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Als Luther Worms eroberte - Reformationsgeschichte

Worms zählt zu den wichtigsten Luther-Stätten in Deutschland. Dabei hat es die Stadt am Rhein einem historischen Zufall zu verdanken, dass sie zum Schauplatz der Reformationsgeschichte wurde. Eine Spurensuche an einem Ort, der schon viel über sich ergehen lassen musste.

Großer katholischer dom in Worms. Foto: epd-bildGroßer katholischer dom in Worms. Foto: epd-bild

Der erste Hoftag eines neuen Kaisers findet in Nürnberg statt. So stand es seit 1356 in der Goldenen Bulle, dem Grundgesetz des Heiligen Römischen Reichs. Und so sollte es auch 1521 sein, als Karl V. zum ersten Mal seine Reichsfürsten zusammenrief. Allein: In Nürnberg wütete die Pest, die Plage des Mittelalters, vor der sich alle fürchteten.

Also musste eine Ersatzlösung her. Die Wahl fiel auf Worms: Die freie Reichsstadt hatte schon seit dem Hochmittelalter Erfahrungen mit derartigen Großveranstaltungen. Auch jener legendäre Reichstag, der 1076 zur Absetzung von Papst Gregor VII. und dem Gang des Kaisers nach Canossa führte, fand hier statt.

Ursula HOffmann, Worms, Stadtfuehrerin. Foto: PressbildEnde 1520 begannen die Vorbereitungen. Stadtführerin Ursula Hoffmann erzählt nicht ohne Stolz, wie professionell es dabei zuging: Es gab eine Preisbindung, eine Herbergsordnung, einen Verhaltenscodex sowie Pauschalarrangements mit Essenszeiten. Durchorganisiert wie die Passionsspiele in Oberammergau gingen die Wormser im Winter 1521 an den Start.

Es war eine Mittelalterstadt wie aus dem Bilderbuch, in die Martin Luther am 16. April 1521 einzog. Die Computer-Animation an der Stadtbibliothek lässt noch erahnen, wie es dort einst aussah: Große Bürgerhäuser, schöne Schaufassaden, der Dom, die geschlossene Stadtmauer.

Das Schmuckstück aller Gebäude war das „Haus zur Münze“. Ein Prachtbau mit Arkaden, Türmchen und Wandmalereien, der Stolz der freien Bürgerschaft. Lange glaubte man, hier sei Luther vom Kaiser angehört worden. Deshalb steht an dieser Stelle heute auch die Dreifaltigkeitskirche, eine Gedächtniskirche der Reformation mit einem Luther-Relief über der Orgel.

Ursula Hoffmann, Stadtführerin in Worms. Foto: Pressbild

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1725 wurde sie eingeweiht, 36 Jahre nachdem die Stadt und das „Haus der Münze“ im Pfälzischen Erbfolgekrieg abgebrannt waren. Anfang 1945 folgte bei alliierten Bombenangriffen die zweite Zerstörung von Worms. Mit dem Ergebnis, dass eine der ältesten Städte in Deutschland heute kaum noch historische Bausubstanz besitzt.

Das tut weh, man kann es dem Gesicht von Ursula Hoffmann förmlich ansehen, wenn sie davon erzählt. Das Gros des Wormser Zentrums wurde modern wiederaufgebaut. So muss man den Johanniterhof, Luthers Schlafquartier, zwischen den Geschäften der Fußgängerzone suchen. Das alte Gebäude ist verschwunden, nur eine Bronzetafel in der Hardtgasse weist darauf hin, dahinter ist das Büro eines Immobilienmaklers untergebracht.

Reformationsdenkmal in Worms, Luther ist zentrale Figur. Foto: PressebildReformationsdenkmal in Worms, Luther ist zentrale Figur. Foto: Pressebild

Worms hat viel getan, die nicht mehr vorhandenen Originalschauplätze durch Inszenierungen zu ersetzen. Die auffälligste ist das große Reformations-Denkmal knapp außerhalb der Stadtmauer. 1868 wurde es errichtet, ein monumentales Figurenensemble, das dem Zeitgeist entsprach, der Luther zum Nationalhelden des 19. Jahrhunderts machte.

