Christliche Themen für jede Altersgruppe

Am Ende der Volkskirche

Der stete Bedeutungsschwund der Kirchen in Europa ist unübersehbar. In Amsterdam hat das Zeitalter nach der Volkskirche längst begonnen. In der Hauptstadt der Niederlande ist der Prozess der Entkirchlichung evangelischerseits besonders weit fortgeschritten.  

Letzte Bastion des kirchlichen Lebens in Amsterdam: die Westerkerk. (Foto: Thomas Greif)

Visser empfängt in einer lichtdurchfluteten Lounge in bunten Farben. Sie könnte vielen Organisationen gehören, die Fremde zum Eintreten und Wohlfühlen motivieren wollen: Tourist-Informationen, Versicherungen, Bürgerbüros. Große Schaufenster machen die Räume dauerhaft öffentlich. Blickfang sind ein Kaffeetresen und eine große Tafelrunde, was an die ursprüngliche Konzeption der Räume als Restaurant erinnert. Ein paar Treppenstufen abwärts schließt sich ein Versammlungsraum an.

„In der Bibel steht nichts von Kirchen, sondern von Jesus“, sagt Visser. Aus dem Zwei-Personen-Unternehmen hat er mit charmantem Selbstbewusstsein und ansteckender Jugendlichkeit eine Gemeinde mit gut 50 Aktiven geformt. 150 Leute, schätzt Visser, sind interessiert und schauen gelegentlich vorbei.

Hinter der Glasfassade von „de binnenwaai“ finden Flüchtlingsberatungen statt, Glaubenskurse, Kaffeekränzchen mit Kinderbetreuung und Gottesdienste, die Visser aber nicht so nennen möchte: „Es sind Feste, keine Dienste.“ Die wichtigste Arbeit aber findet für ihn jenseits der eigenen Räume statt. „Man muß den Menschen in ihrer Lebenswelt begegnen“, ist Pionier Visser überzeugt. Der gute alte Hausbesuch ist sein wichtigstes Arbeitsfeld.

Eine Reise ins protestantische Amsterdam mit Orten wie Ijburg ist eine Reise in die Zukunft nach der Volkskirche. Von rund 800 000 Einwohnern gehören hier nur noch etwa 20 000 einer protestantischen Gemeinde an – das entspricht etwa 2,5 Prozent der Bevölkerung. Von einer regelrechten „Säkularisierung“ wollen Experten dennoch nicht sprechen, denn der multikulturelle Schmelztiegel Amsterdam verzeichnete schon um die Jahrtausendwende erstaunliche 350 verschiedene Glaubensgemeinschaften, Tendenz steigend. Manche bestehen nur aus einer Handvoll Leute, die sich einmal in der Woche in einem Wohnzimmer treffen.

Konfessionelle Traditionen dagegen fielen großenteils dem liberalen Selbstverständnis des Landes zum Opfer. Protestantischerseits wurde der Schwund der organisierten Kirchlichkeit noch verstärkt durch eine fatale Neigung zur Zersplitterung, für die es das Spottwort „Zwei Niederländer, drei Kirchen“ gibt. Seit 2004 sind die größten Kirchen in der „Protestantischen Kirche in den Niederlanden“ zusammengeschlossen.

Wenn ein umgebautes Restaurant als kirchliche Basis taugt, braucht es dann überhaupt noch sakrale Räume mit Turm, Orgel, Altar und viel Platz für leere Bänke, zumal diese Räume auch noch Unmengen an Geld verschlingen, das nicht mehr da ist?

Die Protestanten in Amsterdam haben sich in den vergangenen rund 30 Jahren in einer unvorstellbaren Konsequenz von ihren Kirchbauten getrennt. Willemien Boot, Gemeindeberaterin im zentralen Kirchenbüro an der Keizersgracht, kann die emotionale Überfrachtung, mit der manche deutsche Besucher das Thema angehen, nicht verstehen. Ihre Stadtkarte hat ungefähr 20 blaue Punkte. Jeder steht für eine protestantische Kirche. Zwischen den blauen finden sich ungefähr genauso viele graue Punkte: Jeder steht für eine Kirchenschließung seit den 1980er Jahren. Aus den meist reformierten Kirchen wurden Einkaufshäuser, Kulturzentren, Restaurants oder einmal eine marokkanische Moschee.

