Christliche Themen für jede Altersgruppe

An der Nahtstelle der Neuschöpfung

Jesus ist auferstanden, sagen wir Christen an Ostern. Aber was ist damit eigentlich gemeint? Beweisen lässt sich dieser Satz nicht, aber er weist uns auf etwas hin. 


Tuch mit Kreuzdarstellung über dem Altarraum beim Europäischen Jugendtreffen der Gemeinschaft von Taizè in Mailand. Das Gold nimmt die Auferstehung schon vorweg. (Foto: epd-bild)


Denn dies ist ja nicht das neutestamentliche Zeugnis, dass Jesus lediglich wiederbelebt wurde und in seine alte Leiblichkeit zurückkehrte. Umso unglaublicher ist die Aussage, dass Gott den gekreuzigten und begrabenen Jesus am dritten Tag in ein neues Leben auferweckt haben soll. Dafür gibt es in der bisherigen Geschichte der Menschheit weder beweiskräftige Analogien noch plausible innerweltliche Erklärungen.

Unglaublich ist die im Neuen Testament bezeugte Auferstehung des Gekreuzigten aber auch in einer ganz anderen Hinsicht – nämlich insofern, als sie für die Geschichte der Menschheit und das Verständnis von Gott sehr bedeutsame, sehr große Folgen hat. Wenn es stimmen sollte, dass der gekreuzigte und gestorbene Jesus von Gott auferweckt worden ist, dann erscheint sein Kreuz nicht länger als die Widerlegung seines gesamten Lebenswerkes, dann stellt sein schmachvolles Sterben in der Tat nicht seinen viele provozierenden Autoritätsanspruch infrage. Vielmehr erweisen sich das Leben, das Wirken und die Verkündigung Jesu im Licht seiner Auferweckung durch den himmlischen Vater als triumphal bestätigt.

Dass auch den ersten Jüngern die Auferstehung Jesu als unerhört und unwahrscheinlich erschien, bringt Lukas auf die eindrückliche Formel: „Da sie aber noch nicht glauben konnten vor lauter Freude und sich wunderten ...“ Als sie den Auferstandenen sahen, konnten sie es nicht glauben, weil sie sich „unglaublich freuten“ – gewiss die sympathischste Form des Auferstehungszweifels!

Die Auferstehungsbotschaft setzt den menschlichen Zweifel voraus: „Das ist zu schön, um wahr zu sein!“ Und sie hält an ihrem unerhörten Zeugnis umso nachdrücklicher fest: „Dies ist zu wahr, um nicht als schön – das heißt überwältigend und befreiend – erkannt zu werden!“ Die Frage, ob die Überlieferung von der Auferstehung Jesu glaubwürdig und glaubhaft ist, stellt sich also nicht erst für den so genannten modernen, aufgeklärten, kritisch denkenden Menschen, sondern – wie es alle Evangelien widerspiegeln – bereits für die Zeitgenossen Jesu unter Einschluss seiner engsten Umgebung.

Nach der Darstellung des Lukas reagieren die Jünger Jesu auf die Nachricht der Frauen, die vom leeren Grab zurückkommen, mit äußerster Skepsis: „Und es erschienen ihnen diese Worte wie leeres Gerede, Geschwätz“. Selbst bei der Erscheinung des Auferstandenen vor den versammelten Jüngern sollen diese nach Lukas zunächst mit „Angst und Schrecken“ reagiert haben und keineswegs von der „leibhaftigen“ Auferstehung ihres Herrn ausgegangen sein.

Auch nach Matthäus zweifeln einige der Jünger, vor denen der Auferstandene auf dem Berg in Galiläa erscheint, selbst dann noch, als sie ihn bereits sehen, so dass erst das Wort des Auferstandenen ihren Unglauben überwindet. In personalisierender Zuspitzung berichtet schließlich auch das Johannesevangelium vom – sprichwörtlich gewordenen – „Unglauben“ des Thomas, der die Botschaft von der Auferstehung Jesu nicht akzeptieren will, ohne den Herrn selbst gesehen und ihn berührt zu haben.

So sehr das Phänomen des Zweifels und des Unglaubens gegenüber der Auferstehungsbotschaft von Anfang an thematisiert werden musste, so sehr stellt sich die Frage nach der Wahrheit und Wirklichkeit der Osterbotschaft doch seit dem Umbruch der Aufklärung und seit der Säkularisierung unserer Gesellschaften in einer noch radikaleren und umfassenderen Weise.

