Christliche Themen für jede Altersgruppe

Alles wird neu gemischt

Über welchen Bibeltext Pfarrerinnen und Pfarrer am Sonntag im Gottesdienst predigen, darüber können sie nicht selber entscheiden, sondern das ist in der Perikopenordnung festgelegt. Die ist im Bereich der Evangelischen Kirche in Deutschland vom 1. Advent an neu. In Württemberg gilt für das neue Kirchenjahr erst einmal eine Übergangslösung. 


Die Kanzel: Ort der protestantischen Wortverkündigung. (Foto: epd-bild)


Kirchenrat Frank Zeeb kennt aus seiner Zeit als Gemeindepfarrer die Probleme genau. Wenn in einem Jahr nur über Texte aus neutestamentlichen Briefen gepredigt wird, dann kann das Konfirmanden, die zum Gottesdienstbesuch verpflichtet sind, langweilen. Es kann sogar vorkommen, dass sie kein einziges Gleichnis aus einem Evangelium hören.

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Deshalb war es für Zeeb an der Zeit, als 2010 mit der Perikopenrevision begonnen wurde. Acht Jahre haben die Debatten darüber gedauert. Jetzt liegt ein Ergebnis vor. Zum einen wurden die Predigtreihen neu gemischt. Abschnitte aus den Evangelien, den Episteln und dem Alten Testament wechseln nun Sonntag für Sonntag ab.

Zum anderen sind in den neuen Predigttexten mehr alttestamentliche Texte enthalten. Die Bücher Hiob, Jona und Rut sind bei vielen Menschen bekannt, doch sie und ihre Themen kamen im Gottesdienst bisher nicht vor. Die Zahl der alttestamentlichen Texte wurde verdoppelt. Das ist wirklich neu – gerade auch in Württemberg. Über alttestamentliche Texte wurde bislang vor allem in reformierten Kirchen gepredigt. Lutherisch geprägte Kirchen hielten sich da eher zurück.

Frank Zeeb sind diese Texte wichtig, nicht nur weil er selber Alttestamentler ist. „Die Texte haben Lebensnähe. Sie zeigen, wie der Mensch tatsächlich ist.“ Der Bezug zur Lebenswelt sei notwendig. „Menschen orientieren sich nicht mehr am Kirchenjahr, sondern etwa am Schuljahr. „Das bürgerliche Jahr prägt den Lebensrhythmus.“

Bei den alttestamentlichen Texten spielt auch der christliche-jüdische Dialog eine Rolle. Pfarrerin Evelina Volkmann begründet das: „Das Neue Testament ist im Alten verankert. Ohne dieses hinge die Christusgeschichte in der Luft. Es ist nötig, um das Christuszeugnis als biblisches Gotteszeugnis zu hören.“

Neu ist, dass nun auch über Psalmen gepredigt werden kann. Bislang sind sie im Gottesdienst nur als liturgische Texte verwendet worden.

Doch warum braucht man überhaupt eine Perikopenordnung? Im Grunde  könnte ja jeder Pfarrer oder jeder Kirchengemeinderat selber festlegen, worüber er am Sonntag predigen will. Die Kirchen sagen unisono: Die Ordnung verbindet evangelische Christen am Sonntag untereinander. Die Berliner Oberkonsistorialrätin Christina-Maria Bammel ist sich sicher: „Eine Perikopenordnung ist nicht nebensächlich und nicht verzichtbar. Sie betrifft unsere kirchliche Kerntätigkeit, die Verkündigung. Was wird im Gottesdienst aus der Heiligen Schrift zu Gehör gebracht und was nicht? Denn Kirchesein besteht darin, sich um Wort und Sakrament zu versammeln. Das ist das Fundament, auf dem sie steht.“ Die Theologin spricht in diesem Zusammenhang von einer „Balance von evangelischer Freiheit und Verbundenheit“. So unterschiedlich die Kirchen auch sein mögen: In diesem Punkt sind sie sich einig.

Um die 70 Perikopen (in allen sechs Reihen) fallen nach der neuen Ordnung ganz weg. Zwei Beispiele: Zur Christvesper entfällt Johannes 7,28–29 in der Predigtreihe IV oder am Letzten Sonntag des Kirchenjahres entfällt Lukas 12,42–48 in der Predigtreihe VI. Statt dessen findet sich nun als Predigttext Psalm 126.

In Württemberg galt schon immer eine andere Ordnung. 300 Abweichungen hat Frank Zeeb im Vergleich zur bisherigen EKD-Version ausgemacht. In den 70er-Jahren hätten manche die Perikopenordnung kritisiert. Sie spüle das Evangelium weich. In den Texten komme nur der liebende Gott, nicht aber das Gericht vor. Um die Breite der Bibel abzubilden, ist deshalb die Württembergische Marginalreihe entstanden. Aus ihr sollen Pfarrerinnen und Pfarrer einmal in sechs Jahren Texte auswählen. Württemberg hat noch eine zweite Besonderheit: In der Passionszeit wird eine Passionsgeschichte am Stück ausgelegt.