„Wir haben doch im Protestantismus eine lange Erfahrung mit der Säkularisierung von Kirchen“, sagt Boot mit Blick auf das 16. Jahrhundert, als die Reformation auch in Amsterdam zahlreiche Klosterkirchen überflüssig machte.

Im 20. Jahrhundert begann die zweite Schließungswelle mit der Zuiderkerk, deren Turm seit Jahrhunderten das Weichbild von Amsterdam mitprägt und von Monet gemalt wurde: Hier finden schon seit 1929 keine Gottesdienste mehr statt. Die barocke „Lutherse Ronde Kerk“ dient heute als Kongresszentrum des benachbarten „Renaissance-Hotels“. Prominentestes Säkularisierungsopfer ist bis jetzt die Nieuwe Kerk am Dam, jene Kirche, in der 2013 die staatliche Huldigung für den neuen König Willem Alexander stattfand.

Am deutlichsten spürbar ist der Abschied der Kirche von ihren gleichnamigen Gebäuden im ältesten Gotteshaus von Amsterdam, der Oude Kerk. Hier wirkte Jan Pieterszoon Sweelinck, der Urvater des Orgelbarock, hier wurde Rembrandt getraut. Die Oude Kerk ist auf Boots Stadtkarte noch blau. Aber man merkt es nicht.

In Kirchen, die Heimat einer Gemeinde sind, wird das irgendwo spürbar: An der Fragepinnwand der Konfis, an den Fotos der Täuflinge, am Schriftentisch, an Plakaten mit Veranstaltungen, am Blumenschmuck. Es ist ein Raum, in dem mehr stattfindet als Staunen über den herrlichen Orgelprospekt oder die prächtigen Grabplatten.

Die Oude Kerk hat nur noch das Staunen, sie ist nur noch Monument. Folgerichtig kostet der Eintritt fünf Euro. Sicher finden noch Gottesdienste statt, aber es gibt im ganzen Gebäude keinen gesicherten Hinweis darauf.

Als letzte Bastion protestantischer Kirchlichkeit im Stadtzentrum ist die Westerkerk übrig geblieben. Hier finden gut besuchte Gottesdienste statt, Trauungen, Taufen. Ein hauptamtlicher Organist sorgt für das Kulturprogramm. Im Empfangszimmer, das mit den hohen Decken und den üppigen Gemälden an der Wand noch die Pfarrherrlichkeit alter Zeit atmet, sitzt Pfarrerin Fokkelien Oosterwijk, eine gestrenge Autoritätsperson, das vollkommene Gegenmodell zu Rob Visser und seiner Pionierkirche.

„Die Kirche hat zu spät eingesehen, dass sie mit der Zeit gehen muss“, resümiert Oosterwijk den gewaltigen Traditionsabbruch der beiden letzten Generationen. Dabei spüre sie vor allem in Tauf- und Traugesprächen mit vielfach kirchenfernen Menschen ein großes Bedürfnis, Antworten auf große Lebensfragen zu finden: „Doch die Leute suchen lieber in irgendwelchen Splittergruppen.“

Den einprägsamsten Beweis für den drastischen Abbruch von Kirchlichkeit liefert Ruud Jongbloed, der Mesner der Westerkerk. Sein Namensschild mit dem Untertitel „koster“ für „Küster“ trägt er nur noch sonntags. Denn die meisten Werktagsbesucher der Kirche können mit dem Titel nichts mehr anfangen. Von Montag bis Samstag hat er sich freiwillig säkularisiert. Auf seinem Namensschild steht dann: „R. Jongbloed. facility management“ – der Hausmeister der Kirche.

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