Wo die Rede von der Existenz Gottes in Frage steht und als theistisches Relikt verdächtig ist, wird das neutestamentliche Zeugnis von der Auferstehung Jesu sicherlich nicht als plausibler erscheinen. Welchen Sinn macht es, an dem Bekenntnis von der leibhaftigen Auferweckung Jesu festzuhalten, wenn man zuvor bereits den Glauben an die personale Existenz Gottes aufgegeben hat? Will man – zugespitzt formuliert – im Ernst sagen: „Gott ist tot – aber er hat Jesus auferweckt“?

Da diese grundlegende Kritik der Neuzeit längst auch die Diskussion in der Theologischen Wissenschaft und in den Kirchen bestimmt, sehen sich die Gemeinden immer wieder in Wellen mit provozierenden Thesen zur Auferstehung Jesu konfrontiert. Als herausfordernd und anstößig wird dabei vor allem empfunden, dass die Infragestellung der vertrauten kirchlichen Überzeugung nicht etwa von „Außenstehenden“, sondern ausgerechnet von Vertretern Theologischer Fakultäten betrieben wird.
So löste in den 40er-Jahren des letzten Jahrhunderts das Entmythologisierungsprogramm Rudolf Bultmanns große Auseinandersetzungen aus, und in den 60er-Jahren das Auferstehungsbuch von Willi Marxsen. In den 90er-Jahren wurde die Auferstehungsdebatte vor allem durch die Veröffentlichungen von Gerd Lüdemann – speziell sein einschlägiges Buch: „Die Auferstehung Jesu. Historie, Erfahrungen, Theologie“ – neu angestoßen.

Dabei waren sicherlich weniger die historisch- kritischen Thesen Lüdemanns an sich ausschlaggebend als vielmehr die sehr direkte und bewusst unverblümte Art der Darstellung – zum Beispiel der Rede vom „vollen Grab“ und der „Verwesung“ des Leichnams Jesu.

So stellt sich – wenn schon in neutestamentlicher Zeit, wie viel mehr in der heutigen Diskussion – die drängende Frage: Was meint  in dem alten Osterbekenntnis „Der Herr ist wahrhaftig auferstanden!“ dieses verstärkende Adverb „wahrhaftig“, „wirklich“, mit dem offenbar die Zuverlässigkeit der Aussage und die Gewissheit der Zeugen unterstrichen werden sollen? Die Schwierigkeiten in der Diskussion um die Auferstehung beginnen – wie es meistens der Fall ist – bereits bei der Verwendung der Begriffe.
Was heißt hier „wirklich auferstanden“? Wir kennen alle – ob in der aktiven Rolle oder in der Rolle des „Leidenden“ – die klassische Frage eines Kirchengemeinderats an die neuen Vikare oder Pfarramtsbewerber: „Glauben Sie, dass Jesus auferstanden ist?“ Da ahnen die Vikarinnen und Vikare, nachdem sie sich über zehn Semester lang in Differenzierungen und Problematisierungen eingeübt haben, dass hier jetzt eine klare und entschiedene Antwort und kein Ausweichen erwartet wird. Und die Aufgabe wird dadurch nicht erleichtert, dass der Fragende während der Schrecksekunde der Betroffenen noch zu präzisieren sucht: „Ist die Auferstehung Jesu historisch?“

Was meinen wir, wenn wir im Zusammenhang mit der Auferstehung Jesu von „historisch“ reden? Möglicherweise wollen wir mit dem Begriff „historisch“ kennzeichnen, dass ein Geschehen wirklich, das heißt zu einem bestimmten Zeitpunkt der Geschichte und an einem konkreten Ort – also in diesem Fall um das Jahr 30 n.Chr. bei Jerusalem – stattgefunden hat. In diesem Sinne verstehen offensichtlich Lukas und die anderen neutestamentlichen Zeugen ihre Auferstehungsbotschaft als „historisch“ zutreffend. Mit dem Zusatz „historisch“ kann aber auch verbunden werden – und dies ist in der wissenschaftlichen Diskussion des letzten Jahrhunderts vorherrschend geworden –, dass ein Ereignis nach den Maßstäben der klassischen „Historischen Kritik“ als „wahr“ beziehungsweise als „historisch wahrscheinlich“ und „plausibel“ erwiesen werden kann. Und dies ist keineswegs dasselbe!
Ob die Auferstehung Jesu sich wirklich ereignet hat oder ob die Auferstehung Jesu als ein mit Hilfe der Historischen Kritik verifizierbares beziehungsweise plausibilisierbares Geschehen erfassbar ist, macht nur dann keinen Unterschied, wenn man das Wirklichkeitsverständnis im Sinne einer positivistischen Weltsicht von vorneherein einschränkt.

