Christliche Themen für jede Altersgruppe

Angst vor Isolation - Auswirkungen der Corona-Krise

GROSSERLACH (Dekanat Backnang) – Die Auswirkungen der Corona-Krise sind für viele gravierend. Doch Menschen, die ohnehin am Rand der Gesellschaft leben, leiden besonders darunter. Sie geraten noch mehr ins Abseits – mit teils verheerenden Folgen. Einblick in die Situation beim diakonischen Sozialunternehmen Erlacher Höhe.

Unter Quarantäne fühlen sich psychisch erkrankte Menschen noch mehr auf sich allein gestellt. Foto: eric ward/ unsplashUnter Quarantäne fühlen sich psychisch erkrankte Menschen noch mehr auf sich allein gestellt. Foto: eric ward/ unsplash

Für David B. (Name geändert) lief es „an sich wieder gut“, so beschreibt er es. „Ich habe meine Weiterbildung gemacht, mich um meine Sachen gekümmert, alles war okay.“ Dann kam Corona – und für den alkoholkranken Mann änderte sich das Leben komplett. „Man konnte nirgends mehr hin, nichts mehr machen. Ich habe mich dann wieder gehen lassen, mir war alles egal. Ein Vierteljahr geht das jetzt so.“

Vor Corona war David B. fast täglich in der Tagungsstätte zu Gast: für ein günstiges Essen, um das Internet kostenlos zu nutzen und an Gemeinschaftsaktivitäten teilzunehmen – für ihn eine Art zweites Zuhause. Das alles fiel dann weg. „Das hat nicht nur ihm, sondern auch vielen anderen Menschen nicht gutgetan“, sagt Wolfgang Sartorius. Der Vorstand der Erlacher Höhe betont, Menschen wie David B. hätten es durch den Lockdown „nicht einfacher gehabt, wie man vermuten könnte“, sondern schwerer. Denn durch das nur noch eingeschränkt vorhandene Unterstützungssystem seien gerade Plätze für suchtkranke Menschen zu Gunsten von potentiellen Quarantäneplätzen abgebaut worden. „Dadurch standen viele von ihnen erst einmal auf der Straße.“

Betroffen von den Corona-Auswirkungen sind aber auch Menschen, die psychisch erkrankt sind und ohnehin sozial isoliert leben. Gerade bei ihnen hat sich die Situation verschärft, sagt Sartorius. So habe ein junger Mann in einer Außenstelle während der Quarantäne einen akuten psychotischen Anfall erlitten. „Die Psychiatrie war nicht bereit, ihn aufzunehmen. Das war ungeheuer belastend für den Betroffenen, aber auch für unsere Mitarbeiter.“

Ohnehin kamen die Verantwortlichen der einzelnen Bereiche während des Corona-Shutdowns an ihre Grenzen. So musste eine komplette Einrichtung vorsorglich unter Quarantäne gestellt werden, berichtet Klaus Engler, Abteilungsleiter bei den Sozialtherapeutischen Hilfen. Alle Bewohner blieben auf ihren Zimmern, das Essen wurde verschweißt und vor die Türe gestellt. „Das war ein unvorstellbarer organisatorischer Aufwand.“ Zumal von den Mitarbeitern ebenfalls, nach der Erkrankung eines Kollegen, zwei Drittel der Belegschaft in Quarantäne geschickt wurde.

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Die Therapien mussten umgestellt werden – gruppentherapeutische Arbeit war nicht mehr möglich, die Klienten wurden voneinander getrennt. Dass sich gerade für psychisch erkrankte Menschen die Situation verschärft hat, bestätigt Engler. „Vor allem Jüngere haben sich damit schwergetan, die Einrichtung nicht verlassen zu dürfen, das hat teilweise massive psychische Krisen ausgelöst.“ Hinzu komme, dass manche von ihnen große Angst hätten, sich mit dem Virus anzustecken, und sich auch jetzt nur zögernd trauten, die eigenen vier Wände zu verlassen.

Nadin Himmelsbach ist Abteilungsleiterin der Eingliederungshilfe vom Haus an der Rems. Dort wohnen chronisch mehrfach beeinträchtigte, abhängigkeitskranke Menschen. Himmelsbach hat als besonders gravierend in der Corona-Krise empfunden, „dass den Bewohnern die Tagesstruktur weggebrochen ist“. Diese durften ihre Einrichtung nur noch für Spaziergänge oder dringende Arztbesuche verlassen. „Es ist schwierig, dann trotzdem dafür zu sorgen, dass die Stimmung gut bleibt.“ Durch das Maskentragen in den Gemeinschaftsräumen entstehe eine zusätzliche Distanz untereinander. Mit Beratungsgesprächen per Telefon, via Internet oder bei Spaziergängen im Freien versuchten die Verantwortlichen, in der bestehenden Situation Nähe zu erhalten.

Corona-Krise - Beratung per Telefon und Internet

Karl-Michael Mayer, Abteilungsleiter der Sozialen Heimstätte Erlach, hat bei einigen Bewohnern in den vergangenen Monaten „eine große Angst“ registriert. „Viele haben sich gefragt: Was wird aus mir?“ Die Hygiene-Maßnahmen, wie sie etwa bei der Essenausgabe gelten, seien auf „erstaunlich hohe Akzeptanz“ gestoßen. Schwierig sei jedoch gewesen, dass kein Besuch mehr bei den von Wohnungslosigkeit bedrohten Menschen möglich gewesen sei. Und „es gab so gut wie keine Kontakte mehr innerhalb der Gruppe“.

Für Suchtkranke hat sich die Situation unter Corona verschärft. Foto: jeremy-bishop/ unsplashFür Suchtkranke hat sich die Situation unter Corona verschärft. Foto: jeremy-bishop/ unsplash

Unter dem erzwungenen Rückzug hätten einige sehr gelitten. „Viele unserer Klienten leben ohnehin in starker Isolation und sehr auf sich bezogen. Sie haben keine Familienangehörigen und sind daher auf die sozialen Kontakte in unserer Einrichtung angewiesen.“ Durch die fehlenden Freizeit- und Gruppenangebote „wurden die Menschen auf sich selbst zurückgeworfen“.

Was also muss bei einem möglichen zweiten Lockdown anders werden? Kurt Sartorius fordert von der Politik eine verbesserte Wohnungsbaupolitik mit adäquaten Standards, auch, um die Hygienevorschriften auf sozialverträgliche Weise einhalten zu können. Zudem müssten auch in Pandemie-Zeiten Ämter und Behörden persönlich verfügbar sein; Hilfsangebote dürften nicht von digitalen Ressourcen abhängen.

Auch sollte es möglich sein, bei allem Bedürfnis nach Schutz, persönliche Kontakte zu psychisch eingeschränkten Menschen weiterhin aufrechtzuerhalten. Für Sartorius steht fest: „Corona hat uns die ganzen Mängel vor Augen geführt. Jetzt stellt sich die Frage, ob die Weichen auch dauerhaft neu gestellt werden.“ □

Das diakonische Sozialunternehmen Erlacher Höhe mit Hauptsitz in Großerlach hilft seit über 125 Jahren Menschen in sozialen Notlagen. Die Mitarbeiter unterstützen wohnungslose, arbeitslose, suchtkranke, pflegebedürftige und in anderer Weise benachteiligte Menschen und arbeiten in der Flüchtlings- und Jugendhilfe. Mit ihren Angeboten erreichen sie täglich etwa 1600 Menschen.

Informationen im Internet: www.erlacher-hoehe.de

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