Christliche Themen für jede Altersgruppe

Alles nur ein Missverständnis?

Eigentlich sollte das Papier noch gar nicht öffentlich diskutiert werden. Doch der baden-württembergische Bildungsplan 2015 bringt die Menschen in Rage. Denn der Entwurf sieht vor, dass bei allen Leitprinzipien der Bildung künftig auch das Thema „Akzeptanz sexueller Vielfalt“ berücksichtigt wird. Kultusminister Stoch denkt, die Aufregung kommt vor allem durch ein Missverständnis zustande.


Schon in der Grundschule soll das Thema sexuelle Vielfalt eine Rolle spielen. (Foto: Christian Schwier / Fotolia)

Der Meinungskampf im Internet geht weiter: Eine Online-Petition gegen den baden-württembergischen Bildungsplan 2015 hatte am 20. Januar fast 150.000 Unterzeichner, eine Gegenpetition beinahe 80.000 Unterstützer. Der Streit tobt darüber, ob künftig an den Schulen Themen wie Homosexualität, Bi- und Transsexualität intensiver und fächerübergreifend behandelt werden sollen. Der Entwurf sieht das vor. Kultusminister Andreas Stoch (SPD) betonte allerdings, dabei gehe es nur um Toleranz und Akzeptanz – und nicht um aggressive Werbung für eine bestimmte sexuelle Orientierung.

Warnung vor Umerziehung

In der Petition gegen den Bildungsplan, die ein Realschullehrer aus dem Nordschwarzwald auf den Weg gebracht hat, liest sich das ganz anders. Der Bildungsplan „zielt für uns auf eine pädagogische, moralische und ideologische Umerziehung an den allgemeinbildenden Schulen“, heißt es dort. Zwar fordert auch die Petition, dass die Diskriminierung Homosexueller im Unterricht thematisiert wird.

Allerdings fehle im Bildungsplan eine Reflexion darüber, dass homosexuelle Männer eine höhere Suizidgefährdung, eine erhöhte Anfälligkeit für Drogen, eine höhere Aidsrate und eine niedrigere Lebenserwartung hätten. „Aus der gleichen Würde jedes Menschen folgt noch nicht, dass jedes Verhalten als gleich gut und sinnvoll anzusehen ist“, heißt es in der Petition.

Das Papier löste Entrüstung aus. Vertreter der grün-roten Landesregierung werfen den Kritikern vor, in der Vergangenheit verhaftet zu sein. Die Landesvorsitzende der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW), Doro Moritz, erklärte, die Gesellschaft komme ihrem Bildungsauftrag nur nach, wenn sie „einer fundierten und frühen Sensibilisierung für die Vielfalt unserer Gesellschaft zentrale Bedeutung beimisst“. Der Landesschülerbeirat warnte vor „Panikmache“. „Niemand wird wegen eines Bildungsplans schwul oder hetero“, sagte der Vorsitzende des Landesschülerbeirates, Christian Stärk.

Kirchen haben Vorbehalte

Die Kirchen im Südwesten stellen sich zwar nicht hinter die Petition, doch auch sie haben im derzeitigen Diskussionsstadium Vorbehalte gegen den Bildungsplan. In einer gemeinsamen Erklärung äußerten sich evangelische Landeskirchen und katholische Diözesen kritisch: „Jeder Form der Funktionalisierung, Instrumentalisierung, Ideologisierung und Indoktrination gilt es zu wehren. Dies gilt nicht zuletzt im sensiblen Bereich der sexuellen Identität und damit verbundener persönlicher und familiärer Lebensentwürfe“, schreiben die Kirchen in einer gemeinsamen Erklärung. Die Stellungnahme wiederum rief innerkirchlich Diskussionen hervor, insbesondere in der badischen Landeskirche, die als liberaler gilt als das pietistisch geprägte Württemberg.

