Christliche Themen für jede Altersgruppe

Alle wollen wieder loslegen - Drei Chor-Dirigenten im Gespräch mit Nicole Marten

Zusammen singen – ob in einer Band oder im Chor: Seit nunmehr zehn Monaten ist das nicht oder nur sehr eingeschränkt möglich. Wie geht es den Pop- und Projektchören? Im Gespräch mit drei Dirigenten, die ganz unterschiedliche Chöre leiten.

Hans-Martin Sauter, Leiter des Laki-Popchor. Foto: PrivatHans-Martin Sauter, Leiter des Laki-Popchor. Foto: Privat

„Der Laki-Popchor scharrt ungeduldig mit den Hufen“, berichtet Hans-Martin Sauter. Die Mitglieder wollen einfach wieder loslegen, proben, auf der Bühne stehen. Der semiprofessionelle Chor musste seit März alle Konzerte absagen, wie fast alle Chöre. Im September und Oktober gab es Vor-Ort-Proben mit viel Abstand, auch die eine oder andere Videoprobe. „Aber das ist nicht befriedigend, denn es geht beim Laki-Popchor nicht nur ums Singen und die Gemeinschaft“, sagt Sauter.

„Die singen so gut, da müssen wir nicht die einzelnen Stimmen einüben.“ Vielmehr geht es um den Chorsound, den Gesamtklang, die Aussprache, die Stilistik. Bei Proben auf Abstand „höre ich nur die erste Reihe“. Exaktes Singen lebt aber davon, dass die Sängerinnen und Sänger sich gegenseitig hören, und zwar gleichzeitig. Mit allen Videokonferenz-Programmen ist das nicht möglich. Ein bisschen Zeitversatz gibt es immer. Ein ausgefeiltes Arbeiten am Chor-Ausdruck ist so nicht möglich. Und dass sich alle regelmäßig testen lassen, sei zu aufwändig.

Chöre in den Startlöchern

Die Proben eines zweiten Ensembles von Sauter, dem Projektchor „Voices of Peace“, sind seiner Meinung nach auf Abstand gut möglich. Hier singen Menschen, denen es vor allem um die Gemeinschaft beim Musizieren geht. Die Projektphase des Chores läuft in der Regel von September bis Mai, alle zwei Wochen kommen die Sängerinnen und Sänger zur Probe zusammen. „Voices of Peace“ singt bei Gottesdiensten und gibt im Mai sein Abschlusskonzert. Wer mitsingen will, zahlt einen Beitrag. Die zweite Geldquelle ist das Abschlusskonzert. Dort ist der Eintritt zwar frei, aber es wird viel gespendet. Von den Einnahmen wird beispielsweise der Pianist bezahlt. Durch den Lockdown im März 2020 musste auch das Konzert im Mai abgesagt werden. Das bedeutete ein Minus von 2000 Euro. Im vergangenen Sommer konnten sich die Teilnehmerinnen und Teilnehmer für das neue Projekt anmelden. Statt wie sonst 180 kamen 105 Anmeldungen herein. „Das hat mich überrascht. Ich hätte mit 60 bis 80 Leuten gerechnet“, sagt Sauter.

Projektchor "Voices of peace",Ludwigsburg. Foto: PrivatProjektchor "Voices of peace",Ludwigsburg. Foto: Privat

Zu den vier Proben, die im September und Oktober stattfinden konnten, kamen 60 bis 80 Menschen. Sie saßen auf Abstand, es gab ein ausgeklügeltes Hygienekonzept und viele waren gut vorbereitet: Hans-Martin Sauter hatte schon im Frühjahr einige Proben-Videos für einzelne Lieder aufgenommen. Und viele hätten sich die auch angehört, so dass bei den vier Proben, die es im September und Oktober gab, die Lieder gut geklungen hätten. „Alle haben in den Proben sehr sachte gesungen und so den Kirchenraum ausgefüllt“, schwärmt Sauter.

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Der Projektchor hat den Kirchenmusikdirektor auch noch in einem anderen Punkt überrascht: „Es sind von den Mitgliedern so viele Spenden eingegangen, dass wir das Defizit ausgleichen konnten.“ Auch die Friedenskirche in Ludwigsburg hat einen Zuschuss gegeben. Dass den Sängerinnen und Sängern das Projekt am Herzen liegt, merkt er auch am Rücklauf: „Noch nie habe ich so viele Mails bekommen, in denen mir die Leute schrieben, wie es ihnen gerade geht.“ Sobald gemeinsames Singen wieder möglich ist, sollen die Proben wieder starten.

