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Als Ketzer verbrannt

Der böhmische Theologe Jan Hus wurde 1415 in Konstanz als Ketzer verbrannt – verurteilt vom Konstanzer Konzil. Dabei sah es zunächst gut für Jan Hus aus. König Sigismund hatte ihn zum Konzil nach Konstanz eingeladen und ihm ausdrücklich zugesagt, dass ihm dort nichts geschehen werde. Am 6. Juli 2015 jährt sich der Todestag von Jan Hus zum 600. Mal.


Eindrucksvoll: Das Jan-Hus-Denkmal auf dem Altstätter Ring in Prag. (Foto: epd-Bild)


Bethlehem, so pflegte man die Kapelle zu nennen, wird zu einem bewegten und bewegenden Ort der böhmischen Reformation. Sie strebte 100 Jahre vor Martin Luther eine Erneuerung der Kirche an Haupt und Gliedern an.

Das Streben nach Reform ist in der spätmittelalterlichen Gesellschaft nichts Ungewöhnliches. So vieles liegt im Argen – in Kirche und Gesellschaft. In jener Zeit gibt es zwei und dann ab 1378 sogar drei Päpste. Sie alle beanspruchen, die wahren Vertreter Christi auf Erden zu sein. Deshalb fordern alle drei den Gehorsam der Gläubigen.

Einer, der die Krise der mittelalterlichen Kirche besonders scharf sieht, ist der Priester, Philosoph und Diplomat John Wyclif in Oxford. Er kritisiert Lehre und Leben der Kirche und drängt auf Besserung. Er übersetzt die Bibel in die Sprache des Volkes, denn alle sollen sie lesen können.

Seine Schriften kommen auch bald nach Prag, und es bildet sich ein Kreis von Schülern, die sich von Wyclifs Gedanken inspirieren lassen. Zu diesem Kreis gehört auch Jan Hus. Aber was kritisiert der Kreis? Die Verweltlichung der Kirche, die Geschäftemacherei mit dem Seelenheil, Korruption und den ausschweifenden Lebenswandel der Priester und Kirchenvertreter.

Hus und seine Mitstreiter fordern einen einfachen Lebensstil der Christen. Sie wollen nach dem Evangelium Jesu Christi leben. Das Engagement von Jan Hus für eine Reform der Kirche wird von der kirchlichen und weltlichen Obrigkeit gerne gesehen. Deshalb wird Hus 1405 zum Synodalprediger berufen und hat die Aufgabe, bei synodalen Versammlungen zu predigen. Der Prager Erzbischof wie auch König Wenzel IV. unterstützen Jan Hus in seinem Bemühen. 1409 wird Hus zum Rektor der Prager Universität.

Das hindert ihn nicht daran, sich kritisch zu den Zuständen zu äußern. Freilich geht diese Kritik immer mehr Vertretern der Obrigkeit zu weit. Sie sehen sich selbst in der Kritik. Das gefällt ihnen gar nicht. Hus wird von der Inquisition nach Rom eingeladen. Doch er lehnt es ab, nach Rom zu gehen. Das ist ihm zu gefährlich. Allmählich wird deutlich, wie scharf die Kritik von Wyclif ist. Seine Schriften werden 1410 im Hof des Prager erzbischöflichen Palais verbrannt.

Hus wird mit dem Kirchenbann belegt. Freunde und Gegner rufen Jan Hus zur Mäßigung auf. Auch die Frau des böhmischen Königs, die oft unter der Kanzel in Bethlehem sitzt, mahnt Hus zur Mäßigung.

Doch die Predigten von Hus werden immer radikaler. Besonders entsetzt ist er über die Ausrufung eines Ablasses zur Finanzierung eines Feldzugs von Papst Johannes XXIII. gegen den König von Neapel. Hus ruft zum Protest gegen diesen Ablass auf. Nun fällt er endgültig in Ungnade bei Erzbischof und König. Denn beide bekommen ihren finanziellen Anteil am Ablass – und den wollen sie sich auch von Jan Hus nicht nehmen lassen.

Hus und seine Anhänger protestieren lautstark gegen den Ablass. Die Reaktionen der Obrigkeit sind massiv. Drei junge Männer werden wegen ihres Protestes hingerichtet. Hus gelingt es nicht, die Hinrichtung zu verhindern.

Doch auch für ihn selber wird es in Prag immer schwieriger. Der Kirchenbann wird über ihn verhängt und damit ist es ihm verboten, in Prag zu predigen. Im Oktober 1412 wird der verschärfte Kirchenbann über Hus und damit die Exkommunikation offiziell verkündet. Hus reagiert darauf mit seiner Appellation an Christus, den einzigen gerechten Richter, wie Hus sagt. Er schlägt die Appellation öffentlich an.

Die Situation in Prag wird für Hus immer schwieriger. So nimmt er das Angebot an, auf der Ziegenburg in Südböhmen Unterschlupf zu finden. Er arbeitet an Predigten über die Evangelien, die später als Postille erscheinen wird. Er schreibt an seinem großen Traktat über die Kirche, in dem er Christus als das Haupt das einzige Haupt der Kirche anerkennt. Alle, auch der Papst, sind vor Christus verantwortlich. Daneben predigt Hus in den Dörfern Südböhmens und findet dort viele Anhänger.

Von dort zieht er auf die Burg Krakovec in Westböhmen, wo er einige Monate verbringt, bis er sich auf den Weg nach Konstanz macht. Drei Reden bereitet er vor, die er dem Konzil vortragen will, zum Beispiel eine Rede über den Frieden. Doch er soll keine Gelegenheit bekommen, auch nur eine dieser Reden auf dem Konzil vorzutragen.