Dass ein Teil der Öffentlichkeit so emotional auf den Plan reagiert, liegt vermutlich am Diskussionsstand über ein Papier, das eigentlich erst im September in die öffentliche Anhörung hätte gehen sollen. Dort werden die fünf Leitprinzipien berufliche Orientierung, nachhaltige Entwicklung, Medienbildung, Prävention und Gesundheitsförderung sowie Verbraucherbildung genannt – und zu jedem Punkt findet sich die Ergänzung, was aus Sicht der sexuellen Vielfalt zu berücksichtigen sei. So kann der Eindruck entstehen, dass dieser Aspekt der dominierende sei. Die Kirchen fragen nun, ob man die fünf Leitprinzipien nicht auch aus Sicht der Friedenspädagogik oder der ästhetisch-kulturellen Bildung durchleuchten müsste.

Dass Kirchen und Landesregierung in der Bildungsplan-Frage völlig über Kreuz liegen, bezweifelt aber selbst der Kultusminister. Laut Stoch trennt beide Seiten nichts in dem Ziel, mehr Toleranz zu erreichen. Er hätte sich aber gewünscht, dass sich die Kirchen  von der Internet-Petition distanzieren, wie der Bildungsreferent der badischen Landeskirche, Oberkirchenrat Christoph Schneider-Harpprecht.

Die weitere Diskussion soll nach dem Willen der Kirchen und der Landesregierung nun „in einem sachlichen Rahmen und in einer respektvollen Atmosphäre fortgeführt werden“, sagte der Sprecher der Landeskirche, Oliver Hoesch. Zuvor hatte ein turnusgemäßes Gespräch der vier baden-württembergischen Bischöfe mit Ministerpräsident Winfried Kretschmann stattgefunden.



Die Leitprinzipien des Bildungsplans
Zu den fünf vom baden-württembergischen Kultusministerium im November 2013 veröffentlichten Leitprinzipien des Bildungsplans 2015 zählen Berufliche Orientierung, Bildung für nachhaltige Entwicklung, Medienbildung, Prävention und Gesundheitsförderung sowie Verbraucherbildung. In dem Arbeitspapier sollen alle Leitprinzipien unter dem Gesichtpunkt der Akzeptanz sexueller Vielfalt berücksichtigt werden.

Bei Berufliche Orientierung sollen sich Schülerinnen und Schüler mit der eigenen geschlechtlichen Identität und Orientierung auseinandersetzen mit dem Ziel, „sich selbstbestimmt und reflektiert für ein ihrer Persönlichkeit und Lebensführung entsprechendes Berufsfeld zu entscheiden“. Dabei sollen sie einen vorurteilsfreien Umgang mit der eigenen und anderen sexuellen Identitäten bekommen und eine Sensibilität für Stereotype erlangen.

Bei Bildung für nachhaltige Entwicklung sieht der Entwurf vor, dass Schülerinnen und Schüler die verschiedenen Formen des Zusammenlebens von und mit LSBTTI-Menschen kennen und reflektieren. LSBTTI steht für Lesben, Schwule, Bisexuelle, Transsexuelle, Transgender und Intersexuelle.

Bei der Verbraucherbildung sollen sie ihre Bedürfnisse, ihr Körperbild, ihre sexuelle Orientierung und ihr Verhalten in Bezug auf die von der Umwelt geprägten Vorstellungen reflektieren und selbstbestimmte Konsumentscheidungen treffen.

In der Medienbildung sollen sie sich unter anderem informieren in digitalen Medien über Lebenssituationen von LSBTTI-Menschen und sich mit Menschenrechten und Diskriminierungen auseinandersetzen. Gewalt- und Mobbingsituationen sollen in digitalen Medien als Verletzung der Menschenrechte wahrgenommen und zugleich erkannt werden, „dass der Einsatz für potenzielle Opfer auch in digitalen Medien ein wesentlicher Bestandteil von Zivilcourage in einer pluralen Gesellschaft ist“.

In der Prävention und Gesundheitsförderung sollen sie sich selbst als Persönlichkeit wahrnehmen, beschreiben und entfalten. Dazu zähle ein Abgleich von Selbst- und Fremdbild, eigene Stärken entdecken und entwickeln, Menschenbild und Menschenwürde, Vielfalt in der sexuellen Identität und Orientierung, Erkennen der eigenen sexuellen Identität und Respektieren anderer sexueller Identitäten und Lebensentwürfe.

epd