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Anpacken für den Nächsten - Interwiew mit der Leiterin der Vesperkirche

Diakoniepfarrerin Gabriele Ehrmann ist überzeugt, dass Nächstenliebe das Menschsein ausmacht. Im Gespräch mit Katharina Hirrlinger erklärt die Leiterin der Stuttgarter Vesperkirche, warum Nächsten- liebe so wichtig ist – besonders in diesen Tagen.

Ehrenamtliche Helfer, Lebensmittelspenden. Foto: Arron Doncett, pixabayEhrenamtliche Helfer, Lebensmittelspenden. Foto: Arron  Doncett, pixabay

Frau Ehrmann, was ist Nächstenliebe?

Gabriele Ehrmann: In der Bibel gibt es die Aufforderung, Gott zu lieben, den Nächsten zu lieben und sich selbst zu lieben. Nächstenliebe ist Teil dieser Dreiheit. Die Geschichte vom barmherzigen Samariter steht beispielhaft für das, was Nächstenliebe ist. An dem Verletzten gehen Priester und Levit vorbei. Doch der Samariter, der eigentlich aus einer anderen Religionsgemeinschaft stammt, hilft dem verletzten Mann. Es berührt ihn, den Mann verletzt zu sehen. Er versorgt seine Wunden und bringt ihn in Sicherheit in ein Gasthaus. Wenn Jesus bedürftigen Menschen begegnet, wird im Neuen Testament oft ein hebräischer Begriff verwendet. Übersetzt heißt der Begriff „bis in die Eingeweide hinein“. Das soll bedeuten, ein Mensch merkt körperlich, dass jemand anderes leidet. Das bewirkt dann ein Handeln.

» Begegnung auf Augenhöhe «

Wer ist denn eigentlich überhaupt der Nächste?

Gabriele Ehrmann: Aus dem Griechischen übersetzt ist der Nächste jemand aus der eigenen Gemeinschaft, ein Mitbürger sozusagen. Der Nächste kann aber jeder sein. Die Begrenzung auf das eigene Volk ist durch die Geschichte vom barmherzigen Samariter aufgehoben worden. Jesus holt viele Geschichten aus der Enge heraus und universalisiert sie. In der Geschichte vom Samariter kommt aber noch etwas zum Ausdruck: Nämlich, dass ein Mensch nicht Nächster ist, sondern je nach Situation zum Nächsten wird.

In der Bibel steht: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst. Muss man sich erst selbst lieben, um Nächstenliebe zu geben?

Gabriele Ehrmann: Ohne Selbstliebe fällt es sicherlich schwer, Nächstenliebe zu empfinden. Und ohne die Erkenntnis, dass man selbst geliebt ist, kann man Nächstenliebe nur schwerlich weitergeben. Das bedingt sich also gegenseitig und braucht eine Balance. Wenn man sich selbst gar nicht liebt und nur den Nächsten, dann ist das in der Regel Selbstausbeutung.

Wie weit darf Nächstenliebe gehen?

Gabriele Ehrmann: Viele Menschen arbeiten in sozialen Berufen, weil es sie zufrieden macht, wenn sie sich um andere kümmern. Soziale Arbeit kann erfüllen. Wenn sie aber grenzenlos wird, dann lauert auch Gefahr. Der barmherzige Samariter hätte den Verletzten zum Beispiel auch mit zu sich nach Hause nehmen und ihn dort pflegen können. Das hat er nicht getan. Er hat ihn in eine Herberge gebracht. Vermutlich hatte er seine eigenen Grenzen im Blick. Jeder muss selbst herausfinden, was er oder sie leisten kann. Viele Menschen, die Angehörige pflegen, opfern sich auf und erleben irgendwann, dass es nicht mehr geht. Ich darf auch wie der Samariter abgeben. Gerade deshalb gibt es die Diakonie. In Stuttgart findet man allein mehr als 30 diakonische Einrichtungen mit Fachkräften. Diese sind genau dafür qualifiziert, solche Aufgaben zu übernehmen. Es ist nicht verwerflich, wenn Menschen diese Hilfe in Anspruch nehmen. Eine weitere Grenze würde ich da ziehen, wo jemand meint, genau zu wissen, was dem Nächsten gut tut. Nächstenliebe fragt nach. Und Katastrophensituationen sind noch einmal gesondert zu betrachten. Da gehen Helfende zum Teil weit über ihre Grenzen. Und das zeichnet sie aus.

Müssen Menschen für Nächstenliebe immer an ihre Grenzen gehen?