Wenn grundsätzlich nur das als „wahr“ und „historisch“ anerkannt werden soll, was sich in Entsprechung und in Beziehung zu anderen historischen Ereignissen und Erfahrungen „wahrscheinlich machen“ lässt – was also gegenüber den Prinzipien der grundsätzlichen Kritik, der Analogie und der Kausalität und der Korrelation bestehen kann – dann lässt sich das Zeugnis von der leibhaftigen Auferstehung Jesu „historisch“ nicht fassen.

Denn die Auferstehungsbotschaft der ersten Zeugen will weder Selbstverständliches übermitteln noch allgemein Einsichtiges und dem Menschen beliebig Verfügbares wiederholen. Die Erkenntnis der Auferstehung Jesu wird im Neuen Testament vielmehr durchgängig mit der Widerfahrnis göttlicher Offenbarung und dem Hinweis auf die Erscheinungen des Auferstandenen begründet. So kann man die Auferstehung Jesu sehr wohl für historisch – das heißt wirklich und leibhaftig geschehen – ansehen, ohne sie damit für historisch beweisbar zu halten.

Wenn aber unter  dem Gegenteil von „historisch“ einerseits „unhistorisch“ verstanden werden kann und andererseits „historisch nicht verifizierbar“, dann lässt sich die Frage nach der „Historizität“ der Auferstehung nicht mit einem einfachen „Ja“ oder „Nein“ beantworten.

Als historisches beziehungsweise geschichtliches Ereignis will das Auferstehungsgeschehen also nur insofern verstanden werden, als es aus der kommenden Welt in diese gegenwärtige Welt hineinragt und somit den Anbruch der Neuen Schöpfung Gottes und den Beginn der kommenden Geschichte Gottes mit seinen Menschen darstellt. Die Auferstehung Jesu wird allerdings nach den neutestamentlichen Zeugnissen nicht als eine Wirklichkeit verstanden, die sich mit den Mitteln, Erfahrungen und Verhältnissen der bisherigen menschlichen Geschichte bereits hinreichend erfassen und beschreiben ließe. Diese Nahtstelle zwischen alter und neuer Welt, zwischen bisheriger und neuer Schöpfung und zwischen menschlicher Geschichte und göttlicher Offenbarung wird in den Evangelien durch die Tradition von der Auffindung des leeren Grabes am Ostermorgen bezeichnet.

Den verzweifelten Frauen wird unter Hinweis auf das leere Grab eröffnet, dass sie Jesus den Gekreuzigten hier vergebens suchen, da er auferstanden ist. Als von den Toten Auferstandener ist Jesus weder in dem Grab geblieben, in das sie ihn gelegt hatten, noch auch in seine alte Leiblichkeit zurückgekehrt, so dass die Frauen ihn noch in der Umgebung Jerusalems – das heißt in Zeit, Raum und Materie – finden könnten. Das leere Grab verdeutlicht, dass die Neue Schöpfung Gottes die bisherige Schöpfung aufnimmt und das Sterbliche verwandelt; sie wirkt in Zeit, Raum und Geschichte hinein.
Zugleich aber steht das leere Grab auch dafür, dass die Auferstehungswirklichkeit dem nach geschichtlichen Entsprechungen und Erklärungen Urteilenden entzogen bleibt, weil sie nicht Bestandteil und Möglichkeit der bisherigen menschlichen Geschichte ist. Sie ist ein eschatologisches Ereignis. Weiter als zu dem historischen Rand des Geheimnisses der Auferstehung können wir in Anbetracht des leeren Grabes mit Mitteln historischer Forschung nicht kommen – aber so weit immerhin!