Perikopenordnungen sind übrigens keine Erfindung der Neuzeit, sondern sie gab es schon immer. „Anfänge einer Perikopenordnung finden sich im schon im vorchristlichen Synagogalgottesdienst“, weiß Frank Zeeb. Auch da wurde die Tora in einem festen Rhythmus vorgelesen und interpretiert. Erste Ansätze einer festen Ordnung fänden sich bei Justinus Martyr im zweiten Jahrhundert nach Christus.

Darüber hinaus möchte Frank Zeeb noch zusätzliche Texte anbieten. Drei Wochen vor den Sommerferien möchte er einen Text zum Thema vorschlagen, „dass der Wert eines Menschen nicht an der Mathematiknote hängt“. Leider habe er das EKD-weit nicht durchsetzen können. Zeeb hofft nun, dass sich die Landessynode zu diesen Zusatzpredigttexten entschließen kann.

Mit der neuen Perikopenordnung bekommt auch das Kirchenjahr neue Akzente. Der 10. Sonntag nach Trinitatis ist traditionell der so genannte Israelsonntag. Doch was wurde da genau gefeiert oder woran wurde an diesem Sonntag gedacht? Dazu gab es bislang verschiedene Interpretationen. Nun werden am Israelsonntag zwei thematische Ausrichtungen angeboten. „Entweder kann er als Gedenktag der Tempelzerstörung oder mit der Thematik Kirche und Israel gefeiert werden“ schreibt die Leiterin der landeskirchlichen Fachstelle Gottesdienst, Pfarrerin Evelina Volkmann, in einem Beitrag zur neuen Perikopenordnung.

Dennoch: Württemberg bleibt bei der Übergangslösung. So schnell konnte sich die württembergische Landessynode nicht für die EKD-Ordnung entscheiden. Im Juli entschied sie sich mit einer sogenannten Verordnungsermächtigung für eine Übergangslösung. Reihe I der neuen EKD-weit geltenden Perikopenordnung gilt nun auch in Württemberg. Im nächsten Jahr soll die Synode darüber entscheiden, ob sie auch die Reihen II bis VI einführen, eigene Akzente setzen oder eine andere Ordnung einführen will.

Dass Württemberg hinterherhinkt, hängt auch damit zusammen, dass die Perikopenordnung in Württemberg ein Gesetz ist. In anderen Landeskirchen dagegen hat sie längst nicht einen so hohen Stellenwert. Gesetze müssen jedoch erst den Weg durch die Instanzen, das heißt durch die synodalen Ausschüsse, gehen – und das dauert.

Das derzeit geltende Perikopengesetz stammt aus dem Jahr 1979. Sollte es geändert werden, braucht es dafür in der Landessynode eine Zweidrittel-Mehrheit.


Mehr zur Perikopenrevision in der Landeskirche erfahren Sie im Internet unter www.fachstelle-gottesdienst.de/gottesdienst-in-wuerttemberg/periko penrevision-2018/


Stichwort

Das Wort Perikope kommt aus dem Griechischen und heißt übersetzt „rings umhauenes Stück“ oder „herausgehauenes Stück“. Damit ist der Bibeltext gemeint, über den am Sonntag gepredigt wird. Er ist in der Regel in ganz Deutschland einheitlich festgelegt.


Es gibt sechs Perikopenreihen. In den Reihen sind jedoch nicht nur der Bibeltext, sondern alle Elemente eines Sonntagsgottesdienstes festgeschrieben: Dazu gehören etwa der Wochenspruch, das Wochenlied, der Psalm, die Schriftlesung. Nach sechs (Kirchen-)Jahren werden die Perikopenreihen wiederholt. Das heißt, alle sechs Jahre wird über denselben Bibeltext gepredigt.


Episteltexte sind Texte aus den Briefen des Neuen Testaments.


Das Kirchenjahr beginnt am 1. Advent (und nicht am 1. Januar). Deshalb beginnt auch die neue Perikopenordnung mit dem 1. Advent.

Im Bereich der Evangelischen Kirche in Deutschland (außer in Württemberg) gilt ab dem 1. Advent 2018 die neue Perikopenordnung. In Württemberg ist vorerst nur Reihe I neu. 


Welche Bibeltexte für welchen Sonntag und in welchem Jahr gelten, lesen  Sie im Evangelischen Gesangbuch (Nummer 838). Die neue Reihe I stimmt vom 1. Advent an nicht mehr mit der Reihe überein, die im Evangelischen Gesangbuch abgedruckt ist.