgens, mittags und abends sage ich mir vor, dass ich berechtigt bin, Hilfe anzunehmen. Mal sehen, wann ich ihn glaube“, lacht sie.

Edelgard Jaeger ist kein Einzelfall. Genau wie sie empfinden viele Menschen ihrer Generation: Lieber geben als nehmen, lieber für andere sorgen als selbst versorgt werden müssen. Die Probleme alleine regeln, auf niemanden angewiesen sein, das haben sie ihr Leben lang trainiert. Im Alter das Nachlassen der Kräfte einzugestehen, die eigene Endlichkeit anzunehmen und sich dabei die dankbare Freude an dem, was jetzt und heute noch möglich nicht vom Morgen verdunkeln zu lassen, das ist eine der Aufgaben, die sich im Alter ganz neu stellt.

Denn ohne sich dessen bewusst zu sein, haben viele Menschen sich das heimliche, oder soll man besser sagen, dass „unheimliche“ Leitmotiv unserer ganz auf Schaffenskraft, Jugendlichkeit und Leistung ausgerichteten Gesellschaft zu eigen gemacht: Fit und faltenfrei bis kurz vor 90 und dann möglichst geräuschlos abtreten, ohne jemandem zur Last zu fallen.

Im Alter vom Gesetz der Leistung Abschied zu nehmen – dabei kann die Grundaussage des Evangeliums eine wichtige Hilfe sein. Denn die christliche Botschaft setzt ein Gegengewicht zu unserer Leistungsgesellschaft. In dieser Leistungsgesellschaft leben wir nach dem Motto: „Ich bin wert, was ich leiste.“ Im Umkehrschluss heißt das womöglich: „Wer nichts leistet, ist nichts wert.“ Das Evangelium aber sagt: „Du bist ein von Gott geliebter Mensch – jenseits deiner Leistung. Du bist aller Liebe wert.“

Wie befreiend könnte es sein, danach schon in jungen Jahren zu leben. Spätestens im Alter ist es an der Zeit, den Zwang zur Leistung abzulegen und einen Lebensstil der gelassenen Hingabe an Gott einzuüben. Gerade im Schwächerwerden der eigenen Möglichkeiten, im Nachlassen von Kräften und Initiativen liegt die Herausforderung einer vertrauensvollen Hinwendung zu Gott.

Natürlich entspricht diese geistliche Haltung auch einer ganz praktischen, lebensklugen Rückseite: Die allermeisten Menschen möchten ihr Leben in der eigenen Wohnung in der vertrauen Umgebung beschließen. Mit Blick auf Hilfsbedürftigkeit und Pflege im Alter sollte deshalb das Wohnumfeld rechtzeitig – möglichst in gesunden Tagen – in Augenschein genommen und wo es finanziell und räumlich möglich ist, altersgerecht umgebaut werden. Vom Einbau der randlosen Dusche bis zum Treppenlift könnte die Palette reichen. In manchen Fällen wird sogar ein Umzug zu erwägen sein.

Das kostet natürlich Geld – genau wie die Inanspruchnahme von Leistungen eines ambulanten Pflegedienstes, der über die von der Pflegekasse bezahlten Dienste hinausgeht. Und auch eine Pflegekraft, die ganztägig ins Haus kommt, ist nicht zum Nulltarif zu haben. Auch wenn es schwer fallen mag, weil man doch den Kindern so gerne etwas vererben wollte, kann es nötig sein, vorhandene Rücklagen anzugreifen, um sich nötige Hilfe „einzukaufen“. Eventuell kann auch ein Gespräch mit den Erben Klarheit schaffen.

Auch dafür, dass Angehörige die Pflege übernehmen, müssen die Voraussetzungen stimmen. Als kommunaler Fachberater für häusliche Pflege kennt Altenpfleger und Diplompsychologe Axel Ganter die Belastungen, die eine häusliche Pflege mit sich bringt. Schon im Vorfeld, wenn die Entscheidung über eine Pflege noch gar nicht akut ist, so rät er, sollte offen über die gegenseitigen Erwartungen gesprochen werden:

Was können und wollen Kinder zeit- und kräftemäßig leisten? Besteht eine tragfähige liebevolle und warmherzige Beziehung oder gibt es alte Konflikte, die angesehen und bearbeitet werden müssen? „Wo das emotionale Fundament nicht in Ordnung ist, wird es mit der Pflege schnell schwierig“, weiß Ganter.

Auch über Geld sollte in der Familie geredet werden:

  • Wie hoch ist das Pflegegeld?
  • Welche Leistungen stehen Angehörigen rechtlich zu?
  • Soll es eine finanzielle Entschädigung geben, etwa indem die Rente oder das Pflegegeld an die Hauptpflegeperson geht?
  • Gibt es Geschwister, die sich an der Pflege beteiligen oder finanziell dazu beitragen, dass bezahlte Hilfe stundenweise Entlastung schafft?
  • Gibt es ein Testament, eine Patientenverfügung und eine Vorsorgevollmacht?

Diese Fragen anzusprechen, kann helfen, sich nicht ausgeliefert und hilflos zu fühlen, wenn der gefürchtete Pflegefall eintritt. Eines jedoch bleibt: Wo die körperlichen und geistigen Kräfte abnehmen, wächst die Herausforderung, Hilfe anzunehmen. Das haben viele Menschen nicht gelernt. Wir haben ein Leben lang trainiert, ohne Hilfe zurecht zu kommen. „Ich schaff’ das schon, ich schaff das ganz alleine“, lautete die Lebensmelodie. Im Alter besteht die Chance, ein neues Lied zu lernen: „Befiehl du deine Wege und was dein Herze kränkt der allertreusten Pflege des, der den Himmel lenkt.“ (Gesangbuch Nummer 361)

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