Christliche Themen für jede Altersgruppe

Alle Morgen neu - Impuls zur Predigt

Lukas 17,5-6 Und die Apostel sprachen zu dem Herrn: Stärke uns den Glauben! Der Herr aber sprach: Wenn ihr Glauben hättet wie ein Senfkorn, würdet ihr zu diesem Maulbeerbaum sagen: Reiß dich aus und verpflanze dich ins Meer!, und er würde euch gehorsam sein.

Alle Morgen neu

Impuls für den 16. Sonntag nach Trinitatis: Klagelieder 3,22-26.31-32.

Von Martin Mohns

Martin Mohns ist Pfarrer in der Evangelischen Kirchengemeinde Kornwestheim. Foto: Friedrich Rexer

Immer, wenn wir in unserer Gemeinde zu einer Trauerfeier zusammenkommen, begegnen mir diese Verse aus den Klageliedern. Groß und dick gedruckt stehen sie auf dem mächtigen Kirchenfenster, dem ich während des Gottesdienstes gegenübersitze. Durch die typografische Gestaltung entsteht in mir der Eindruck: Diese Verse stehen da wie ein Bollwerk gegen die Perspektivlosigkeit. Durch seine gewaltigen Dimensionen von 3,85 Metern Breite und 5,59 Metern Höhe erlebe ich: Es gibt eine Hoffnung, die größer ist als ich. Jedes Mal, wenn ich zu Beginn der Trauerfeier Platz nehme und das Fenster betrachte, werden mir diese Worte zugesprochen. Daraus schöpfe ich Kraft, denn manche Sätze kann ich mir nicht selbst sagen.

Martin Mohns, Pfarrer in der Evangelischen Kirchengemeinde Kornwestheim.  Foto: Friedrich RexerDie Klagelieder haben eine Sonderstellung im Alten Testament. Nach der Zerstörung Jerusalems und der Deportation nach Babylonien wird die Frage laut, ob überhaupt noch auf einen Neubeginn gehofft werden darf. Irmgard Weth hält in ihrem Kommentar zum Alten Testament fest: „Die Klagelieder [...] fordern dazu auf innezuhalten, sich der trostlosen Situation zu stellen und im Ringen mit Gott auf seine Antwort zu warten.“ In den Klageliedern kommen die zu Wort, die in den Trümmern Jerusalems zurückgeblieben sind. „Im vielstimmigen Chor der Zeugen Gottes ist ihre Stimme unverzichtbar: weil sie die Geschehnisse nicht aus der Sicht der Sieger, sondern der Leidtragenden schildern. [...] weil sie ihre Leiderfahrung nicht verdrängen, sondern ihr [...] eine Sprache geben; weil sie hinter dem richtenden Gott den gnädigen Gott erkennen und bezeugen.“

Es gibt Momente, da können einem diese Worte vorkommen wie purer Hohn. Gottes Güte ist alle morgen neu und seine Treue ist groß. Darauf müssen wir doch „einfach nur“ vertrauen, dann wird schon alles gut werden. Es klingt deshalb wie Hohn, weil es in diesen Momenten unsere wahre Situation verkennt. Vielleicht versucht eine liebe Person, uns damit aufzubauen. Aber solche Worte anzunehmen von denen, die nicht in derselben Lage stecken, denen es womöglich gerade sogar richtig gut geht – das fällt schwer.

Bollwerk gegen die Perspektivlosigkeit

Nein, das spendet keinen Trost. Trost spendet die Tatsache, dass diese Worte von Menschen verfasst wurden, die genauso ohnmächtig waren, wie wir es in solchen Momenten sind. Von Menschen, die wie durch ein Wunder erfahren: Aller Zerstörung, allem Zweifel und allem Tod zum Trotz ist meine Hoffnung nicht totzukriegen.

Oft blicke ich ratlos in die Welt. Ich lese von Krieg, Machtmissbrauch, Lebensgefahr, Todesangst und Flucht. Von Menschen, die alles hinter sich lassen müssen und statt auf Mitgefühl auf Feindseligkeit treffen. Ich lese von Menschen, die weit weniger privilegiert sind als ein männlicher, weißer 35-jähriger Pfarrer, und von solchen, die sich ihrer Privilegien gar nicht bewusst sind. Ich lese von Menschen, die sich ohne Rücksicht auf Mensch und Natur bereichern. Ich begegne Menschen, die einen geliebten Menschen gehen lassen müssen und nicht wissen, wie es nun weitergehen soll.

Dann will ich mich unter das große Kirchenfenster setzen. Ich will mich festhalten an diesem erfahrungsgesättigten Bollwerk der Zuversicht: Die Güte des Herrn ist’s, das wir nicht gar aus sind, seine Barmherzigkeit hat noch kein Ende, sondern sie ist alle Morgen neu, und deine Treue ist groß.

Licht bricht durch die Dunkelheit. Foto: unsplash/ZwaddiFoto: unsplash/Zwaddi

Gebet

Gott, du Gütiger.
Gott, du Barmherziger.
Deine Liebe kennt kein Ende.
Sie bleibt immer noch bestehen.
Sie durchdringt die dicksten Wände,
damit wir Licht statt Schatten sehen.
Deine Liebe bringt die Wende.
Amen.

 

Martin Mohns ist Pfarrer in der Evangelischen Kirchengemeinde Kornwestheim. Foto: Friedrich Rexer