Wer vom Bahnhof darauf zugeht, wird vor dem Lutherplatz von einem ganz besonderen Herrn begrüßt: Luther als Ampelmännchen, das je nach Verkehrslage geht und steht. Ein Gag, den sich die Wormser zum Reformationsjubiläum 2017 einfallen ließen.

Seit damals ist Luther allgegenwärtig im Stadtbild. Ursula Hoffmann kennt jede seiner Spuren, berichtet davon, wie begeistert er von den Einwohnern 1521 empfangen wurde. Er war längst ein Prominenter, als er in Worms einzog, dessen Bürger im Dauerstreit mit dem Bischof lagen. Da kam einer wie Luther gerade recht, „einer, der den Menschen die Angst nahm, der von einem Gott erzählte, der nicht mehr straft, sondern liebt“, sagt die Stadtführerin.

Sie ist selbst Mitglied im evangelischen Kirchenvorstand in Worms-Leiselsheim. Worms war ab 1524 protestantisch, mit Sonderrechten für den Bischof, dessen Einfluss man zähneknirschend hinnehmen musste. Im Bischofshof stand Luther am 17. und 18. April 1521 Rede und Antwort. Auch von diesem Gebäude ist nichts mehr übrig.

Luthers große Schuhe, zu sehen auf einem Stadtrundgang in Worms. Foto: Pressebild/ Stadt Worms EichfelderLuthers große Schuhe, zu sehen auf einem Stadtrundgang in Worms. Foto: Pressebild/ Stadt Worms Eichfelder

Heylshofpark heißt heute das Areal, in dem sich damals alles abspielte. Ein Adeliger hatte sich das Gelände im 19. Jahrhundert gekauft, ein Stadtpalais und eine Grünanlage errichtet. Sie ist frei zugänglich und mit allerlei Luther-Installationen gespickt. „Kommen Sie näher“, sagt Ursula Hoffmann. Sie lotst ihre Kundschaft zu riesigen Bronzeschuhen, in die man hineinschlupfen darf. „Größe 78“, merkt sie an. Überdimensionierte Latschen, die genau dort platziert wurden, wo Luther einst sprach. Hier stand er also und konnte nicht anders.

Martin Luther - In den Dom durfte er nicht rein

Luther als Ampelmaennchen, Worms. Foto: PressebildWer im Heylshofpark umhergeht, stolpert unentwegt über Luther. Da gibt es einen Metallrahmen, der die Konfrontation mit dem Kaiser simuliert. Ein Modell des Bischofshofes, das zeigt, wie die Gebäude damals aussahen und eine Klanginstallation, die einem Luthersätze um die Ohren haut. Per Bewegungsmelder tönt es aus dem Gebüsch, das überraschendste Element des siebenteiligen Bildungsund Erlebnisparcours, der seit 2017 Luther gewidmet ist.

Wer in Worms war, muss auch im Dom gewesen sein. Das hätte 1521 auch für Martin Luther gegolten, doch der war bereits exkommuniziert. Hausverbot! Mit einem Lächeln geleitet Ursula Hoffmann ihre Zuhörer zu einem Dom-Fenster, das die Geschichte der Stadt widerspiegelt. Dort ist auch Luther abgebildet. „Er hat es also doch geschafft“, sagt sie. Luther im Dom.

Ampelmaenchen Luther in Worms. Foto: PressebildDie Ausrichtung des Luther-Jubiläums ist eine Gemeinschaftsaktion der Stadt und der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau. Für alle, die wissen, dass Worms in Rheinland-Pfalz liegt, durchaus verwunderlich. Doch Kirchen- und Landesgrenzen sind unterschiedlich. So war Worms nach der Auflösung der Reichsstadt Teil des Großherzogtums Hessen. Nach 1945 ging es an Rheinland-Pfalz, ohne dass sich die Kirchenzuständigkeit änderte.

Von alledem hatte Luther keine Ahnung. Er wusste noch nicht einmal, dass es eines Tages evangelische Kirchen geben würde. Er wollte eigentlich nur die Reform der alten Kirche. Nach dem Reichstag in Worms jedoch gab es kein Zurück mehr. Die Stadt am Rhein steht für den endgültigen Bruch mit dem Papst. Eine Kirchenspaltung, ausgelöst von einem Mönch, der in Worms nicht hatte klein beigeben wollen. □