Hus vertraut auf die Zusage freien Geleits von König Sigismund. Aber er rechnet auch mit der Möglichkeit, dass er nicht mehr nach Hause kommen wird. Der Gedanke, dass das Leiden Christi auch zu seinem Weg wird, ist für ihn ganz real.

Am 11. Oktober 1414 macht er sich von Krakovec aus auf den Weg nach Konstanz. Drei Wochen ist er unterwegs. An vielen Orten wie in Nürnberg wird er sehr freundlich aufgenommen. Auch Württemberg streift er auf seinem Weg. Ulm und Biberach sind Stationen auf seinem Weg. Am 3. November trifft er schließlich in Konstanz ein. Freilich ist er dort nur drei Wochen ein freier Mensch.

Am 28. November wird er durch eine List vom Bürgermeister und zwei Bischöfen abgeholt. Er soll seine Gedanken einigen Konzilsvätern vortragen, hatte man ihn gelockt. Doch anstatt eines Gesprächs wird Hus im Papst-Palast verhaftet und eingekerkert – im Konstanzer Dominikaner-Kloster. Dort wird er schlecht behandelt, und er wird krank.

Als König Sigismund an Weihnachten beim Konzil eintrifft, sitzt Hus schon fast einen Monat im klösterlichen Verlies. Die Hoffnung, dass die Zusage des freien Geleits durch Sigismund nun zu einer Wende für Jan Hus führen würde, zerplatzt bald. König Sigismund will sich von Hus nicht sein Hauptziel für dieses Konzil verderben lassen, die Beendigung der Drei-Päpste-Herrschaft und die Wahl eines neuen Papstes, der wieder von allen anerkannt wird.

Er hofft, dass er Hus dazu bewegen kann, zu widerrufen und dadurch die ganze Sache wieder unter Kontrolle zu bekommen. Es ist wohl vor allem Sigismund zu verdanken, dass Hus im Juni 1415 bei drei Verhandlungen die Möglichkeit hat, sich zu den Vorwürfen, die gegen ihn erhoben werden, zu äußern. So viel Raum wurde dem Angeklagten in einem Ketzerprozess zum ersten Mal eingeräumt.

Doch Hus weigert sich, zu widerrufen. Er weigert sich zu widerrufen, was er nie behauptet hat. Er weigert sich auch, sich von den Lehren von John Wyclif allgemein zu distanzieren, dem noch vor Jan Hus im Mai 1415 der Ketzerprozess gemacht wird. Freilich war Wyclif zu diesem Zeitpunkt schon 31 Jahre tot. Deshalb sollten wenigstens seine Gebeine ausgegraben und verbrannt wurden. Immer wieder betont Hus, dass er alles widerrufen werde, was ihm auf der Grundlage der Heiligen Schrift als irrig nachgewiesen werde. Die biblische Wahrheit ist für ihn die einzige Wahrheit, die vor Gott und den Menschen Bestand hat. Für diese Wahrheit ist er auch bereit zu sterben.

Nachdem alle Bemühungen scheitern, Hus zum Widerruf zu bewegen, wird er am 6. Juli vor das Konzil in das Konstanzer Münster geladen und auch dort nochmals aufgefordert zu widerrufen. Auch diesmal lehnt er ab. Darauf verurteilt ihn das Konzil als Ketzer zum Tode. Ein letztes Mal wird er in das priesterliche Gewand gekleidet, um dann vor dem ganzen Konzil seiner Priesterwürde entkleidet zu werden. Schließlich wird ihm der Ketzerhut aufgesetzt, und er wird der weltlichen Macht zur Vollstreckung der Todesstrafe übergeben.

Er wird hinausgeführt vor die Stadt, wo der Scheiterhaufen schon vorbereitet ist. Am Nachmittag des 6. Juli 1415 wird Jan Hus als Ketzer verbrannt. Seine Asche wird in den nahen Rhein gestreut. So sind alle materiellen Spuren von Jan Hus beseitigt.

Die Funken des Konstanzer Feuers freilich kann das Konzil nicht beseitigen. Mit dem Tod von Jan Hus nimmt die hussitische Bewegung ihren Anfang. Eine gewaltige Bewegung, die das Böhmen des 15. Jahrhunderts sehr verändert. Zu einem Symbol der hussitischen Bewegung wird der Kelch. Das Abendmahl unter beiderlei Gestalt, mit Brot und Wein für alle, sollte deutlich machen, dass vor Gott alle Sünder sind und dass wir alle gleichermaßen auf Gottes Gnade und Vergebung angewiesen sind.

Das war auch für Jan Hus sehr wichtig, auch wenn er gerade in der Abendmahlsfrage zurückhaltend war, da er damit nicht sein Reformanliegen gefährden wollte. In der hussitischen Bewegung bildeten sich verschiedene Flügel: die radikalen Taboriten, die gemäßigten Utraquisten und viele verschiedene Schattierungen. Die Taboriten wollten das Reich Gottes auf Erden errichten, wenn nötig auch mit Gewalt, andere suchten mehr den Kompromiss mit Rom. Doch die hussitische Bewegung ist eine andere Geschichte, die in vielem nur noch wenig mit dem Kirchenreformer Jan Hus zu tun hat.

Aus dieser Bewegung ist auch die Brüder-Unität entstanden. Die kleine Kirche versuchte von Neuem, aus dem Evangelium zu leben. Ihr Anfang liegt im Jahr 1457 im ostböhmischen Kunvald. In dieser Brüder-Unität haben sowohl die Herrnhuter Brüdergemeine als auch die Evangelische Kirche der Böhmischen Brüder ihren Ursprung. Letztere ist heute die größte evangelische Kirche in der Tschechischen Republik.

 

Henry Gerlach und Monika Küble
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Historischer Kriminalroman um Jan Hus
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Walter Rügert
Jan Hus -
Auf den Spuren des böhmischen
Reformators

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