Christliche Themen für jede Altersgruppe

Anknüpf-Aktion in der Altstadt

RAVENSBURG – In Oberschwaben gibt es Christen, die sich nicht damit abfinden wollen, dass Evangelische und Katholische kein gemeinsames Abendmahl feiern. Deswegen setzen sie nun einmal im Monat ein Zeichen: mit einer Menschenkette und Stoffbändern. 


Etwa 50 Menschen haben begonnen, ein Band zwischen katholischer und evangelischer Kirche in Ravensburg zu knüpfen. (Foto: Christof Schrade)


Auch am ersten Sonntag im Januar werden vor der katholischen Liebfrauenkirche im oberschwäbischen Ravensburg nach der Messe wieder Menschen bunte Bänder zusammenknüpfen. Sie werden sie in Händen halten und eine ökumenische Menschenkette bilden. Bis zum Reformationsjubiläum 2017 wollen sie so viele sein, katholische und evangelische Christen, dass ihre „Anknüpf-Aktion“ einmal quer durch die historische Altstadt reicht – bis zur 400 Meter entfernten evangelischen Stadtkirche.

Am 1. November haben sie sich zum ersten Mal versammelt und ihre Initiative unter das Motto „Vom Trennen zum Teilen – Abendmahl für alle“ gestellt. Die von der Arbeitsgruppe „Kirche lädt ein“ getragene Aktion will ein Zeichen setzen „für den gleichberechtigten Zugang von katholischen und evangelischen Christen zu Eucharistie und Abendmahl“. Knapp 50 Menschen waren zur Auftaktveranstaltung gekommen – mindestens zehn Mal so viele müssen es werden, damit ein durchgehendes Band aus Menschen zwischen den beiden Kirchen entsteht. Der katholische Theologe Theodor Pindl hat sich über den Zuspruch zur Auftaktveranstaltung sehr gefreut. Jeden ersten Sonntag im Monat wollen sie nun „aneinander anknüpfen“. Ob das Ziel zu schaffen ist? Das ist nicht die Frage, die Pindl am Anfang bewegt. „Es werden auch Zeiten kommen, in denen wir vielleicht weniger sind als am Sonntag zuvor. Da wollen wir den Mut nicht sinken lassen. Wir setzen darauf, dass die Menschen, die einmal mitgemacht haben, beim nächsten Mal Familie und Freunde mitbringen und so unsere Menschenkette immer länger wird“, sagt der Theologe.

Pindl ist Mitglied der Arbeitsgruppe „Kirche lädt ein“, die sich während des „Ravensburger Konzils“ 2013 gebildet hatte, einem Dialogforum der katholischen Kirche. Die Kirchenversammlung hatte sich damals mit großer Mehrheit für die „eucharistische Gastfreundschaft“ ausgesprochen. Von „offizieller Seite“, sagt Pindl, sei es den Evangelischen immer noch verboten, Brot und Wein im katholischen Gottesdienst zu empfangen. „Und Katholiken ist es noch immer nicht erlaubt, am evangelischen Abendmahl teilzunehmen, obwohl dort Gastfreundschaft gewährt wird“. Damit müsse nach 500 Jahren Schluss sein. In Ravensburg wollen sie dazu einen Anfang setzen.

Seine Kritik fasst Pindl in deutliche Worte: „Ein Mahl, zu dem nicht einmal glaubende Getaufte eingeladen sind, leidet an einem unauflöslichen Widerspruch. Wir wollen uns nicht zufrieden geben mit dem Stillschweigen der katholischen Kirche zu dieser Frage. Ihre Mutlosigkeit schmerzt uns.“ Hermann Riedle, Pfarrer von Liebfrauen, zeigt, dass er nicht zu den Mutlosen gehört. Er reiht sich gleich als Zweiter in die Kette ein, nickt immer wieder zustimmend, so lange Pindl spricht. Dann wird es still auf diesem Teil des Ravensburger Marienplatzes, der guten Stube der Stadt. Menschen knüpfen Tücher aneinander, immer länger wird ihre Kette. Die Menschen bleiben mehrere Minuten schweigend stehen. Als die Bänder wieder eingerollt werden, kommen sie miteinander ins Gespräch. Evangelische und Katholische, Junge und Alte, Männer und Frauen.

Isolde Leopold, die bunte Bänder verteilt, findet, dass sie in der Gruppe „Vom Trennen zum Teilen“ gut aufgehoben ist. Sie ist geschieden und wieder verheiratet, war katholisch und ist evangelisch. Und sitzt damit sozusagen zwischen allen Stühlen. In ihrer Herkunftskirche war sie schon in ihrer Gemeinde aktiv, auch als evangelische Ehrenamtliche gehört sie zu den Aktivposten. Auch wenn sie der katholischen Kirche „nach wie vor freundschaftlich verbunden“ ist, sagt sie: „Ich kann von den Nöten innerhalb der gemischt konfessionellen Familien erzählen und die Sorgen verstehen. Mein Anliegen ist es etwas zu tun, damit ein gutes Miteinander einmal möglich wird.“ Und einen Wunsch hat sie auch: „Wäre es nicht schön, wenn sich die beiden Kirchen gleichberechtigt miteinander auf den Weg machen würden und wieder die Seelsorge, also die Nöte und Anliegen der Menschen, in den Blick nehmen würden?“


Weitere Infos gibt es auf Theodor Pindls Blog: kirchelädtein.de/blog. Die nächsten Termine sind am 3. Januar, 7. Februar und 6. März 2016.