Tom Dillenhoefer, Chorleiter von Gospel im Osten. PressebildNicht ganz so optimistisch ist Tom Dillenhöfer. Der Leiter von „Gospel im Osten“, einem Chorprojekt aus Stuttgart, mit über 800 Mitgliedern, vermutet, dass es mit den Chorproben erst wieder im Herbst losgehen kann. Im vergangenen Frühjahr hat „Gospel im Osten“ etwas experimentiert: Es gab tatsächlich ein paar wenige Online-Chorproben. „Aber das geht mal drei Songs lang, dann ist irgendwie der Witz an der Sache weg“, so ist sein Eindruck.

Bei Gospel im Osten gibt es nicht nur Chorproben und Konzerte, sondern auch regelmäßig Gottesdienste. Im vergangenen Jahr wurden diese mit einem kleinen Ensemble aufgezeichnet und dann im Internet veröffentlicht.

Die Online-Chorproben sind eingestellt, dafür gibt es – wie immer – wöchentliche Informations-Mails. „Die gehören fest zu unserer Struktur, das haben wir durchgehalten.“ Dillenhöfer bekommt viele Rückmeldungen von den „GiOs“, wie sie sich selbst nennen. Im vergangenen Herbst gab es ein Konzept fürs Proben im Freien. Das Leitungsteam hatte angefragt, wer Interesse hätte. Zwei Drittel wollten kommen. Doch dann gab es wieder verschärfte Maßnahmen gegen die Pandemie, und die Proben wurden abgesagt. Die Zeit hat Gospel im Osten dazu genutzt, ein paar Aufnahmen auf CD herauszubringen. „Aber wir warten alle darauf, dass es wieder losgeht“, sagt Dillenhöfer.

Online-Chorprobe mit Dieter Falk. Screenshot: PrivatDieter Falk hat in den vergangenen Monaten viele Online-Chorproben gestaltet. Der Komponist und Musikproduzent aus Düsseldorf wollte eigentlich im vergangenen Dezember sein Weihnachtsmusical „Bethlehem“ uraufführen – mit einem Projektchor, der 2500 Menschen umfasst. Dann kam der erste Lockdown, und Falk verlegte die Proben kurzerhand ins Internet. Jede zweite Woche kamen bis zu 30 000 Menschen online zusammen. Einen Rückkanal gab es nicht, Falk hörte also nicht, was die Teilnehmerinnen und Teilnehmer zu Hause gesungen haben, während die „ihren“ Dirigenten sehen und hören konnten.

Bis zu den Sommerferien fanden die Proben alle zwei Wochen statt. Doch dann musste die Premiere 2020 abgesagt werden. Geplant ist nun der 11. Dezember in diesem Jahr. Doch ob die Aufführung so stattfinden kann, ist zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht sicher.

Deutschlandweite Probe aus der Not

Dieter Falk ist nach wie vor begeistert, dass viele Menschen an den Chorproben teilnehmen. Diese finden inzwischen alle vier Wochen statt. Zwar habe es nach den Sommerferien einen Einbruch bei den Teilnehmerzahlen gegeben, doch zur Probe im Dezember mit Weihnachtsliedern und Teilen aus dem Musical seien es wieder so viele gewesen wie zu Beginn der Pandemie. Wie es sich weiter entwickelt? Die Proben werden künftig in einem noch größeren Abstand stattfinden, weil die Vorund Nachbereitung extrem viel Zeit kostet. Bis zu eineinhalb Tagen ist Falk damit beschäftigt.

Online-Chorprojekt "Rotkäppchen Nacht der Chöre". Screenshot: PrivatOnline-Chorprojekt "Rotkäppchen Nacht der Chöre". Screenshot: Privat

Dennoch lassen ihn Online-Chorprojekte nicht los. So ist Falk an der „Rotkäppchen Nacht der Chöre“ beteiligt, einem Chorwettbewerb, bei dem die Gewinner in einer „Nacht der Chöre“ antreten. Die Präsenzveranstaltung hätte im November stattfinden sollen, sie wurde verlegt. Im November wurde mit den Gewinnern ein Lied aufgezeichnet. Das Video wurde im Internet auf www.youtube.de veröffentlicht, mehr als eine Million Menschen haben es gesehen.