Christliche Themen für jede Altersgruppe

Alle packen an – das zählt

Es ist ein Abenteuer. Für alle Beteiligten. Für die Kirchengemeinden, die so etwas noch nie gemacht haben und für die Profis, die immer im Wohnwagen schlafen und immer vor neuen Fragen stehen. Vier Mal im Jahr schlägt die Zeltkirche in Württemberg ihre Pflöcke ein.


Bis das 20-mal-35-Meter-Zelt steht, müssen alle Hand anlegen. (Foto: privat)


Auch hier in Ditzingen-Schöckingen, wo die Zeltkirche auf dem Sportplatz steht, weiß man, wer Geld zuschießt: Vor dem Platz stehen Autos mit der Aufschrift eines Autohauses. Eine Kamin-Firma hat ihren Werbe-Anhänger auf dem Parkplatz abgestellt.

Wie entsteht der Impuls, sich die Zeltkirche ins Haus zu holen? Die meisten hätten Vorerfahrungen, meint Wingert. Entweder sei die Veranstaltung mal in der Nähe gewesen oder der Pfarrer habe in seiner vorherigen Gemeinde das Projekt schon einmal gemacht. Auf jeden Fall brauche man eine Begegnung mit der Zeltkirche. „Sonst kann man sich das gar nicht vorstellen, was wir machen“, sagt Zeltpfarrer Wingert.

Entscheidend ist für ihn dabei, allen sofort sein Konzept klar zu machen: Es geht ihm um Glauben, „aber nicht konfrontativ, sondern einladend“. Im Klartext: Er will keine Billy-Graham-Evangelisation, aber auch keine evangelische Erwachsenenbildung. „Wir stellen ein Kreuz auf, aber wir wollen gemeinsam mit anderen ein Fest feiern“, sagt Wingert.

Im Zentrum steht dabei, Beziehungen zu verändern oder neu zu knüpfen. Und daher fordert er von den Gemeinden, an ihre Grenzen zu gehen. Er nennt es „die Wohlfühlzone verlassen“. Das Ende der Wohlfühlzone kann sich darin zeigen, dass die Stühle jeden Tag abgebaut und Teppiche gesaugt werden, dass mit den Vereinen über Alkohol diskutiert wird oder Aufstuhlpläne gelesen werden. Und praktisch veranlagte Gemeinden sind gefordert, einen theologischen Abend zu moderieren.

Wingerts Blick geht erneut zum Himmel. Ein wenig trockeneres Wetter wäre ihm schon recht. Trotz des Regens seien aber zum Vortrag des Wetten-dass-Unfallopfers Samuel Koch 1000 Leute gekommen, von denen viele vor dem Zelt im Regen zuhörten, weil es innen keine Plätze mehr gab. Dennoch will Thomas Wingert die Wirkung der Zeltkirche nicht nur daran messen, wie viele Besucher kommen, sondern ob sich danach Beziehungen verändert haben.

Deshalb ist es ihm auch wichtig, dass sich im Vorfeld ein gutes Kernteam findet. „Es müssen Leute sein, die begeistert sind“, sagt er. Der Proporz, wer aus welcher Gruppe komme, dürfe keine Rolle spielen.

Und ganz wichtig: Der Ortspfarrer darf nicht das Kernteam leiten. Denn dessen Aufgaben gehen während der Zeltkirche weiter. Dort würde er aber jeden Tag gebraucht. Es sei außerdem die große Chance, dass auf einmal Manager bei Daimler oder Bosch eine Aufgabe in der Kirchengemeinde übernehmen würden, obwohl sie sonst selten im Gottesdienst seien. In einem Fall habe ein Ehepaar die Leitung übernommen, das zuvor in der Freikirche engagiert war, obwohl es zur Landeskirche gehörte, erzählt Wingert.

Es klopft. Eine Frau im Regenmantel hat eine Frage. Wie sollen die Tische heute Abend aufgebaut werden? Ist der Zeltmeister da? Nein, der Zeltmeister ist erst morgen wieder da. Zur Not könne man ihn anrufen.

Bis zu 46 Veranstaltungen müssen in den 15 Tagen geplant und ausgeführt werden. Jeder Handgriff muss überlegt sein. „Eine Kirchengemeinde hat da auch die Chance, ihren Charakter zu erkennen“, sagt Wingert. Ist sie mehr praktisch veranlagt oder sehr fromm? Wo liegen die Stärken? In einer Gemeinde habe das Team beschlossen, eine dem Zelt nahe gelegene Vinothek gleich mitzumieten, So können Besucher in gewissem Abstand beim Kaffee oder Glas Wein die Sache erst mal beobachten.

Grundsätzlich hält das Zeltkirchenteam drei verschiedene Veranstaltungsformate als Muster bereit, an denen man sich orientieren kann. Vier Vereinsabende mit Wingert und der Abschlussabend als Thomasmesse seien fix im Programm.

Es gebe natürlich Gemeinden, die alles aushebeln und schließlich den Eröffnungsgottesdienst in der Kirche machen, weil das Zelt noch durch Proben belegt ist. Andere wiederum gehen auf die Situation vor Ort ein, lassen die Eröffnung ausfallen und gehen stattdessen mit dem Dorf auf die Maiwanderung mit. Und da ist Thomas Wingert auch schon bei den Fehlern angelangt, die es zu vermeiden gilt: nämlich etwas gegen die Ortskultur zu unternehmen, zu wenig miteinander zu reden und zu kleinlich zu denken. Dazu kommt die dringende Ermahnung Wingerts, sich in Wahrnehmung zu üben. Eine Gemeinde zum Beispiel habe schlicht nicht gesehen oder sehen wollen, dass sich im Umfeld der Zeltkirche viele Obdachlose aufhielten. „Da hätte man einen Sozialarbeiter abstellen müssen“, sagt Wingert heute.

Der Platz hier in Schöckingen scheint gut gewählt. Am Ortsrand gelegen sind auch lautere Veranstaltungen möglich, die Beschilderung ist so ausführlich, dass man von überall in Schöckingen zur Zeltkirche findet. Wenn man Plätze in der Ortsmitte wählt, bekomme man mehr Laufpublikum, weiß Wingert. Da muss jeder seinen eigenen Weg und seine Werbemaßnahmen finden. Eine Gemeinde habe 20.000 Bierdeckel mit Bibelsprüchen bedruckt und in Wirtshäusern verteilt. Die wurden nicht nur zu gelungenen Einladung, sondern auch zum Sammelobjekt.

Die Zeltkirche könne ein anderes Bild von Kirche repräsentieren, einer Kirche, die nahe ist, findet Wingert. Da steht die Volksmusik neben dem meditativen Angebot. Ganz persönliche Zugänge zum Glauben seien nebeneinander möglich. Und wenn sich daraus dann etwas Neues entwickelt, hat die Zeltkirche ihr Ziel erreicht.