Gabriele Ehrmann: Für mich sind ein gutes Wort und anderen auf Augenhöhe zu begegnen auch schon ziemlich viel wert. Der barmherzige Samariter merkt zum Beispiel, dass er in dieser Situation gefordert ist. Er tut, was er tut ohne Hintergedanken: Das ist Nächstenliebe.

Es ist oft leichter Nächstenliebe für Familie zu geben, als für Fremde – kann man da Unterschiede machen?

Gabriele Ehrmann: Nächstenliebe ist eingeübter im nahen Umfeld. Aber es überrascht mich immer wieder, wie Menschen sofort bereit sind zu helfen, wenn irgendwo etwas passiert. Für mich ist Nächstenliebe etwas, was uns im Innersten als Menschen ausmacht. Manchmal heißt es: Menschen würden sich nicht umeinander kümmern. Das ist in der Regel nicht so. Wenn ich daran denke, wie viele Menschen sich in der Vesperkirche engagieren, ist das ein Zeichen dafür, dass es unsere Aufgabe ist, als Menschen für andere da zu sein.

Wie können Menschen Nächstenliebe lernen?

Gabriele Ehrmann: Ich bin der Meinung, dass man Nächstenliebe nicht lernen muss, denn sie gehört zum Wesen des Menschen dazu. Aber man kann im Umfeld Nächstenliebe oder Achtsamkeit für andere trainieren. Das nennt man soziales Lernen. Es geschieht überall da, wo Menschen sich begegnen und Anteil aneinander nehmen.

» Man bekommt viel zurück «

Gabriele Ehrmann bekommt als Diakoniepfarrerin viel Nächstenliebe zurück. Foto: Katharina HirrlingerGabriele Ehrmann bekommt als Diakoniepfarrerin viel Nächstenliebe zurück. Foto: Katharina Hirrlinger

Es gibt jedoch viele Menschen, die sich nicht sozial – also ohne Nächstenliebe – anderen gegenüber verhalten. Was ist mit denen?

Gabriele Ehrmann: Es gibt Menschen, die eher selbstbezogen leben, die vielleicht auch weniger Kontakt mit anderen pflegen. Es gibt außerdem Menschen, die schlechte Erfahrungen gemacht haben, die sie prägen. Ich will unsoziales Verhalten nicht alleine darauf zurückführen, aber das mag auch mit ein Grund sein, dass jemand die Nächstenliebe nicht in der Weise erlebt hat wie andere. Auch unterschiedliche psychische Strukturen spielen eine Rolle. Es gibt Menschen, die sehr viel Hass empfinden und zum Beispiel andere am Bahnsteig auf die Gleise stoßen – das ist wahrlich keine Nächstenliebe. Zum Menschsein gehört auch eine dunkle Seite.

Wo erfahren Sie als Diakoniepfarrerin in Ihrer Arbeit Nächstenliebe?

Gabriele Ehrmann: Ich erfahre Nächstenliebe an ganz vielen Stellen. Und ich bekomme auch viel Nächstenliebe zurück. Es ist nicht so, dass man nur ackert und Kräfte verströmt und hinterher ausgelaugt und leer ist. Nächstenliebe ist ein Miteinander. In der Vesperkirche sind wir ganz viele Menschen, die sich engagieren. Und wenn viele an einem Strang ziehen mit dem Ziel, etwas für andere zu tun, dann bekommt man ganz viel Nächstenliebe zurück.

Krieg, Klimakrise und Pandemie – wir leben in schwierigen Zeiten. Ist Nächstenliebe heute wichtiger denn je?

Gabriele Ehrmann: Ich glaube schon! Wir merken gerade in unserer Gesellschaft, dass sich an vielen Orten bekannte Strukturen ändern. Regale sind nicht mehr so gefüllt und Lieferketten sind unterbrochen. Überall mangelt es an Mitarbeitenden und in den Städten ist Einsamkeit weit verbreitet. Nächstenliebe kann das nicht alles auffangen, aber vielleicht kann sie helfen, anders zu gewichten – zum Beispiel, dass das Zwischenmenschliche eine größere Rolle spielt. Vielleicht werden Nachbarschaften auch die Orte sein, an denen Nächstenliebe wächst. Und Quartiersarbeit wird zentral für die Kirchengemeinden. Bundeskanzler Olaf Scholz hat neulich gesagt, dass wir uns unterhaken sollen angesichts der Krisen. Da ist was dran. Wir können uns gegenseitig unterstützen und helfen. Und wir haben große Ressourcen in unserer Gesellschaft, gemeinsam über die Runden zu kommen. Mit guter Nachbarschaft lässt sich auch manches besser aushalten. Nächstenliebe ist für mich auch ein Hoffnungswort für schwierige Zeiten. Ich kann etwas weitergeben weil ich mich geliebt weiß.

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